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Dorf mehr passiv, sich tragen lassend vvdr den gewaltigen Erlebnissen der letzten Jahre. So war ’ß in den guten Tagen der Siege, die aus der Erinnerung wie goldene Strahlen zu uns herüberglänzen, so ist's auch jetzt in den Wochen des inneren und äußeren Zusammenbruches. Natürlich gibt es auch da wieder Verschiedenheiten, je nach Charakter und Volksart. Jedes, Dorf hat sein besonderes Erleben und jede Verallgemeinerung würde zu einem Zerrbild werden. Darum will auch das folgende nur als ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Bild dieser Tage betrachtet werden.
Wie hat unser Dorf den Umsturz erlebt? so möchte ich die Frage formulieren. Ob es ihn überhaupt erlebt hat, ihn innerlich verarbeitet hat, darauf mag sich jeder am Schluß dieser Zeilen selbst die Antwort geben. Ich will hier nur erzählen. Der schwerwiegende plötzliche Umschwung unserer Waffen im Westen war den meisten unbekannt geblieben. Die Hauptschuld hieran trug die gerade im September und Oktober mehr denn je drängende Feldarbeit. Die Sorge um die rechtzeitige Einbringung von Grummet und Kartoffeln nahm das ganze Interesse in Anspruch und ließ den Gedanken an die politischen Verhältnisse vollkommen in den Hintergrund treten. So wirkte es denn fast wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als der Ortsgeistliche an einem der letzten Oktobersonntage in seiner Predigt auf unsere "mißliche militärische Lage hinwies. Da erst wurde nran stutzig und begann die Tinge etwas aufmerksamer als bisher zu betrachi- ten. Es dauerte auch nicht lange, so kamen die Ereignisse mit nie geahnter Wucht und Schnelligkeit: die Abdankung des Kaisers, die Umwandlung Deutschlands zur Republik, die Bekanntgabe der Wa.fenstillstaudsbedin- gungen. Tie tollsten Gerüchte fanden bald willige Ohren und Herzen. Um dem Einhalt zu tun, beriefen Pfarrer und Bürgermeister sofort eine allgemeine Versammlung der erwachsenen Bevölkerung, in der zunächst eine Bürgerwehr gegründet wurde und die im übrigen dazu dienen sollte, die Gemeinde mit der wirklichen Lage der Tinge bekannt zu machen. Tie dort statt'indende Verlesung der Wasfenstillstandsbedingungen, die vielen noch fremd ivaren, wirkte ungeheuer, besonders die Punkte, welche die Blockade und die Rückgabe der Kriegsgefangenen ohne Gegenseitigkeit betrafen. Gerade dieser zweite Punkt ist bei dem an sich schon großen Mangel an Arbeitskräften und dem bisherigen: Ersatz durch Kricgsge angene für den Bauern doppelt empfindlich. Daß daneben das allgemeine Ge'ühl tiefster Entrüstung über die schmachvolle Behandlung, die unserem V"lk zuteil wurde, nicht fehlte, liegt auf der Hand.
— Wie hatten wir auf dem Land uns dem gegenüber nun zu verhalten? Tie Antwort hrerau" gab der Ortsgeistliche, indem er darauf hinwies, daß es vor allem gelte, Ruhe
und Selbstdisziplin zu wahren und sich nicht durch die Fülle der umherschwirrenden Gerüchte kopsscheu machen zu lassen. Im übrigen müsse jeder seine ganze Pflicht tun in der Ablieferung der Lebensmittel, da sonst die Gefahr bestände, daß die Bevölkerung der Jndustriegegenden das flache Land über- sch!wemmen und sich das mit Gewalt holen würde, was nran vorher nicht gutwillig her- ausgeben wollte. Dieser Gedanke hatte wohl die stärkste Turchschlagskrasi, und es muß zur Ehre unserer Bauern gesagt werden, daß sie dieses ernsteste Gebot der Stunde ersaßt und mit ganz verschwindenden Ausnahmen erfüllt haben. So lieferte unser Torf von ungefähr 700 Einwohnern mit schlechtem und wenig ertrag, ähigem Boden in ganz kurzer Zeit an die Stadt Frankfurt neben großen Mengen von Körnerfrucht 4000 Zentner Kartoffeln!
Aber, und das muß um der Wahrheit willen auch gesagt werden, diese zunächst offensichtlich niedergedrückte Stinrmung hat nicht allzulange angehalten. Als der erste Schreck sich gelegt hatte, da empfand man, daß man von den Dingen, die da draußen iu ! den Städten vor sich gingen, doch nur indirekt berührt wurde. Und darum ging mau lieber die schönen und beguemcren Wege des Wuchers und des reinen Egoismus. Dieser Geist ist durch den Krieg auf dem Land in einer Weise großgezogen worden, der alle : Vorstellungen bei weitem übersteigt, aller- > lings nicht zuletzt durch die Schuld der wohlhabenden städtischen Bevölkerung. Der Wert und die Bedeutung des Geldes haben in dem ! Leben des Bauern eine Macht erhalten wie nie zuvor, und ich fürchte, d^ß auch die Zukunft darin nur wenig Aenderung bringen wird, wenn nicht die Behörden mit ganz radikalen Maßnahmen eingreifen. Daher ist auch die plötzliche Umgestaltung der politischen Verhältnisse, die ja in der Bezahlung der hohen Lebensmittelpreise keine Aenderung hervorzubringen vermochte, ziemlich wirkungslos an der Seele unserer Bauern vorübergerauscht. Tie ganze Schwere unserer innerpolitischen Neuorientierung ist wohl nur den wenigsten aufgegangcn. Vorläufig steht noch im Vordergrund des Interesses die Tatsache, daß unsere feldgrauen Brüder nun wieder heimkehren und durch sie wieder die lang entbehrte Ordnung in Haus und .Hos einziehen wird: ein allerdings durchaus wünschenswerter Zustand, auch auf dem Land. Daneben spulen viele unklare Begriffe und Besorgnisse über die bevorstehende Trennung von Staat und Kirche in den Köpfen, Tinge, über die wohl kaum einer unter der Landbevölkerung sich restlos klar sein dürfte und die dringend weiterer Aufklärung bedürfen.
Es ist klar, daß es auch bei uns nicht an Versuchen ge'ehlt hat. innerhalb der Dorfgemeinde ein wenig „Revolution zu machen'". ! Der Versuch einiger jüngerer Soldaten, ne-


