Der Diktator Englands verjcywtz also aus zwei Gründen dem Friedensbegehren der englischen Kaufmannschaft sein Ohr. Einmal, weil er die absolute Gewißheit zu haben glaubte, daß Deutschland jederzeit, auch nach einem völligen Siege und nach noch weiteren großen Opfern zu einem billigen, England schonenden Frieden bereit sein werde.
Woher kann der englische Diktator diese Gewißheit anders geschöpft haben, als aus den immer wiederholten Versicherungen gewisser deutscher Politiker, sie hielten unentwegt an dem Grundsatz jener unseligen Verzichtfried-msresoluüou der deutschen Neichstagsmehr- heit fest; sie würden au h weiter, selbst nach den größten weiteren Waffenerfol 'en dagegen ankämpfen, daß den besiegten Feinden als Strafe für ihre Hartnäckigkeit ein „Gewaltsriede" (ein F iede mit Entschädigungsoer- pflichtung) aufgezwungen werde. Auf Grund solcher Aeußerungen nur konnte Lloyd George jede Besorgnis vor Verschlechterung der Friedensbedi'ngungen für England bei unglücklicher Fortsetzung des Krieges verbannen, zumal ihm auch ein „Verzichtsfrieden" die Aussicht bieten würde, sein Kriegsziel, „die wirtschaftliche Vernichtung Deutschlands" zu erreichen.
Zum andern aber vertraute er auf eine „nahe bevorstehende innere Revolution" in Deutschland, die England trotz aller Mißerfolge und Bedrängnis zu Lande und Wasser dieses sein Kriegsziel (die wirtschaftliche Vernichtung Deutschlands) erreichen lasten werde. Auch dieses Vertrauen des englischen Diktators und Oberhauptes der ganzen Entente auf Revolution in Deutschland wird leider von uns noch immer wieder mit neuer Nahrung versehen. Dian hört aus gewissen politischen Kreisen heraus noch immer wieder, die Maste des Volkes werde sich stark genug zeigen, um diese oder jene Forderung noch während des Krieges zu erzwingen, falls sie nicht freiwillig sofort erfüllt werde. Deutsche Politiker, die jetzt mit solchen „Voraussagen" arbeiten, rufen Lloyd Georges vielleicht schon im Verschwinden begriffene Hoffnung immer von neuem ins Leben zurück, daß eine Revolution in Deutschland England den Sieg und die Erreichung seines Kriegszieles doch noch sichern werde. Sie tragen damit noch mehr zur Verlängerung des blutigen Krieges bei als jene anderen — (die allerdings z. T. mit ihnen identisch sind) — die auch dem hartnäckigsten Feinde gegenüber von keinem Ent- lchädigungssrieden etwas wissen wollen.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag ist gestern wieder zusam mengetreten. Der Vizepräsident Dr. Paasche widmet dem verstorbenen Präsidenten Kämpf einen Rachruf, in dem er dessen Pflichttreue und Diensteifer hervorhebt. Der Reichskanzler Graf HertUng schloß sich dem an, worauf der Bizepräsident eine lange Reihe von Vei- leidskundgcbungen verlas. Nach Erledigung einer Reihe von kleinen Anfragen, ging das „hohe Haus" zur Aussprache über Belagerungszustand und Zensur über, wobei sich Zentrum und Sozialdemokratie wirrer einmal an der Vaterlandspariei rieben. Morgen findet die Beratung über das Gesetz betr. Lohnerhöhung für die Reichs Lagsabgeordneten statt.
Preußischer Landtag.
Der Präsident Graf Schwerin gedenkt des Ablebens des Reichstagspräsidenten Kämpf, worauf zur Beratung über die Gestütsverwaltung geschritten wurde. Dr. Hoesch (kons.) verlangte eine Zusammenarbeit der Regierung mit dem ' Eine besondere Beförderung der Kaltblutzucht wurde gewünscht, auch die Halbblutzucht muffe mit Energie betrieben I werden. Don anderer Seite wurde getodelt. daß die Heeresver- waltung an die Landwirte so niedere Preise zahle, daß sie für Neuanschaffung nicht reichten.
Noch eine ^fntriFöorfwmlation gkgcn
tkybkrm.
Die Zentrumspartei im Wahlkreise Dortmund-Horde sprach sich in einer Enffchii-ßrma für das gleiche Wahlrecht ans Nach Ansdruck des vollsten Vertrauens zu den Führern der Landtagssraktton heißt es in der Entschließung zum Fall Erzberger i
„Tie Vorgänge am 8. Mai im Hanptausschuß des Deutscken Reichstages, die sich abermals an den Namen des Abgeordneten Erzbergers knüpften, haben in weiten Kreisen unserer Parteifreunde eine lebhafte Beunruhigung und teilweise Entrüstung hervorgerufen. Diese gegenwärtige Stimmung ist geeignet,' das Ansehen der Partei aufs schwerste zu schädigen. Zu unserem Bedauern fehlt immer noch ein klarer parteiamtlicher Bericht über die erwähnten Vorgänge im Hauptausschuß des Reichstags, und deshalb ist es nicht möglich, Stellung für oder gegen das Auttreten Erzbergers zu nehmen. Aber eines verlangen wir mtt aller Entschiedenheit: Die Polittk der Ueberraschungen und Beunruhigungen muß endlich ein Ende nehmen. Nach den Ereignissen der letzten Zeit liegt es deshalb im Interesse unseres Vaterlandes und der Zentrumspartei, wenn der Herr Abg. Erzb"r^r nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Wortsi des Zentrums auftritt"
Die Organisation in Münster hatte bekanntlich ausdrücklich die Entfernung Eczbergers aus dem Hauptaus-
ichuß verlangt.
Keine „0)t)itt'Dti" für fukiOorff!
Die sozialdemokratischen Gewerkschaften Bielefelds hoben es abgelehnt. dem Ortsausschuß für die Ludendortt-
Spende beiz «treten. Die sozialdemokratische „Bielefelder Volkswacht" sucht dies Verhalten ihrer Gesinnungsgenosten wie folgt zu rechtfertigen:
„Die Vertreter der freien Gewerkschaften haben der Einladung keine Folge leisten können. Sie hätten sich mit einer Aufforderung zur Beteiligung an der Spende in einen bewußten Gegensatz zu den Teilen der Arbeiterschaft gesetzt, zu deren Vertretung sie bestellt find. Unter den freigewerk- schaftlich organisierten Arbeitern besieht nicht die geringste Neigung, sich an der Spende zu beteiligen. Wenn auch der gute Zweck, mit den Erträgnissen der Spende das Los der Kriegsbeschädigten zu mildern, voll anerkannt und gewürdigt wird, so ist andererseits nicht zu bestteilen, daß die Verbindung der Spende mit dem Namen des Ersten Generalquartiermeisters eine Ovatton für diesen bedeutet, und daran möchten sich die Arbeiter nicht beteiligen. Ludendorff gilt in den Kreisen der Arbeiter als ein Vertteter der Richtung, die sich in der Außenpolitik im Sinne eines Ge- Waltfriedens, und im Innern im Sinne der Hinaus- zögerung freiheitlicher Reformen betättgt. Ob diese Auffassung richtig ist, wissen wir nicht. Aber die Arbeiter wissen daß die Alldeutschen und Vaterlandsparteiker Ludendorff für sich reklamieren. (!) Es ist nichts bekannt geworden, wag dem widerspricht, vieles aber ist zur Kenntnis der Oeffeni- lichkeit gelangt, was diesen Eigentumsanspruch der Vaterlandspa rteiler als berechtigt erscheinen läßt. Wenn ein Protest dagegen bisher nicht hervorgetreten ist. so liegt das an den besonderen Verhältnissen der Kriegszeit, die wir wohl kaum näher anzudeuten brauchen. Hier aber haben die Arbeiter Gelegenheit, ihre Auffassung zum Ausdruck zu bringen."
Wenn eine Scheidemann-Spende für die Bolschewik: eingeleitet würde, hätten die Herren Genossen sicher keine Bedenken, so aber gilt es ja „nur" die Unterstützrmg der eigenen Brüder die für das Vaterland geblutet haben. Bagatelle für gesinnungstreue Gleichgesinnte der Tschechen, über die man sich gelegentlich der uns sogar noch „entrüstet"!
Ans der Heimat.
Friedbery. Gestern Nachmittag sind zwei russische Offiziere vom hiesigen Ofsiziersgesanaenenlager entwichen. Die Bevölkerung wird gebeten, Achtung auf verdächtige Personen zu haben und gegebenen Falles gleich Meldung zu erstatten.
Ober-Wöllstadt. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch brachen Diebe in die Stallungen der Landwirte Georg Schütz. Joseph Hof und Heinrich Breidenbach ein und nahmen ein Schwein und einige Hasen mit. Die Diebe sind mit ihrer Beute unbemerkt entkommen.
Bad-Nauheim. Drittes Sinfoniekonzert der Kur* kapelle am Donnerstag, den 6. Juni, im Konzerthaus. Leitung: König!. Profeffor Hofrat Hans W i n d e r st e i n. Die Vortragsordnung bringt — zum erstenmal in Bad- Nauheim — die Fdur Sinfonie Nr. 3 von Brahms, ferner die große Ouvertüre zu „Benvenuto Eellini" von Berlioz und die Ungarische Rhapsodie in D — Joseph Joachim gewidmet — von Franz Lißt für Orchester. Als Solist wirkt Herr Gutta Easini, der erste Solocellift des Orchesters mit; der junge Künstler wird die Variationen über ein Rokoko- Thema von Tschaikowski mit Orchesterbegleitung porttagen.
Rodheim v. d. H. Freitag, den 7. Juni feiern die Eheleute Hch. Weiter IX. das seltene Fest der goldenen Hochzeit in voller Rüstrgkeit. Unseren herzlichen Glückwunsch
FC. Crouberg, 2. Juni. Die Stadtverordneten beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung mit der Frage der notwendigen Milchpreiserhöhung, daß trotz der hohen Futterpreise die Milch zum alten Preise abgegeben werden müsse, während in allen Städten der Umgegend schon längst höhere Preise beständen Von mehreren Seiten wurde die Erhöhung des Milchpreises anerkannt, und das Ansneben soll dem Kreisaussckmß vorgetragen werden. — Die Neuverpachtung der Jagd soll erst nach Kriegsschluß ausgeschrieben werden.
Aus Rhcinhessen.
FC. Worms, 31. Mai. In der hier abgehaltenen Provinzial-Konferenz der evangelischen Pfarrer Rhein- Hessens wurde nach einem Vortrag über die Wirkungen des Krieges auf unser Volk und die Aufgaben des Pfarramtes in der Diskusion allgemein hervorgehoben, daß die Spannung zwischn Stadt und Land ihren Höhepunkt überschritten rmd einer Verständigung Platz gemacht habe.
FC. Ober-Ingelheim, 3. Juni. Auf Anttag der hessischen Landeseierstelle hat das hiesige Amtsgericht an über 1000 Geflügelhalter Sttafbefehle in Höhe von 50 bis 800 Mark wegen Nichterfüllung der Eierablieferungspflicht im Jahre 1917 erlassen. Für jedes nicht abgelieferte Ei ist eine Strafe von einer Mark festgesetzt worden. Nur so weiter!
Ans Hessen. Nassau.
FC. Vom Main- und Rhcingebiet. Die Kornblüte ist soweit durch und gut urrd schnell verlmffen. Die Fruchtaussichten sind allenthalben gut.
FC. Vom Main, 3. Juni. Die beiden städtischen Kollegien in Afchaffenburg haben dem Abschluß eines Vertrages zugestimnrt, wonach gemeinsam mit dem bayerischen Staat imd zwei Großbanken die Gründung einer Main- siedelungsgesellschast zur Herstellung baureifen Industrie- geländes im Anschluß an die Mainkanalanlogen erfolgt. Der Landtag wird sich dem,eichst mit der Gründung zu beschäftigen haben.
FC. Flörsheim, 2. Juni. Bei der Versteigerung der
Gras Nutzung wurde hier die stattliche Summe von 4736
Mark erzielt. Früher wurden hierfür höchstens 500 Mars erzielt.
FC. Kestert, 2. Juni. Hier ist die Kirschenernte im vollen Gange. Wenn auch der Ertrag zu wünschen übrig läßt, so bietet sich doch durch die hohen Preisen eine Einnahme, wie in keinem Jahre vorher. Es werden für da- Pfund 2,00 Mark und mehr gezahlt.
FC. Heegheim, 2. Juni. Hier wurde ein Kalb ge- stöhlen das im nahen Walde abgeschlachtet wurde. Die Haut wurde gefunden, das Fleisch war verschwunden.
FC. Biebrich, 3. Jlmi. Eine Schaffnerin wurde auf lautes Wimmern aus einem Abort, der auf hessischem Gebiet des Rangierbahnhofs liegt, aufmerksam. Sie holte Hilfe, und man fand in das Aborttohr eingezwängt ein in eine Schürze ein gewickeltes noch lebendes Kind vor. DaS Kind wurde dem Krankenhaus übergeben.
FC. Eltville, 3. Juni. Nachfolger des am 1. Juni ia den Rrchestand tretenden Kgl. Weinbaudirektors Geh. Rs- gierungsrat Ezeh ist der jetzige Direktor der Kgl. Bayerische» Wein- und Gartenbauschule in Veitshöchheim a. M. Der Sitz der Weinbaudirektion wird mit dem gleichen Tage von Wiesbaden nach hier verlegt. Zur Schaffung einer Dienst. Wohnung des Direktors und Unterbringung der Geschäftsräume hat die Kgl. Regierung das Anwesen Wallureistraße d dahier zum Preise von 60 000 Mark angekauft.
FC. Oestrich-Winkel, 3. Juni. Anderthalb Morgen Eichenwaldungen fielen gestern hier einem großen Wald- brand zum Opfer. Zur Bewältigung des Brandes wurden die Mainzer Militärfeuerwehr und die hiesige Feuerwehr um Hilfe angerufen.
FC. Rüdesheim, 3. Juni. In einer Eingabe hat sich die Nierwaldbahngesellschaft an den Reichstag, dem sich die Gemeindevertretungen von Rüdesheim und Aßmannshausen angeschloffen haben, gewandt, um den Betrieb wieder auf- nehmen zu können, und um Kohlenbelieferung nachgesucht. Es handelt sich um monatlich 50 Tonnen, gleich 300 Tonneu für die Saison.
FC. Niedcrlahttstein, 2. Juni. Ein Schwindler tteibt hier sein Unwesen. Er gibt sich als Uhrmacher aus, sammelt reparaturbedürftige Uhren und verschwindet mit ihnen auf Nimmerwiedersehen. Einer Frau in Pfaffendorf gab er an, er besorge nebenher noch Besorgungen für einen Schuh- wacher, die leichtgläubige Frau gab ihm noch zwei Paar neue Schifte mit.
AuS Äurheffen.
FC. Kirchhain, 2. Jrmi. Dem Kreise Kirchhain ist von» 1. Juni ab die Lieferung von monatlich 314 Zentner Butter auferlegt worden, die die bisherige fast um das dreifache übersteigt.
FC. Marburg, 3. Juni. Die 27 jährige Bürgermeister- tochter Bertha Freund aus Schellbach, die mit einen» 21 jährigen Kriegsgefangenen ein Liebesverhältnis unter halten hatte, das nicht ohne Folgen geblieben, wurde vom Landgericht in eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten genommen. Von einem angeblichen Eheversprechen will der Franzose nicbts wissen.
FC. Fulda, 3. Juni. Dem im Felde stehenden Landsturmann Magnus Werthmüller in Pilgerzell holten Diebe nachts ein junges Rind aus dem Stalle. Die Diebe gäbe» den anderen Kühen Klee zu fressen, banden das von ihnen ausgewählte ab. und schlachteten es auf einer nahen Wiese. Kopf, Haut und andere Teile ließen die- Diebe am Tatort zurück.
FC. Kassel, 2. Juni. Drei hiesige Geschäftsleute die es fertig brachten, daß 50 Pfund Kakao innerhalb sieben Tage von 230 Mark auf 973 Mark getrieben und zu diesem Preise an den Mann gebracht wurden, wurden vom hiesigen Schöffengericht zu je 3000 Mark Geldstrafe verurteilt. Wegen Beihilfe erhielt ein „Vermittler" eine Gldstrafe von 500 Mark. Fünf Zentner „Auslandfleisch" verschob der Metzgermeister Katzmann und verdiente hierbei in einer Woche 1117 Mark. Katzmann wurde ebenfalls in eine Geldstrafe von 3000 Mark genommen. Gegen derarttge Lebensmittelschleichhändler schweben noch eine ganze Reihe von Strafverfahren.
FC. Hersseld, 2. Juni. Die Diebe, die vor einigen Tagen in einem Herrenkleidergeschäft für 4000 Mark Stoffe mittels Einbruch entwendet hatten, konnten bald ermittelr und verhaftet werden, da einem Helfer aus Witzenhauseu Lei diesem Besuche die Ausweiskarte aus der Tasche gefallen war.
Kncherschan.
H. Weber (Routers), „Brunnen und Wasserstellen in Oberhesiev". 1.50 Mk. Gießen 1917, Nniversitätsbuchhand- lung O. Kindt durchs.
Unaufhörlich seit den ältesten Zeiten webt die Phantasie des Volkes ihre wunderbaren Sagenschleier um die "Dinge der heimatlichen Natur. Und durch ungezählte Generattonen pflanzten sich diese Volksdichtungen fort bis in unsere Tage: Sagen, Namen, Lieder, Glaube. Mit besonderer Liebe wurden die einsamen Bornlöcker in abgelegenen Waldgründen und Fluren von Frau Saga bedacht Was von ihnen gesagt und gesungen wurde, was von ihnen im Munde des Volkes lebte, sich aus den ältesten Zeiten herüberrettete bis in unsere Zeit, das hat der Verfasser in jahrelanger Arbeit aus Hunderten von Dörfern zusammen* gettagen. Jeder, der Sinn hat für unser altes, echtes Volkstum, wird sich an dem Buche freuen. Wie wir hören, stehe« nur noch wenige Exemplare zum Verkauf.
Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto H i r s ch e l, Friedberg-, für den Anzeigenteil: R. Heyner.<
Friedberg, Prus und Verlag der „Neuen Tageszeitung^,, ^ v ' L- Friedberg i. L.


