Graue Gefahren.
Roman ans der Gegenwart von M. Gontard - Schuck. 37) Nachdruck verdaten.
„Worum nicht? Dann lügen sie eben bei uns. Mein Mann hat mir doch gesagt, wie es ist, und er belügt mich nicht. Denken Sie doch daran, als die drei Kreuzer öerfeuft worden waren. Haben sie es da zugegeben?"
„Wahrscheinlich wollen sie das Volk nicht beunruhigen. Aber sehen Sie hier — dieser Aussatz in der Times. Was sagen Sie dazu? Das geht auf Herrn von Werkheim."
Helen las: Tollkühnes Husarenstückchen — ohne großen Wert — für eigentliche, ernsthafte Kampfesweise nicht zu gebrauchen — usw.
„Ph! Solch ein Unsinn! Was ich darum gebe! Der reine Neid ist es! Wenn ich.es ja auch schmerzlich empfinde daß unsere große Flotte dieses Unglück gehabt hat. — Denn sein Vaterland verleugnen kann niemand. — Eine Glanzleistung ist und bleibt es darum doch. Daran kann der hämische Timesmensch auch nichts ändern! Er soll es erst mal nachmacben. Wir beide brauchen doch wahrhaftig kein Versteck zu spielen. Ein ganzer Mann — ein ganzer Held ist mein Mann doch, trotz allem Ableugnen von englischer Seite."
„Aber natürlich, Liebe! Ohne allen Zweifel. Aber ebenso Zweifellos ist es. daß unsere Leute das heimzahien werden, ja, heimzahleil müssen. Und was an mir liegt, ich werde mein Möglichstes tun, um ihnen dazu zu verhelfen."
„Zu helfen? Wieso? Wie wollen Sie das denn machen? Das dürste Ihnen doch wohl schwer fallen."
Unter den halbgeschlossenen Augenlidern Frau von Dürings flog ein lauernder Blick hervor. „O, was das anbetrifft — ich wüßte schon, wie ich das machen sollte. Natürlich braucht man dazu allerlei. Gute Verbindungen und —"
„Unsinn.Emily! Schweigen Sie füll! Ich will von solchen Sachen nichts hören. Was gebt uns das alles an? Frauen gehören nickt zwischen Kriegspläne. Es ist genug, wenn wir uns um unsere Männer sorgen."
„Für mich nicht. Uebrigens brauche ich mich nicht um meinen Mann zu sorgen. Empfinden Sie denn gar nichts
von der Schmach, die man nns angetan? Un-, der größten Nation der Erde! Seit bald tausend Jahren hat es kein Feind gewagt, uns ernstlich anzugreifen. Und nun? Diese Deutschen scheinen sich allen Ernstes einzubilden, uns besiegen zu wollen."
Helen lachte: „Aber natürlich bilden Sie es sich ein! Sehr spgar! Sie müßten meinen Gatten hören, dann blieb Ihnen hierüber kein Zweifel."
„Und darüber lachen Sie? Ich glaube, Sie sind gar keine rechte Engländerin!" Frau von Düring sagte es sehr spitz.
Helen wurde ernst. „Lassen wir das," entgegnete sie ruhig. „In erster Linie bin ich die Gattin meines Mannes, vergessen Sie das nicht. Ich sagte Ihnen schon, es ist das beste, wir sprechen gar nicht davon. Seit diesem unseligen Kriege sind alle Gesichtspunkte verschoben — na, lassen wir das. Ich habe Sie noch gar nicht nach Herrn von Düring gefragt, ist er jetzt hier?"
„Nein, er befindet sich auf einer Geschäftsreise. In Hamburg, vermute ich. Von meinem Manne erfahre ich hierüber nichts. Er ist in allem, was mit seinem Beruf zusammenhängt, immer sehr geheimnisvoll. Mir ist es recht wenn er fort ist. Er hat, auch wenn er hier ist, für nichts anderes Sinn als für seinen Beruf. Und nun gar jetzt! Es sollen ja sehr viele Neubauten in Arbeit sein. Wissen Sie etwas Näheres?"
„Ich? Von Neubauten? Nein! Wie käme ich dazu? Im übrigen ist mir das auch gänzlich gleichgültig."
Frau von Düring warf ihr einen geringschätzigen Blick zu. „Wenn man so vorsichtig gewesen ist, als Tochter von Sir Edward Douglas zur Welt zu kommen, kann man sich solche vollständige Teilnahmlosigkeit erlauben," dachte sie neidisch.
Helen war unzufrieden. Sie hatte sich so auf das Tee- stündcken gefreut. Sie sah Frau von Düring prüfend an. Was war das nur heute mit ihr? So zerfahren, so nervös zeigte sie sich! Sonderbar!
„Herr von Düring hat einen sehr verantwortungsvollen Posten, nicht wahr? Es ist dann auch zu verstehen, wenn er nicht immer zum Erzählen aufgelegt ist."
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Fricdberg. den 13. Febr. 1618 Der Bürgermeister.
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„Wohl möglich! Der Posten mag verantwortungsvoll sein. Er ist ja dumni genug, wenn er sich dabei aufreibt Wer gibt ihm etwas hafür? Wird er für seine Gewissen- Hastigkeit bezahlt?"
Helens Blicke glitten unsicher, fragend über das Gefickt der ihr Gegenübersitzenden.
„Verzeihen Sie die Frage. Es ist nicht müßige Neugi r Sind Sie nicht glücklich in Ihrer Ehe?"
„Glücklich! Wie kann man mit einer Arbeitsmaschine glücklich sein? . Ich — ah! Lassen wir das! Sie würden mich ja doch nicht verstehen."
„Ist es so schlimm?" fragte Helen mitleidig. „Und Ünd Sie nicht doch zu ungerecht? Ich habe Herrn von Düring bis jetzt nur zweimal gesehen, aber ich fand einen wirklich feinen hochgebildeten Mann von großer Viel- seitigkeit in ihm." .
ja, mag sein. Aber nichtsdestoweniger ist er ein Mensch, der über seinem Dienst seine Frau und alles andere vergißt, was das Leben angenehm macht."
„Wo lernten Sie Ihren Herrn Gemahl kennen?"
„In England natürlich! Sie wissen, er war bei Scipper und Horley. Frau Horley ist eine Verwandte von mir, und dort lernte ich ihn kennen."
„Und warum gingen Sie mit ihm? Sie haben ihn doch wohl geliebt, sonst wären Sie nicht seine Frau geworden?"
Frau von Düring kniff die Lippen zusammen.
Was wußte dieses junge, in glänzenden Verhältnissen ausgewachsene junge Ding von den Nöten einer armen, alleinstehenden Sprachlehrerin. Was wußte die, mit welchen Entbehrungen sie gekämpft hatte, um sich durc^u- bringen.
Seit frühester Jugend Waise. Ohne Liebe bei weitläufigen Verwandten widerwillig geduldet. Da griff man ohne Besinnen zu, wenn sich eine rettende Hand bot, auch wenn von der sogenannten Liebe nicht viel zu spüren war!
Doch was hatte es für Zweck, all dies der unerfahrenen iungen Frau da zu sagen. Es würde sie vielleicht erschrecken, sie mißttauisch machen, und das durfte nicht sein. Denn vorläufig brauchte sie die Tochter Sir Edwards noch.
Fortsetzung folat.
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