Ausgabe 
6.6.1915
 
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Sn einem Wirtshaus.

(Tin wahre? Ereignis.)

An einem Nachmittag im Monat Juli 1860 trat eine tiefbetrübte Frau, begleitet von einem Kinde, in ein Wirtshaus in der Stadt N. Sie ging zum Wirte, welcher hinter^ dem Schenktisch stand, und sagte:Herr, können Sie mir helfen? Ich habe keine Wohnung, keine Freunde und bin nicht imstande zu arbeiten."

Mit neugierigen Blicken sah er sie und das Kind an und wunderte sich, eine Fran in einer Schenke betteln zu sehen; doch ohne weiter zu fragen, gab er ihr etwas Geld, dann wandte er sich an die Gäste und sagte:Meine Herren, hier ist eine Frau in Not, können nicht einige von Ihnen ihr ein wenig beistehen?" Alle bewilligten freudig seine Bitte, und in wenigen Augenblicken waren acht Mark zu­sammengebracht.

Liebe Frau," sagte der Mann, der ihr das Geld gab,warum konimen Sie in eine Schenke? Ist dieses nicht ein eigentümlicher Ort für Frauen, und was treibt Sie zu solchem Schritt?"

Mein Herr, ich weiß, dies ist kein Platz für mich. Sie fragen nach der Ursache zu diesem Schritte? Ich kann Ihnen dieselbe in wenigen Worten sagen." Sie zeigte mit dem Finger nach einer Flasche hinter der Tür, worauf das Wort B r a n n t w e i u " stand. Dieses ist es, was mich hierhertrieb Brannt­wein Es war einst eine Zeit, da ich im Wohlstand, umgeben von Freunden und angelächelt von einem milden und zufriedenen Manne, lebte. Aber in einer Stunde der Verführung wurde er versucht, und er hatte keine Kraft, der Versuchung zu widerstehen; er fiel. In einer kurzen Zeit war mein Glückstraum vorbei, und bald ivar alles, alles verloren, und dies alles durch den Branntwein. Sie sehen jetzt nur noch einen Schatten meiner ehemaligen Gestalt. Heimat- und mittellos ließ er niich in dieser Welt. Ich besitze nichts als dieses Kind." Sie weinte bitterlich und brach fast zusammen, als sie auf ihr Kind blickte. Doch sie faßte sich wieder, wandte sich an den Wirt und fuhr fort:Herr, die Ursache, daß ich in solche Häuser gehe, ist, um solchen, die dieses Gift verkaufen, zu sagen, daß sie ihr Geschäft aufgeben sollen, weil es Familien ruiniert und Menschen für Zeit und Ewigkeit ins Unglück stürzt. O denken Sie einen Augenblick an Ihre Lieben, und dann betrachten Sie den Zustand, darin ich mich befinde I Können Sie noch ein Glas voll von diesem Gift verkaufen? O, ich bitte Sie um der Menschen und um des Himmels willen, halten Sie ein mit diesem Geschäft, welches Leib und Seele ruiniert! Hören Sie auf, dieses gefährliche Geschäft zu betreiben! Ach, bedenken Sie, daß das Geld, welches den Familien das Brot vom Munde nimmt und die Kleider vom Leibe reißt, den Frieden in der Familie stört! O, mein Herr,'

ich bitte Sie geben Sie dieses Geschäft aus und fangen Sic etwas an, was Sie und Ihre Mit- wenschen glücklich machen kann! Sie werden ent­schuldigen, daß ich so frei und ohne Rückhalt ge- sprochen habe; das Elend, das Unglück, das mich betroffen, treibt mich."

Arme Frau, ich bin nicht ungehalten über Sie," antwortete der Wirt mit einer schwankenden und zittern- den Stimme,ich danke Ihnen von ganzem Herren für das Gesagte."

Mama," sagte das Kind, welches tvährend der Zeit mit einem anderen Herrn gesprochen hatte, dieser Herr wünscht, daß ich die -Kleine Sife« singe- soll ich?"

Ja, mein Kind, wenn man es wünscht und du es ivillst."

Jetzt wurde das Kind auf einen Stuhl gestellt, und mit kindlicher, rührender Stimme sang es:

Einst lebten wir glücklich, so froh und so frisch,

Wir kannten kein' Not anr Familientisch;

Auf einmal, ihr Lieben, die Not brach herein,

Mein Vater saß täglich beim Bier und beim Wein,

Jetzt ist er verdorben ein Säufer mein Goit l Die Mutter ist tot und ich bin in Not.e

Ach, gibt es denn niemand der mit mir kann beten,

Um meinen verlorenen Vater zu retten?

Er lebt noch, und noch ist die Rettung vorhanden,

Ihn zu befreien aus Satanas Banden.

Erbarm Dich, o Jesu, erbarm Dich, mein Gott!

Mein Vater ein Säufer und ich bin in Not.

Sagt, wollt ihr noch länger solch Leben forttreiben Und täglich als Säufer im Wirtshause bleiben?

Ach, rührt euch denn gar nichts, nicht Armut und Not?

So hört esIhr müßt vor den ewigen Gott I Dort müßt ihr sehr pünktlich einst Rechenschaft geben,

Was ihr hier auf Erdeu getan habt im Leben.

Alle Spieler hatten ihr Spiel augenblicklich auf- gegeben und sich um die Kleine gestellt, einige aus Neugierde, andere mit Ernst, noch andere mit Zügen des Mitleids in ihrem Gesicht, angezogen durch die kindliche Stimme und das Aussehen des Kindes, ivelches eher in die Mitte der Engel gehörte denn an solchen Platz.

Nach dem Gesang weinten viele von den an­wesenden Gästen; Männer, die seit vielen Jahren keine Träne vergossen hatten, die die Not der Ihrigen nie bewegen konnte, weinten wie die Kinder. Ein junger Mann, der mit Spott die Ermahnungen seiner Mutter, Geschwister und Freunde verachtet hatte, ergriff die beiden Hände des kleinen Kindes und sprach mit einem Strom von Tränen:Gott segne dich, mein kleiner Engel, bu hast mich vom Verderben und von Armut und vom Grabe des Säufers gerettet! Was Mutter und Geschwister nicht vermochten, konntest du. Gott segne dich!" Hieraus gab er der Mutter des Kindes einige Banknoten und sagte:Nehmen Sie die Wenigkeit als Zeichen der Dankbarkeit, und wenn Sie in Not sind, werden Sie an mir einen treuen Freund haben, denn Ihr