( Gemeindeblatt für die evangelische Birchengemeinde Gießen
Nr. 52 Gießen, Z. Advent, den 15. Dezember 1918 7. Jahrgang.
willkommen in der Heimat!
Jesaia 55, 12. Ihr sollt in Freuden aus- ziehen und in Frieden geleitet werden.
In diesen trüben, kurzen Wintertagen seid ihr, ihr Glieder unserer Kirchcngcmeinde, die ihr seither an der Front gestanden habt, zu uns in die Heimat zurückgekehrt. Wie wir euch in herzlicher Teilnahme haben hinaus in das Feld ziehen lassm, wie wir euer stets gedacht, wie wir zu Hause, im stillen Kämmerlein irnd im Gemeindegottesdienste sür euch gebetet haben, als der Feind seinen Eisenhagel aus euch herniedersandte, so sind auch jetzt in den Tagen eurer Heimkehr unsere Herzen euch innig Angewandt. Gott segne eieren Eingang in die Heimat, die ihr mit so hohein Manncs- mutc und in so treuer Pslichterfülluug verteidigt habt!
Es ist ein Prophetenwort, das wir euch bei eurer Heimkehr zurufen. Einst in alten Tagen ist es tapferen Kämpfen! an das Herz gelegt worden, als diese nach schweren Tagen wieder nach Hause kamen. Es galt ursprünglich den Männern, die nach heldenhaftem Kampfe um die geliebte Heimat auf den jüdischen Bergen und im Jordantale in die Gefangenschaft am Euphrat und Tigris hatten wandern müssen und die nun nach langem Tulden wieder den Heimweg antreten konnten. Ihr sollt in Freuden ausziehen aus dem fremden Lande, so sagte ihnen der Gottesmann, und in Frieden geleitet werden. In wunderbaren Worten beschreibt er diesen Heimweg. „Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Ruhm und alle Bäume auf dem Felde mit den Händen klatschen." So seid auch ihr, wenngleich alles anders gekommen ist, als wir dachten, in Freuden ausgezogen aus dem fremden Lande und seid, von dem Gott des Friedens geleitet, wieder bei uns angelangt.
Indem wir euch willkommen heißen, gedenken wir in Treue derer, die ihre Liebe zu dem deutschen Baterlaudc mit ihrem Herzblute besiegelt haben und in ihren Gräbern ausruhcn vom Streite. Aber wir wissen auch, was ihr geleistet habt. Turch 52 Monate habt ihr in dem größten Kampf der Weltgeschichte gestanden, gegen riesenhafte Uebermacht habt ihr euch behauptet. Menschen, die noch eine Spur von Gerechtigkeitssinn in sich tragen, werden, auch wenn sie nichtdeutschen Völkern angehörcn, jetzt und in der Zukunft anerkennen, daß ihr Helden gewesen seid. Ihr habt, um ein Wort des Apostels Paulus zu gebrauchen, den Trost des guten Gewissens.
Ungeheuer ernst ist in diesen Adventstagen unsere Lage, aber wir wollen die Köpfe nicht sinken lassen. Nun, da ihr wieder dauernd bei uns seid, hoffen wir, daß wieder alles gut werden wird. Wieder können wir mit euch in altvertrauter Gemeinschaft leben, mit euch im Hause, in der Kirche, bei der Arberr und in der Ruhe zusammensein. Ganz besonders freuen wir uns darüber, daß ihr wieder die Friedensarbeit aufnehmen könnt. Teutschland wird schon wieder hochkommeu, Hoffnung läßt nicht zuschanden werden. Noch haben wir ja den, auf^den alle Propheten- wvrte Hinzielen, den Heiland, den Herrn der Herrlichkeit. Wenn wir jetzt die Advents- glocken läuten hören, so hören wir aus diesen Klängen die Botschaft, daß Jesus Heil und Leben, Trost und Frieden in die Welt gebracht hat und immer iwch bringt und daß er ein König ist immer und ewiglich. In seinem Namen wollen wir niit euch, den aus dem Kriege Heimgckehrten, getrost der Zukunft entgegenschreiten. H. B.
Zur Trennung von Mrche und Staat.
Bis jetzt liegt eine offizielle Meinungsäußerung der preußischen Regierung zu der Frage nach der Trennung von Staat und Kirche noch nicht vor, sondern lediglich private Aeußerungeu des Ministers sür Wissenschaft, Kunst und.Volksbildung. Aber diese schon haben eine weitgehende Beunruhigung geschaffen. Namens der katholischen Kirche hat der Kürdinal Hartmann in Köln feierlich Verwahrung eingelegt gegen eine vorschnelle „Trennung" und nennt sie einen „flagranten Rechtsbruch", weil nur die kommende Nationalversammlung die Vollmacht besitzen werde, auf diesem Gebiete gesetzliche Maßnahmen zu treffen; weil alte rechtsverbindliche Verträge nicht durch einen einseitigen Akt „willkürlicher Gewalt" ohne weiteres gelöst werden können.
Auch aus evangelischer Seite fehlt es nicht an Protesten gegen eine vorschnelle und einseitige Lösung der seitherigen Verhältnisse von Kirche und Stadt. Jeder Tag bringt neue Beweise, daß weite Volks kreise besorgt Hinblicken auf die Möglichkeit, das; etwa hier durch voreilige Entschlüsse unheilbarer Schaden angerichtet werden könnte. Jedenfalls würde eine sofortige Loslösung des kirchlichen Wesens von aller durch die Geschichte geschaffenen Bindung an staatliche Faktoren eine verhängnisvolle Unvorsichtigkeit sein. Ihre Urheber würden bald zu ihrer eigenen Enttäuschung merken, daß die Kirche viel


