aus beit Erzählungen älterer Leute entnehmen konnte, hier in Gießen als eine mehr oder weniger angenehme Abwechslung empfunden wurde. Vorn getrommelt und hinten keine Soldaten; viel Geschrei und wenig Wolle; mit diesen Sprichwörtern kann man inr allgemeinen den damaligen schwachen Versuch, ein republikanisches Regierungs- systeni einzuführen, abtun. Das Volk war politisch noch zu unreif für eine.solche Aufgabe, und je mehr man im Wirtshaus auf den Tisch schlug und grosse Reden hielt, desto lauer war die Beteiligung draußen an der oeabsichtigten Umwälzung. Kein Wunder, daß es bei dem Versuche blieb. Mein Vater erzählte uns Kindern öfters, wenn die Rede auf vergangene Zeiten kam, von Episoden aus dem Revolutionsjahre und freute sich, wenn sein goldener Humor, den er sich in allen Lebenslagen bis zu seinem Tode bewahrt hatte, durchschlug und uns ein helles Lachen entlockte. Er mochte dabei in seinem Bestreben, uns zuliebe die Erlebnisse^recht lustig hinzusteilen, die Farben seiner Schilderungen in harmloser Weise vielleicht stark auftragen, wie man das beim Erzählen von Märchen zu tun pflegt, aber das tut hier nichts zur Sache, denn eine historische Feststellung soll mit diesen Mitteilungen ja nicht verbunden sein; vielmehr ist der Zweck derselben, die Gedanken der Leser von all dem Trübseligen, welches wir erlebt und durchgekostet haben und was uns vielleicht noch bevorsteht, einnial auf ein Viertelstündchen abzulenken. '
Dem Gießener war von jeher ein phänomenales Anpassungsvermögen eigen. Er freute sich, wenn die Stadt eine ihr zur Zierde gereichende Neuerung erhielt, ebensosehr, wie er es als etwas Selbstverständliches mit in den Klaus nahm, wenn ihm bei Regenwetter mitten in der Stadt der Schmutz oben in die Stiefel hineinlief. Er stellte stinen Mann bei festlichen ebenso wie bei traurigen Anlässen, und wenn die Stelle, auf welcher sich die „Kracheburg" ehedem vor dem Vorübergehenden verbeugte, nur noch bis zur nächsten Generation unbebaut bleibt, so ist er imstande zu behaupten, das müsse aus hygienischen Rücksichten so sein. Wie es die Schickung schickte, so trug er es und so machte er denn auch, als es 1848 in Gießen losging, sofort fest mit. Seine erste Sorge war die Gründung einer Bürgerwehr, welcher anzugehören er um so vergnüglicher fand, als die Obliegenheiten derselben jederzeit: einen ausreichenden Grund zur Versäumnis der Arbeit und zum Wirtshausbesuche abgaben. Das Gießener Pfandhaus soll denn auch nie so viel zu tun gehabt haben, wie Anno 1848. Mit wenigen . Ausnahmen hatte es die Bürgerwehr, zu ihrem und der Einwohnerschaft Glück, denn auch nicht nötig, dem in aufgeregten politischen Tagen doppelt gewichtigen Spruch, daß Ruhe des Bürgers '"trfte
Pflicht ist, Geltung zu verschaffen, wobei den damit Beauftragten die Befolgung dieses Grundsatzes mitunter schwerer gefallen sein soll, wie die Herstellung der Ordnung selbst. Turchblättert man die Protokollbücher der Bürgerwehr — sie sind im Museum des oberhessischen Geschichtsvereins niedergelegt — , so gewinnt man den Eindruck, als habe man es mit einem bürgerlichen Geselligkeits- ‘ verein zu tun. Es wurden neue Mitglieder ausgenommen, andere wegen Nichtbezahlung ihres Beitrags oder sonstiger Untugenden halber ausgeschlossen, hier und da einmal nächtliche Ruhestörer sestgenommeu, um sie andern.Tages wieder lausen zu lassen; in den Sitzungen wurden alle diejenigen Angelegenheiten besprochen, mit denen man bei einem Vergnüguugsvevein die Zeit wtzu- f schlagen pflegt. Es wird daher aud; nieman- f den wundern, daß Bälle stattfanden, bei welchen selbstverständlich alle früheren gesellschaftlichen Unterschiede verschwinden muß- ! ten, was aber in bezug auf die Balltoilette i nicht immer ganz gelang und namentlich in der Unterschiedlichkeit der Quadrillenschwen- j ker überwältigend zum Ausdruck gekommen j sein soll. Tie Wehr hatte ihre eigne Musik- ; kapellc, die, in zwei Hälften geteilt, bei den . Tangzvergnügungen abwechselnd spielte und tanzte. Dabei soll es an gar lieblichen Bildern nicht gemangelt haben, was man ohne ! weiteres zugeben wird, wenn ntan sich vorstellt, wie auch ältere Semester, berauscht vom freiheitlichen Feuergeist und anderem, noch einmal eine Runde riskierten und sich : unendliche Mühe gaben, in zierlicher, netter und jugendlicher Weise die Tänzerinnen her- nmzuschwenken, wobei die durch den Vatermörder bedingte unschöne und steife Haltung des Hauptes anmutig gemildert wurde durch i die flatternden Schöße des 1848er Frackes. !
In der Musik waren mancherlei Schälke ! vertreten, und daher mochte es komnien, daß man schon am mehr oder minder zarten oder ' heftigen Klang ihrer Weisen wahrnehmen konnte, ob fick jeweils unter den Tänzern der • eine oder andere befand, welcher die Kunst Terpsickores in fürnehm em oder in etwas kriegerisch-rauhem Rhythmus zuin Ausdruck brachte. , s
Uebrigens soll die Musik über ge- - schulte Kräfte verfügt und daher ihre Sache gut gemacht haben. Beim Ausrücken zog sic voran. Dann kam die Kavallerie und hieran . schloß sich die Infanterie. Reitender Bürger- ? gardist konnte ein jeder werden, der ein Pferd aufzntrciben wußte; ob es sein Eigentum ; oder von dem Onkel, von einem Frettud, oder sonst woher geliehen war, tat nichts zur i Sache. Mit dem Reiten haperte es unter ! diesen Umständen natürlich auch. Ter gute Wille des Gardisten zu Pferd blieb oft weit hinter dem Eigensinn des letzteren zurück, was sich in grotesken Evolution e.n von Mann ; und Roß mitunter in drastischer Weise be- .


