Die irische Sorge.
Wegnahme aller Massen.
Die englische Polizei in Irlands Hauptstadt Dublin entfernte alle W a f f ui und Munition uns den Büchsenmachcrläden in Dublin. Wie gemeldet wird, ist eine ähnliche Matzregel in ganz Irland durchgeführt
Man erwartet also in Irland schwere Tage. Ter Herausgeber der „Daily News", Gardiner, meint: „Wir stehen
am Rande eines furchtbaren Abgrundes."
Diese Uebertreibung leistet er sich freilich nur in der Absicht, Lloyd George zu stürzen, aber er tonnte nicht so reden, wenn man sich nicht von der Flandernschlacht im Verein mit der Zren-Unruhe schon bedenkliche Wirkungen verspräche. Gardiner erklärt einfach die Taktik von Lloyd George bei der Wehrpflichterweiterung und des Jren-Homerule für einen „politischen Kniff". „Lloyd George habe gar nicht die Annahme der Wehrpflichtnovelle gewollt, sondern den Fall eines Ministeriums auf Grund des selbstgewählten Konflikts mit dem Parlamente, damit die ernste Lage, die seine unheilvolle Politik an der Westfront herbeigeführt, verdunkelt werde und er das unerfreuliche Geschäft des Re- gierens anderen überlassen könne. Obwohl die Gesetzvorlage eingebracht wurde, als ob sie mit der militärischen Lage im Zusammenhang stünde,, und durch das Unterhaus gepeitscht wurde, als ob der Ausgang der Schlacht davon abhinge, habe sie mit dem Krieg nitchs zu tun. Sie sei eine Kriegserklärung an Irland, die der britischen Armee keinen einzigen weiteren Iren für die gegenwärtige oder selbst für eine künftige Schlacht zuführen würde. Vielleicht werde man Irland schlagen, aber was helfe das, wenn man von den Deutschen geschlagen würde?"
Ti.' englische Wut gegen Irland soll nun als letztes Mittel angewendet werden, um den irischen Widerstand zu brechen. Zu dem Zweck malt man die Lage in Flandern schwarz in schwarz. Der bleiche Schrecken soll den in der Jrenfrage noch versöhnlich denkenden Engländern in die Glieder gejagt werden, damit nur ja die Iren aus Flanderns Schlachtbant treibe. Zu dem Zwecke redet man ganz offen von einer
Vernichtung des englischen Flandernheeres.
Das der alten liberalen Regierung sehr nahestehende Londoner Blatt des wohlhabend gewordenen Teiles der englischen Spießbürger, der sich auch im Alter noch demokratische Instinkte bewahrt hat, „Daily Chronicle", schreibt:
„Die Ruinen der Stadt sind von Wytschate aus bedroht, das in den Händen der Deutschen ist. Sollte Ipern geräumt werden müssen, so kann man aber annehmen, daß der Rückzug sehr langsam und auf nicht weit entfernte neue Stellungen, und zwar höchstens bis zum belgischen Ueberschwemmungsgebiet geschehen wird. Jede Gefahr für Calais und Dünkirchen erscheint somit nicht nur ausgeschlossen, sondern es wird auch noch so viel Raum freibleiben, um den großen englischen Heeren die Bewegungsfreiheit zu sichern. Bei der Schätzung des Wertes von Ipern darf man nicht vergessen, daß es eigentlich nur für die Offensive in Betracht kommen konnte, für die Defensive aber ohne Bedeutung ist. Auch der Londoner Korrespondent des „Corriera della Sera" sucht das Publikum über die Bedeutung des voraussichtlichen Falles von Ipern zu beruhigen. Viel wichtiger als dieser Fall sei die sehr beängstigende Tatsache, daß die Deutschen fortfahren, große Heeres Massen von der russischen Front an die Westfront zu werfen. Nach oer „Times" müsse man sich darauf gefaßt machen, daß diese Sendungen von Verstärkungen noch während mehrerer Monate fortdauern werden, und dies sei für die Alliierten die wirkliche und große Gefahr, der die Ententemächte eine Gegenaktion entgegensetzen müssen, um die deutschen Heere in Rußland sestzuhalten."
Natürlich weiß das Blatt sehr genau, daß das alles Unsinn ist, was da von Rußland geredet wird. Aber was tut man nicht alles zur Pflege des Kriegs
wahnsinns in den Massen, zur Einleitung der Heeres- Vermehrung durch die Irländer?
Tie hier gestreifte Gegenaktion in Rußland ist seit langem Gegenstand eifrigsten englischen Strebens gewesen. Es hat aber bislang alles nichts genutzt. Ta wird eS erst in dieser Zeit ärgster englischer Niederlagen erst recht nicht gelingen.
Ter Dienstzwarrg-Sibwchr-Sonritag.
In gal'.; Irland predigte Sonntag die ganze Geist- lichkeit geg.n die Wehrpflicht. Biele Priester nahmen nach Dem (■ ortesdienst großen Volksmengen einen Eid an? den Widerstand gegen die Wehrpflicht ab.
Der irische nationalistisch-? (d h. gemäßigte) Abg. Dentin sprach in B elfast or einer Menge von mehreren Tausenden und forderte die Iren dringend auf, in jeder Weise dem Wehrpflichtgesetz die Anerkennung zu versagen. Indem sie diese .Haltung einnähmen, sagte Tevlin, würden sie nur dasselbe tun, was die Uistermänuer gegenüber Homerule getan hätten.
In I land soii der Lord-Mayor(Oberbürgermeister) von Dublin nach Amerika geschickt werden, damit er dort mit dem Präsidenten Wilson verhandelt.
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Irland und Vcr Friede.
Der allgemeine Widerstand, der sich in Irland gegen das neue Wehrgesetz erhebt, wird nicht nur von den offen revolutionären Sinn-Feinern organisiert, sondern auch von den Nationalisten unterstützt. Der neue Führer der Iren im Unterhause. Dillon, hat der englischen Regierung keinen Zweifel darüber gelassen, wie Irland zu der Kriegspolitik steht. In seiner ersten öffentlichen Rede nach seiner Wahl zum Parteiführer stellte er die heuchlerischen Kriegsziele der Engländer in schroffen Gegensatz zu ihrer Haltung gegen Irland und erklärt es laut „Times" vom 18. März als seine wichtigste Aufgabe,
„England vor aller Welt zu sagen, daß seine Staatsmänner aufhören müssen, von einem Bund der Völker zu reden, oder vorzugeben, daß dieser Krieg zur Verteidigung der kleinen Nationen geführt werde, bis sie Ordnung im eigenen Hause gemacht und Freiheit einem Lande gegeben haben, das seit 700 Jahren unter ihrer Negierung steht."
Der „Manchester Guardian" vom 18. März zieht ans dieser Erklärung den richtigen Schluß, wenn er sagt: „Wie können wir auf dem Friedenskongreß
als die Vorkämpfer der kleinen Völker und der Volksfreiheiten erscheinen, wenn wir in demselben Augenblick mit der Unterdrückung des Aufruhrs in einem Lande beschäftigt sind, das wir nur durch Gewalt zu beherrschen imstande sind."
Ter Belagerungszustand beginnt.
England will es bei dem unglücklichen Irland auf Biegen oder Brechen treiben: Die Militärbehörden übernahmen die hauptsächlichsten Eisenbahnen. Postämter und Telephonbureaus in Irland.
Was die Pariser an ihre Frontsoldaten schreiben.
Aus den im Westen jüngst erbeuteten französischen Briefen setzt sich mosaikartig ein anschauliches Bild zusammen, das getreu die Stimmung der Bevölkerung, insonderheit der Pariser, widerspiegelt. Aus diesen Familienbriesen der Heimat an die Front geht nur allzu klar hervor, wie wenig zuversichtlich die Kriegsstimmung in Frankreich ist, von der die großen Zeitungen uns tagtäglich nicht Rühmenswertes genug berichten können. Diese nicht für die Oeffentüchkeit bestimmten brieflichen Aeutzerungen tragen nicht die amtliche Schminke der Zensur; sie zeigen nur zu dent- lich. wie der Franzose unter dein Krieg leidet und je eher je lieber Frieden haben möchte.
Im Mittelpunkt aller Erörterungen stehen natürlich die erfolgreichen Fliegerangriffe auf Paris, die unsere Helden ' der Luft in gerechter Wiedervergeltung für französische Bombenwürfe ans offene deutsche Städte hinter der Front mit Schneid und Unermüdlichkeit ausführen. Ein Kommentar ist überflüssig und die wort- ! getreue Wiedergabe einzelner Briefstellen mag am besten
die wahre Auffassung läutern.
der kriegerischen
Ereignisse
er-
„Jch konnte dir gestern abend nicht schreiben," so lautet ein Brief, „denn denke dir, die Gothas" (so nennt der Volksmund nufer Bombengeschwader) „waren wieder da? Von 9,15 bis 1 Uhr nachts waren wir im Keller, die Kinder heulten und hatten Angst. Leider hat es wieder viele Menschen gekostet: am Place de la Republique und in der Nähe des Montmartre." — „Ich glaube, sie haben sich verschworen, die schönsten Städte zu zerstören. Nancy ereilt dasselbe Schicksal wie Reims. Wenn doch der Krieg endlich einmal zu Ende wäre!" „In der Nähe des Faubourg Montmartre ist ein siebenstöckiges Haus eingestürzt." — ,Seit Mitte Februar baut man die Porte St. Denis mit gefüllten Sandsäcken zu." — „Sie haben überall Bomben abgeworfen und viel Schaden angerichtet, besonders in dem Faubourg Montmartre, RÜe Geof- froy-Marie Rue Drouot, Rue Lafitte. Wer Geld hat, bleibt nicht in Paris." — „In Mitry (Seine) schießen sie aus die Flieger, aber sie können es nicht verhindern, daß von 60 Fliegern 40 bis nach Paris kommen. Durch diese Fliegerangriffe leidet das Geschäft sehr." — „An der Untergrundbahnstatioil „Bolivar" gab es 47 Tote und 150 Verletzte, von denen die Zeitungen nichts berichten. An dieser Station sind keine Bomben gefallen, da aber die Station als Unterstand dient, wollte sich die Menge dorthin flüchten. Die Treppe war natürlich für 'diese Menschenwelle nicht breit genug, und viele versuchten, die Rolltreppe (l'escalier mobile) zu benutzen; diese Treppe hatte man zwecks Reparatur entfernt. Nun rissen die Leute in ihrer Angst die Schutzbretter ab und stürzten so zwei Stockwerke tief in den Schacht. Die einen fielen auf die andern. Viele wurden verstümmelt, andere erstickten. Einige versuchten in ihrer Todesangst sich einen Weg mit dem Messer zu bahnen. — An der Untergrundbahnstativn „Place de la Republique" wurden 15 Personen vom elektrischen Schlag getroffen. Man hatte den Strom ausgeschaltet, um das Gleise betreten zu können. Irgend jemand hatte den Strom wieder eingeschaltet, wahrscheinlich ein Boche (!), und alle, die das Geleise berührten, wurden vom Schlag getroffen. — In 46 Straßen haben sie Bomben gesät. In: Kriegsministerium hat es vier Tote gegeben."
Sehr bemerkenswert ist ein Brief aus der Provinz, der besonders seines Nachsatzes wegen Beachtung verdient. „Sie haben es aus die Pariser abgesehen. Hoffentlich kommen sie nicht nach Mittelfrankreick); sollte es der Fall sein, würde man sich vielleicht etwas mehr um den Krieg kümmern. — Merkwürdig, je mehr Hilfe wir bekommen, desto stärker werden die Deutschen!"
Einen weiten Raum nehmen auch die Berichte über die Explosion iy St. Denis ein.
„Schrecklich, gestern nachmittag 2 Uhr flog die Munitionsfabrik in die Luft. Die genaue Zahl der Toten und Verwundeten wird man nie erfahren, man schätzt sie in die Tausend. In ganz Paris sind die Fensterscheiben zersplittert und es fehlt an Glas. Hört denn der Krieg gar nicht mehr auf?" — „Ich sah den Tod vor Augen. Viele waren wie wahnsinnig und durch den Pulverstaub ganz unkenntlich. Das ist wieder Spionage! Ich bin glücklich, daß ich noch lebe, Hetzt bin ich aber wieder ohne Arbeit, da die Fabriken zerstört sind."
Sehr wenig schmeichelhaft ist das Urteil über die Bundesbrüder von jenseits des großen Teiches. „Wir sind Amerikaner geworden!" ruft einer aus. „Dü Polizei wird von ihnen auögeübt, und jeder muh seinen Patz mit seiner Photographie haben!" Und freu im eigenen Lande, in La Rochelle!
„Man spricht davon, daß die Amerikaner den Ab- schnitt Verdun übernehmen würden; es wäre auch bald Zeit, daß sie uns wirklich helfen würden!"
Ein Brief aus Nantes berichtet, daß über die Stadt der Kriegszustand verhängt werden soll. Die Amerikaner üben auch hier die Polizeiaufsicht sehr streng aus. „Ueberall führen sie große Arbeiten aus; das Seminar wird von ihnen als Lazarett eingerichtet." Wo bleibt das Selbstbestimmungsrecht der Nationen?
Scherz und Ernst.
tk Eine drastische Zurechtweisung erfuhr in einem Gasthause zu Oldisburg bei Rumburg ein Tscheche, der sich daselbst ein Glas Bier bestellte, aber ein Glas verlangte, aus dem noch kein Deutscher getrunken habe. Die Kellnerin meldete dies dem Wirt, der ohne Zögern dem tschechischen Gaste ein anderen Zwecken geweihtes „Geschirr" vorsetzte mit der Versicherung, daß daraus noch kein Deutscher getrunken habe. Unter dem Hohngelächter der übrigen Gäste entfernte sich darauf der tschechische Nationalheld aus dem Lokal.
tt „Honigmann und Fagnrc." Aus den von den Bolschewisten veröffentlichten Geheimdokumenten ist noch eine Veröffentlichung aus dem Anfang Februar ans Licht zu ziehen, die auf die „große Journalistik" des Auslandes allerlei Licht wirst. Die bezügliche Veröffentlichung lautet:
„Geheimtelegramm der Botschaft in Paris von der Presse-Abteilung in Geheimschrift.
7. Februar 1917. Nr. 402.
Bitte um telegraphische Antwort.
In Annahme der Möglichkeit, für die befreundeten Mächte des Verbandes aus der literarischen Tätigkeit der rumänischen Journalisten Honigmann und Fagure, die sich jetzt in Paris im „Hotel' Manchester" aushalten, Nutzen zu ziehen, würde das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten es für wünschenswert halten, sie materiell zu unterstützen, indem es ihnen eine Unterstützung von 300 Rubel monatlich für jeden gewährt. Vielleicht würden die englische Botschaft und die französische Negierung einverstanden sein, einen entsprechenden Anteil zu dieser Unterstützung auf sich zu nehmen. Im Falle des Einverständnisses werden wir unseren Teil absenden.
- (Unterschrift.) Polowzew."
Und diese Elemente haben leider an der Schuld am Kriege ihren redlichen Anteil. Sie halfen der Königin Marie, das unglückliche Land in den Krieg zu treiben.
tk Ter Tiplomat. In einein seiner Werke sagt Thiers von einem Diplomaten: „Ein echter Tiplomat muß sein kalt wie Eis, hart 'wie Stein, glatt wie ein Aal, neugierig wie ein Zeitungsschreiber, stumm wie ein Fisch, mißtrauisch wie .ein Geizhals, klug wie eine Schlange, beweglich wie ein Wetterhahn, listig wie ein Fuchs und halsstarrig wie ein alrer Gefangenenwärter.
Pom care zum auFsteigenden FliegerAlso recht viel Frauen Wd Kinder in Deutschland morden, dann gibts das Kreuz der Ehrenlegion !"
Humoristisches.
Wahre Gcschichtcherr. Die Korporale sitzen traulich vereint in ihrer Bilde in Ortsunterkunft. Die Abendtafel ist ausgehoben, jeder mit Lesen oder Schrei
ben beschäftigt. Tiefe Stille. Plötzlich läßt sich der Schlaueste veknehmen: „I moanet halt, bös Berdöng müßten wir von hinten nehmen, von vorne kriagn mir's a doch net." *
Unter den verschiedenen Weihnächtspaketchen, die mir letztes Jahr zugedacht waren, befand sich auch eines von der Frauengruppe in £. Ein Kärtchen von einem lieben deutschen Mädel lag bei — nach Antwort verlangend. Sie würde gerne öfter von Den tapferen Feldgrauen hören. Selbstverständlich wurde gedankt, anstandshalber. Ein reger Briefwechsel entspann sich, dem es nicht an weiteren Paketen mangelte. Mit der Zeit regte sich bei mir der sicherlich berechtigte Wunsch, meine Dame von Angesicht kennen zu lernen. Da dies der großen Entfernung wegen aber nicht möglich war, bat ich um freundliche Zusendung ihres Konterfeis. Höre und entschuldige, lieber Kamerad — das liebe deutsche Mädel hatte sich seit 39 Jahren nicht mehr photographieren lassen. *
Das Bataillon kommt nach schweren Kämpfen in „Ruhe". Es soll ein Unterhaltungsabend veranstaltet werden, und der Bataillons-Gewaltige wünscht, dag für diesen Abend ein Männerchor ans Angehörigen aller vier Kompagnien gebildet werde.
Unser Spieß läßt die Kompagnie antreten. Ein kurzes Ueberlegen. dann befiehlt er: „Die Lehrer vortreten: 1. Tenor! — Die anderen Einjährigen links raus: 2. Tenor! — Die Kausleute vortreten: 1. Baß!. — Gastwirte, Bierbrauer und Bierkutscher rechts raus: 2. Baß!"
Der Gesangverein war gegründet. Nur stellte sich bei der ersten Probe heraus, daß unter den Lehrern und Einjährigen ein paar samose Bässe waren, während die für den Baß bestimmten Leute teils gar nicht, teils nur Tenor singen konnten.
(Der Champagne-Kamerad.)


