sich Gewinn und Vorteile zu sichern, legt man sich die Neutralität auf eine Weise zurecht, daß auch der geriebenste Winkeladvokat es nicht besser könnte. So ist der Mensch. Um der eigenen zeitlichen Vorteile willen gibt man seiner Selbstsucht den unrichtigen Namen und sucht sich und andere über die Wahrheit und Wirklichkeit wegzutäuschen. Und wie oft geschieht das mit Bezug aus die Stellung des Menschen zu Gott! Sie wissen, wenn sie ganze und ent- schicdene Christen sein wollen, daß sie manche Ge- schäfte nicht mehr machen können und auf manche irdischen Genüsse verzichten müssen. Deshalb entscheiden sie sich nicht völlig für Gott. Wie viele gleichen dem Jüngling, zu dem Jesus sagte: „Du bist nicht fern vom Reiche Gottes." Aber wie kläglich und schmählich ist solch ein Standpunkt! Wir empfinden es erst jetzt recht, da wir an den Ameri- kauern die Erbärmlichkeit einer solchen Stellung vor Augen sehen. Und erst Italien? Schmählicher ist das Wort Neutralität nie mißbraucht worden, wo sich hinter dasselbe eine hinterhältige, zweideutige Politik versteckte. Man versichert den seitherigen Bundesgenossen, unter deren Schutze man viel Gutes erfahren hat, wohlwollende Neutralität beobachten zu wollen, und dabei verhandelt man mit den Feinden. Aber solch eine Zweideutigkeit gerät immer in ein Netz, aus dem man nicht mehr herauskommt. Lieber offene Feindschaft als unehrliche Neutralität. Dann weiß doch jedermann, woran er ist. Man kommt dann wenigstens nicht in die Lage, sich und andere zu täuschen und zu betrügen. Solch ein Betrug kann auf die Dauer nicht fortgesetzt werden; er wird früher oder später offenbar zum Schaden und zur Schande derer, die eine solche Neutralität üben.
Und nun, lieber Leser, wo stehst du? Gebörst du noch zu den „Neutralen"? Bist du noch unentschieden, auf welche Seite du dich stellen ivillst? Dann frage dich einmal, was für Gründe dich zu solch einer Stellung bewogen haben. Ist es eine geheime Abneigung oder Feindschaft gegen Gott oder die Befürchtung, du könntest durch eine entschiedene Stellung etwas verlieren bei der Welt an Vorteilen oder an Ansehen? Solche Neutralität fällt schließlich nur in ihr eigenes Netz. So entscheide dich und stelle dich entschieden und frei ans ‘Seite Jeff, Christi. Denn wer nicht für ihn ist, der ist wider ihn, und wer sich nicht zu ihm bekennt vor den Menschen, dessen wird er sich dereinst auch schämen und ihm den we ilvcrdicnten Lohn geben. Wer aber hier für ihn gekämpft hat, den wird er krönen mit der Krone des ewigen Lebens „Evangelist."
„Helfen Sie mir sterben!"
Drei Tage und drei Nächte, erzählt ein Feld- ! Prediger, hatte ich nnunt^rbrockien gearbeitet. Völlig ! j
I erscköpst legte ich mich am dritten Abend nieder, um zu schlafen. Gegen Mitternacht wurde ich geweckt, damit ich einen Schiververwuudetcn besuchen möchte. Ich war sehr geneigt, den Boten, der mich rief, ab- zuweisen, da ich mich sehr müde fühlte. Als mir aber der Mann mitteilte, mit dem Verwundeten stände es sehr schlecht, raffte ich mich doch auf und ging hin. Nie werde ich den Änblick vergessen, der sich mir bot, als ich dem Sterbenden ins Angesicht schaute. Aus meine Frage, was er von mir wünsche, antwortete er: „Helfen Sie mir sterben!" Ich sagte ihm, wie gern ich ihn auf meinen Händen ins Himmelreich tragen würde, wenn ich nur könnte. Ich verkündigte ihm das Evangelium von Christo, so gut ich es vermochte, aber er schüttelte matt mit dem Kopfe und wiederholte immer die Worte: „Er kann mich nicht retten; ich habe mein ganzes Leben lang gegen Ihn gesündigt!"
Ich erinnerte ihn an seine Verwandten und sagte ihm, wie seine gläubige Mutter für ihn beten würde. Eine Verheißung nach der anderen hielt ich ihm vor, doch alle mit demselben Erfolg. Dann sagte ich ihm: „Jetzt will ich Ihnen einen Bericht vorlesen von einer Unterredung, die Jesus mit einem Manne hatte, als Er noch im Fleische auf Erden wallte." Ich fing an, ihm Joh. 3 langsam und deutlich vorznlesen. Während ich las, heftete er seine Augen unverwandt auf mich, und es schien, als ob er das Gotteswort begierig in sich aufnähme, gleichsam wie ein dürres Land den Regen.
Als ich an die Stelle kam: „Gleichwie Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben", unterbrach er mich mit den Morten: „Steht das in der Bibel?"
Auf meine bejahende Antwort fuhr er fort: „Das wußte ich nicht, o bitte lesen Sie das noch einmal!" Auf seinen Ellbogen gestützt, richtete er sich mit seiner letzten Kraft halb auf und lauschte mit größter Aufmerksamkeit, während ich die Stelle noch einmal und mit Betonung las. Als ich zu Ende war, sagte er: „Das ist gut, das ist schön, o lesen Sie es, bitte, noch einmal!"
Als ich das Wort zum drittenmal gelesen hatte, waren seine Augen geschlossen, und er lag erschöpft auf feinem Lager. Auf seinem Gesicht lag ein fried- liches Lächeln, und seine Lippen lispelten, und als ich mich über ihn beugte, ^"^tand ich die Worte: „Wie Moses in der Wüste — M Schlange — erhöht hat, — also muß des Menschen Sohn — et- ! öht werden, auf daß alle — alle, — die an Ihn glauben, — nicht verloren werden, — sondern — das ewige — Leben -— haben."
Dann öffnete er seine Augen, schaute mich glücklich an und sagte: „Es ist genug, — lesen — Sic nicht mehr!"
Als ich am anderen Morgen wieder in den Saal


