Worten sagte der Baurat in sanftem Ton: „Mein Herr, gestatten Sie mir die Frage:
Sind Sie ein Christ?"
Der Major sah den Fragesteller erstaunt an und antwortete etwas laut und bestimmt: „Ob ich ein Christ bin! Natürlich bin ich es; denn ich bin weder Jude noch Mohammedaner oder Heide, und nicht nur das, meine Eltern waren Christen, und ich bin als Kind getauft worden." „Das macht Sie noch nicht zu einem Christen, wenigstens nicht vor Gott. Ein Christ ist ein Mensch, der zum zweitenmal geboren wurde, der Leben aus Gott hat." „Zum zweitenmal geboren?" fragte erstaunt der Major. „Ja, wird rgeboren, wie es Jesus nennt. Und zwar sagte Jesus dem hochgestellten, edeln und frommen Nikodemus: »Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und >vas vom Geist geboren wird, das ist Geist. Laß dich's nicht wundern, daß Ich dir gesagt habe: Ihr müßt von neuem geboren werden.«" (Joh. 3, 6. 7).
Als der Baurat etaas Erklärendes hinzufügen tvollte, wurde er gerufen. Doch ehe er ging, bat ihn der Major um seinen Besuch.
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Am nächsten Morgen suchte der Major eine Bibel. Er selbst besaß keine. Er fand jedoch eine >n seiner Gattin Bücherschrank. Aber wo sollte er lesen? Wie ein Forschungsreisender vor eineni neuentdeckten Lande steht, so stand der Major vor dem ihm unbekannten Buch. Er schlug es auf und fand mehrere lose Zettel drin. Er las ein Kapitel an einer Stelle, wo eins dieser beschriebenen Papiere lag: Luk. 16. Es enthielt das Gleichnis von deni reichen Manu und dem armen Lazarus. Der Major nahm dann das Blatt Papier und las die Notizen seiner Frau: „Lazarus kam in den Himmel, weil er trotz seiner bitteren Armut und seines schweren Leidens sein Gvttvertrauen bewahrte. Der reiche Mann kam in die Hölle, weil er trotz des Segens und des großen Erfolges in seinem Leben sich nicht um Gottes Gebote und Gnade kümmerte, weil er i ein Wellmensch war."
Je länger der Major über das Gleichnis nach, dachte, um so klarer erkannte er sein eigenes Bild in jenem reichen Mann. Nicht als wäre er reich, j aber er lebte nur für diese materielle Welt, für irdische Freuden und Ehren. Er tat auch Gutes, doch war er ehrlich genug, es nur als Brosamen anzusehen, die von seinem Tische fielen; er gestand sich ein, daß er nur von seinem Überfluß Spenden gab.
Diese Selbsterkenntnis beschämte und betrübte ihn sehr. Nicht allein das; er sagte sich, die Folgen eines solchen Lebens müssen in dem Weltall eines gerechten Gottes furchtbar sein, wie sie's ja bei dem leicben Mann gewesen. Es war dem Major zu-
j mute, als suhlte er schon etwas von der Holle in | seinem Herzen.
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Der Abend kani und mit ihm der ersehnte Besuch. Als der Baurat in des Majors Zimmer j eintrat, erblickte er die Bibel aus dem Tische, und auf sie himveisend, sagte er: „Herr Major, ich sehe, daß Sie ein Bibelforscher sind." „Leider nicht," er- widerte der Major. „Zu meiner Schande muß ich es bekennen, daß ich die Bibel nach vielen, vielen Jahren heute erst wieder in die Hand genommen habe. Und was ich drin las, hat mich sehr beunruhigt, denn ich erblickte in ihr mein eigenes Bild."
I Nachdem der Major ven Inhalt des Gleich- nisses und die Wirkung erzählt hatte, bemerkte der Baurat: „Es ist alles ivahr. Der Zustand und die Zukunft des Weltmeuschen sind, befürchte ich, weit schlimmer, als wir es ahnen können. Aber, werter Herr Major, unser Gott ist nicht nur gerecht, Er ist auch gnädig." Der Baurat nahin die Bibel in die Hand, schlug Jesaja auf und las: „Siehe, j, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich ! meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe; denn Du ivirfst alle meine Sünden hinter Dich zurück." (Kap. 38, 17.) Ferner: „Ich vertilge deine Missetaten wie eine Wvlke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu Mir, denn Ich erlöse dich." (Kap. 44, 22 )
Nachdem der Baurat diese und ähnliche biblische Wahrheiten angeführt hatte, sagteer: „Herr Major, ich habe heute abend noch manches zu tun und muß daher gehen. Da Sie aber gewiß noch viel mehr über den so wichtigen Gegenstand — die Gerechtig- keit durch den Glauben — wissen wollen, empfehle ich Ihnen, den ersten Teil des Römerbriefes zu lesen."
Der Major dank.e und jagte, er iverde sich er- lauben, Herrn Banrat bald zu besuchen.
Am folgenden Tage macht? sich der Major an das Lesen des Römerbriefes. Alles war ihm neu und bedeutungsvoll. Anhaltend und mit wachsendem Interesse las er die Kapitel. Mit besonderer Macht ergriff ihn der Vers: „Und werden ohne Ver- dieirst gerecht aus Seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christum Jesuni geschehen ist." (Röm. 3, 24.) Die köstlichen Worte bewegten des Majors Herz so sehr, daß er empor- blickte und ausrief: „O Du anbetungswürdiger Gott! Schon dieser eine Vers enthält eine Welt von Licht und Trost; denn er erklärt, wie Du Sündern vergibst und doch gerecht bleibst, weil Jesus alles für uns vollbracht hat."
Als der Major zum Baurat kam, sagte dieser: „Herr Major, Sie sehen heute frischer und froher aus als sonst." „Das bin ich auch," erwiderte der Major, „weil mir der Heilsplan klar geworden ist. Es ist mir vollkommen klar, daß Jesus das Lamm Gottes ist, welches der Welt Sünde trägt, daß Er


