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nvcrfbar machte. Es war daher nicht ganz! ungefährlich für die Btnsiker, vor der Ka­vallerie her zu marschieren, denn da konnte es Vorkommen, daß sich plötzlich einer der Rei­ter mitten unter ihnen mit allerhand un­freiwilligen Kunststückchen produzierte. Tie- em vorzubeugen, zog man vor, hinter der Reiterei herzutrompeten, was in der Weise geschah, dass die Musik beim Ausmarsch, der seinen Weg vom Brand aus über die Brau- qajse durch die Stadr nach dem Trieb nahm, am Ende dieser Gasse, nach der Seite ab­schwenkte, die Kavallerie an sich vorbeiziehen lieb und sich dann zwischen diese und die Jnsanteric setzte. Das war der rechte Augen­blick sür die Spaßvögel in der Kapelle. Sie verdoppelten die Stücke der Töne ihrer In­strumente, namentlich die der großen Trom­mel, die Becken wurden gehörig hergenom- meu, und die Posaunisten ließen es sich nicht entgehen, gelegentlick einem der vorbei- ziehenden Pferde mit ihrem Instrument ge­gen das Maul zu stoßen. Das Ende vom Liede war, daß einige der geängstigten Tiere die Sache falsch verstanden und samt ihren Reitern heim in dm Stall liefen.

Aber auch die Kapelle durfte es ani eige­nen Leibe einmal verspüren, was es heißt, zu reitm, ohne sattelfest zu sein. Mein Vater hatte den Vorzug, Mitglied der Kapelle zu sein Er blies die Trompete, die uns Kindern in späteren Jahren als vollständig verbuckel- tes und verbeultes Instrument in die Finger fiel und speziell von mir dazu benutzt wurde, auf Fastnacht den Lärm in dm Straßen Gießens rechtschaffen vergrößern zu helfen. Befragt, wie das Instrument, dem man den Glanz vergangener Tage noch ansah, zu d.r Mißgestaltung gekommen sei, erzählte mein Vater dm Vorfall folgendermaßen: Die Marburger Kavallerie der dortigen Bürger- wehr hatte die Gießmer Reiterei eingeladen. Selbstverständlich lehnte man . solch eine schöne Gelegenheit, den Patriotismus auch .im Preußischen bei einem herzhaften Trunk glänzen zu lassen, nicht ab. Aber man mußte doch in Marburg mit klingendem Spiel ein- ziehm können. Tie Gießener Kapelle konnte sedoch nicht reiten. Es blieb daher nichts an­deres für sic übrig, als diese Kunst rasch zu erlernen. Das soll gar nicht so einfach ge- wesm sein: dmn das Pferd mußte auch an die Instrumente gewöhnt werden. Aber es wurde durchgesetzt. Meine Mutter, die da­mals noch Braut war, litt nicht die Be­teiligung meines Vaters an dem Wagnis, denn sie hatte große Sorge, er würde dm hals breckm. Daher kam es, daß sich dw spätere Landgerichtsrat K., der damals auch bei der Kapelle die Trompete blies, das Instrument meines Vaters ausbat, weil die­ses schöner war als das seiniae. Halb zu Fuß, halb zu Roß wurde der Wea nach« Mar­burg znrückgelegt. Bor der Stadt fetzte sich jeder stramm in Positur! wer einen Schnurr­

bart hatte, drehte ihn noch einmal, .und dann ging es los. Prompt setzte die Musik ein. Aber, o Mißgeschick! Tie Mähre des Herrn K. schlug hinten und vom aus und warf den Reiter ab, der ausgerechnet auf meines Va­ters schöne Trompete fiel und diese daher ganz platt drückte. Weder die sofort in An­spruch genommene Kirnst der Marburger Spenglermeister, noch später die des Gieße­ner Bürgers und Kupferschmiedemeisters Vogt in ber Neustadt vermochte der so jät um ihre Schöne gekommenen Trompete zu ihrem früheren gleißenden Glanze zrr ver- helferr. Tie ganze Kapelle war darob betrübt und soll aus diesem Anlaß, als bei dem Bankette in vorgerückter Stunde die Ver­brüderung eine handgreifliche Form ange- nommen hatte, indem man sich- ohne Rück- sicht auf den Rang gegenseitig umarmte, das Reiterlied gespielt haben:Morgenrot, Mor­genrot", in dem es ja in einem Verse heißt: Ach wie bald schwinden Schönheit und Ge­stalt." .

Wie die ganze Gesellschaft damals heun- gekommen ist, davon meldet kein Lied, kein Heldenbuch. -

Zweifellos wird aber der Ritt nach Mar­burg und zurück als eine mannhafte Leistung betrachtet worden sein, die den braven Gie- ßenern so recht vor Angen führte, zu was der Mensch fähig ist, wenn ihn der Patriotis­mus gepackt und, wie in diesem Fall, znui Vollstrecker eines fröhlichen Festes auf poli­tischer Grundlage auserwählt hat.

Schlachten mit dem Pokal schlug die Bürgcrgardc des öfteren, namentlich hei dem alle Monate stattfindenden großen Aus­rücken ani den Trieb. Das war jedesmal ein Festtag für Gießen und Umgebung. Nach halbstündigem Exerzieren und daran an­schließenden Marschübungen der Kompagnien im einzelnen und in der Gesamtheit wurde dem Gerstensäfte wackeb zugesprochen und da­bei eine unheimliche Menge saftiger Würst­chen vertilgt. Es wird behauptet, daß das ! Fell der als Tisck benutzten großen Trom­mel von all dem Fett, welches auf ihm her- umschwamm,, ganz schlappcrig geworden sei und infolgedessen auf dem Heimweg keinen richtigen Ton mehr abgegeben habe. Ta aber die Musiker bis dahin selbst schlavperig ge­worden seien, so habe man in Würdigung dieser Uehereinstimmung zwischen Mann und Instrument durch Gesang nackgehokfen, wo eins oder das andere versagte. Ter Heimweg vom Trieb in die Stadt vollzog sich wie eine Heimkehr der Krieger nach einem gewonne­nen Feldzug. Tie Knaben trugen die Ge­wehre und Patronentaschen, Männlein und Weiblein marschierte im Tritt neben den sich Arm in Arm führenden Gardisten wacker her, unter rröhlickem Sinnen, Scherzen und Lacken die Krünberger Straße herunter, unr sick bcmjr. nach der Entlassung der Truppe ans dem'Brand, zu verlaufen.