Nun noch die letzten Salven, nun noch ein „Hurra!" auf unseren Kaiser — und das Schiff versank in den Fluten. Jeder auf seinem Posten bis zuletzt! Das sind unsere Kämpfer. Gott segne und schütze sie! Gott gebe, daß viele ihrem himmlischen König ebenso treu dienen wie ihrem irdischen Herrn!
I. v. H.
Im Sturm ein Mann!
Das Neue Testament enthält keinen einzigen Schlachtbericht, abgesehen von dem allem Menschenmaß entrückten, wahrhaft erhabenen Gesicht, das den entscheidenden Sieg des Königs der Könige und HErrn der Herren im letzten Kampf um die Weltherrschaft schaut. (Offb. 19, 11—21.) Aber es kennt einen Sturmbericht ohnegleichen, von einem Augenzeugen niedergeschrieben, der die Not vom Anfang bis zum Ende miterlebt hat. (Apg. 27.)
Ein Herbststurm im Mittelmeer, der gefürchtete „Nordnordost"! Ein alexandrinisches Segelschiff mit 276 Mann Besatzung: Die Schiffsleutc mit Steuermann und Schiffsherrn, kaiserliche Soldaten mit ihrem Führer Julius und eine Anzahl Gefangener, unter ihnen der kleinasiatische Jude Paulus, der sich dem Haß seiner jerusalemischen Stammes- genossen durch Berufung an den Kaiser in Rom entzogen hat, mit zwei Gefährten, dem Mazedonier Aristarch aus Thessalonich und dem antiochenischen Arzt Lukas.
Der gefangene Paulus sieht die Gefahr voraus, für Ladung, Schiff und Menschen. Er warnt mit nüchternem Wort, man hört ihn auch an, sogar der Führer; aber die Fachleute wissen es besser, der kretische Hafen, in dem man ankert, eignet sich schlecht zum Überwintern, der Wind weht im Augenblick günstig, die Mehrheit ist für Weiterfahren bis zum nächsten Hafen.
Paulus kann das Schiff nicht verlassen, dessen Untergang er ahnt. Als gebundener Mann muß er das Schicksal teilen, das die anderen herausbeschwören. Aber sein Herz sagt „ja" zu diesem Muß. Gewiß, er ist nicht schuld an dem Unglück, das kommen wird, aber er verlangt für sich keine Sonderbehand- lung; mit beiden Füßen stellt er sich auf den Boden des Gegebenen.
Es kommt schlimmer, als er gefürchtet. Ein entsetzlicher Sturm bricht los. Tagelang weder Sonne noch Sterne, ein Teil der Ladung und das Schiffsgerät notgedrungen über Bord, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt, der Appetit ist völlig ver- gangen.
Auf dem Gipfel der Gefahr wendet sich Paulus wieder an die Schiffsleute. Seine Voraussage ist eingetroffen, dennoch sollten sie nicht verzagen. Denn er bringt ihnen statt eines nichts nützenden:
! „Da habt ihr's!" die Rettungsbotschaft. Sie klingt klar und bestimmt: Die Menschen kommen mit dem Leben davon, das Schiff geht unter! Die ruhige Gewißheit der Wahrheit leuchtet aus den Worten. Er erzählt das wunderbare Erlebnis der letzten Nacht. Ein Bote des Gottes, dem er gehört und dem er dient, ist zu ihm gekommen. Er wiederholt die Worte, die er vernahm: „Fürchte dich nicht, Paulus, du sollst vor den Kaiser treten, dir hat Gott auch das Leben aller deiner Mitreisenden geschenkt." Also der Mann hat einen Gott, der antwortet, deutlich antwortet, wenn man Ihn anruft. Und er hat Ihn angerufen, nicht allein für sich selber, für die Zukunft seines Lebenswcrkes, das nicht in der dunkeln Tiefe versinken darf, sondern für sie alle, die ihn doch „nichts angehen". Und die Antwort, die er bekommen hat, klingt so wirklich, so gar nicht phantastisch. Gott hat ihm ihre Rettung versprochen, darum noch einmal, sie sollen Mut be- halten. Und man spürt es seinen Worten ab, man sieht es seinem Gesicht an, der Mann hat Haltung. Und er verrät ihnen das Geheimnis seiner Festig- keit, ohne Getue und Redensarten. Die hätte der Sturm verweht wie Spreu. Er traut Gott einfach zu, daß Er Wort halten wird. Das ist alles. Er erwartet nichts Außergewöhnliches, verheißt kein Wunder. Wie etwas Selbstverständliches vermutet er, daß sie auf eine Insel verschlagen werden.
Wie anders steht der gefangene Jude, den sie immer mit etwas verächtlichen Blicken gemessen haben, nun auf einmal vor ihnen! Ein Mann mitten im Sturm! Ein unwillkürliches Gefühl der Hochachtung regt sich in tiefster Seele. Trotz aller Bedenken, sein Wort hat Gewicht, seine Haltung Kraft. Es geht eine Ermutigung von ihm aus, der man sich nicht entziehen kann.
Aber das Wetter wütet weiter. Schon ist die zweite Woche vergangen, noch immer rast der Sturm. Da wird um Mitternacht Land festgestellt. Als der Tag dämmert, planen die Matrosen eine heimliche Flucht auf dem Rettungsboot. Das muß den Untergang der im Stich Gelassenen besiegeln. Aber Paulus ist auf dem Posten. Ehe der Versuch gelingt, ertönt seine warnende Stimme. Er packt die aushorchenden Soldaten bei ihrem Lebenswillen. Das wirkt. Diesmal trauen sie seinem wachsamen Auge, das die Gefahr erspähte. Noch ist es Zeit zum Handeln. Unbemannt, mit zerhauenen Tauen stürzt das Rettungsboot in die Wellen. Paulus sieht zu mit dem guten Gewissen getaner Pflicht. Führer und Mannschaft beugen sich schweigend vor dem klaren Blick seiner Geistesgegenwart.
Endlich ist es Morgen. Vierzehn Tage angst- vollen Harrens liegen bereits hinter ihnen. Kaum je ist ein Bissen Brot über ihre Lippen gekommen in der ganzen Zeit. Wieder ist es der gefangene Mann, der fühlt, so darf es nicht weitergehen. Darum redet er allen zu, etwas zu genießen — ein


