er m seiner Trunkenheit schon viele Verkehrtheiten begangen hatte.
Es wurde so arg mit ihm, daß selbst seine Freunde und Zechgenossen ihn verließen. Kein Wunder, daß es nun auch innerlich immer dunkler wurde vor seinen Augen; er hatte keine Hoffnung mehr, von dem Fluche dieser Sündenmacht frei zu werden. So ging B. denn eines Tages, nachdem er seine Brief- und Wertsachen ordnungsmäßig abgegeben, völlig nüchtern nach der Oderbrücke — er wohnte zu St. — und sprang in den Strom, um seinen Leiden und Kämpfen ein Ende zu machen. Aber Gott wachte über ihm — er wurde gesehen und aus dem Wasser gerettet. In diesem Augenblick hatte er nur ein Bedauern, daß er sein Vorhaben nicht bei Nacht ausgeführt.
Als die Vorgesetzten von dem Selbstmordversuch erfuhren, wurde B. durch den Arzt untersucht; dieser stellte ein Nervenleiden fest. B. selbst fühlte, daß eine Entscheidungszeit gekommen sei, und fand die Kraft, die erste Zeit keinen Tropfen mehr zu trinken. Aber da er nichts anderes hatte als seinen guten Vorsatz, so fühlte er fortwährend dies unstillbare Verlangen nach Branntwein. So ging er denn bald wieder in eine Destillation und forderte einen kleinen Ingwer, man füllte ihm aber ein großes Glas. Während er dieses mit zitternden Händen ansetzte, sagte ihm eine innere Stimme: „Jetzt bist du verloren!" Es ging nun noch trauriger als zu- vor. Zwar schrieb seine Frau an alle Adressen im Inland oder Ausland, welche in der Zeitung Heil- mittel gegen die Trunksucht anzeigten, aber alle Mittel waren vergebens. Die treue Frau litt unsäglich; sie sah den Mann zugrunde gehen, den sie liebte. Der Gram machte sie schwer krank. So wurde das Elend des armen Trinkers noch größer, denn auch er hatte seine Frau, trotz allem, wirklich lieb. B. beschloß nun, damit sein Selbstmord ihm gelinge, bei Nacht in die Oder zu gehen. Er verließ abends seine todkranke Frau und sprang, ehe der Morgen dämmerte, unterhalb der Stadt in den Strom. Er war auch diesmal vollständig nüchtern und klar über das, was er tat und was er wollte. Der Strom trieb ihn weit dahin und drückte den schon bewußtlosen Mann gerade unter ein Floß, als Bauern, die mit Gemüsekähnen zur Stadt fuhren, ihn bemerkten und herausholten. Zum Bewußsein erwacht, bat er, man möge ihn nicht nach Hause, sondern in das Städtische Krankenhaus bringen. Dies geschah. Morgens erschien ein Schutzmann in der Wohnung, um der Frau anzusagen, was mit ihrem Manne geschehen. Die Frau hatte in ihrer Schwachheit und in ihrem Elend ivährend der Nacht die klare Überzeugung: Mein Mann geht wieder in die Oder. Sie lag auf ihrem Lager in der Erwartung, daß man ihr den Selbstmord ihres Mannes ansagen würde. Als der Schutzmann eintrat und die Frau wie sterbend liegen sah, mochte er ihr
nicht sagen, was geschehen Er wollte zur Tür hinaus; aber die Frau rief ihm zu: „Ich weiß, mein Mann ist in die Oder gesprungen, er ist tot!" „Nein," sagte der Schutzmann, „er ist nicht tot, er ist im Kranken- Haus."
Man hatte den Geretteten in ein Zimmer des Krankenhauses gebracht, wo mehrere Trinker waren, die am Delirium litten. B. rief aus: „Hier sehe ich, was das Trinken anrichtet. Wenn ich hier heraus- komme, trinke ich keinen Tropfen mehr l" Da klopfte ihm ein alter Mann auf die Schulter und sagte: „Lieber Freund, wir müssen doch wieder trinken!" Ach, leider war dieser Mann ein guter Prophet. Schon nach drei Tagen trank B. wieder. Seine Frau erholte sich, suchte Hilfe bei einem Nerven- arzt. Dieser sagte zu B.: „Wenn Sie das Trinken lassen, werden Ihre Nerven wieder gesund!" — „Aber, Herr Doktor, ich muß trinken. Geben Sie mir etwas, daß ich nicht zu trinken brauche." Da sagte der Arzt: „Dafür ist kein Kraut 'gewachsen; das einzige wäre, daß Sie sich wahren Christen anschließen." Auf dies Wort hin begann die Frau nun in St. nach solchen Christen zu suchen, bei denen über die Rettung von Trinkern gesprochen wurde. Sie fand Gläubige, in deren Mitte bezeugt wurde, daß Jesus retten kann Sie kam heim voll Hoffnung und Freude, sie erzählte es ihrem Manne und bewog ihn mitzugehen. Er fühlte, daß da etwas war, was ihm Helsen könnte.
B. war in jenen Tagen noch völlig vom Trunk gebunden, z. B. konnte er mit seinen zitternden Händen und zerfahrenen Gedanken die Arbeit des Briessortierens Nicht aussühreu, ohne ordentlich Schnaps getrunken zu haben, zumal beim Nachtdienst. Deshalb nahm er jedesmal seine Flasche mit zum Postamt, obwohl sein Wille wirklich war, von diesem furchtbaren Laster loszukommen. Da, eines Nachts, während die gefüllte Schnapsflasche vor ihm auf dem Tische stand, machte er in Wahrheit einen Bruch mit der Sünde. B. war allein, kniete nieder und schrie laut zum Heiland: „HErr, jetzt will ich; nuii brlf Du inirI " Er stand auf, konnte arbeiten, ohne einen Schluck Branntwein zu trinken. Die zitternden Hände waren fest geworden, die Kette war gesprengt, der Sklave war frei von der Gewalt Satans in diesem Augenblick, durch dies eine Glaubensgebet. Seitdem hat dieser Mann und seine Frau Frieden mit Gott durch das Blut Jesu. Als ein freudiger Zeuge für seinen großen Erretter steht er unter den Beamten und bezeugt, wer Jesus ist. Er und seine Frau suchen in ihren freien Stunden die vom Trünke Gebundenen aus und bezeugen, was sie selbst erlebt haben. In diesen beiden vorher so tief unglücklichen Menschen sieht man nun jubelnde, glückselige Kinder Gottes. v. V.


