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Sonntagsyruß

( Gemeindeblatt für die evangelische Ixirchengemernde Gießen

Nr. 4-9 Gießen, 2. Advent, den

Deutscher Advent sM.

Bon Pfarrer v. S t >o ck - Berlin-Lichterfelde. Psalm 130, 6. Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur anderen.

Es muß anders werden mit imserm Ad­vent. Er muß herber werden. Wir müssen ihn loslösen von allem Weichlichen, allem, was bloß Stimmung ist. Im Kreise der Fa­milie und bei unseren Kindern mag er sein Recht behalten mit seinen alten Worten und Weisen. In unseren gottesdienstlichen Ver­sammlungen müssen sich andere Klänge durchsetzen, Klänge, die mit uns gehen ins harte Leben. Weckrufe brauchen ivir heilte, die uns das Wiederkommen des Herrn zum Gericht und seine Forderungen an unser Ge­schlecht lebendig machen!

Unser bisheriger Advent hat uns zu-Kin­dern der Vergangenheit gemacht. Tarüber hatten ivir das Warten verlernt und ver­loren. Andere traten an die Stelle der Christen. Tie von dem christlichen Advent kaum noch etwas wußten, die hatten selber einen Adventsglauben, sie rufen nun, da die Zeit der Erfüllung für sie gekommen, in unser Volk hinein: die Morgenröte einer neuen Zeit bricht au. Und in der großen Masse nmnch einer, der reinen Herzens ist und den: es ein wirklicher Ernst ist um seine Hoffnung und seine Arbeit für sein Volk. Nur den einen nennen ivir: Anton Fendrich. Und bis zur Stunde eilen sie stürmisch ihren Idealen nach. Ta ist ein Vorwärts, da ist Glaube an die Zukunft. Währenddeß stehen manche Christenleute am Weg, trauernd, kla­gend, fast verzweifelnd, haben Adventslieder auf den Lippen, aber keinen rechten Advents- glauben im Herzen.

Was würde Jesus sagen? In den Bor- fläjjgeit dieser Tage die Morgenröte einer becheren Zeit für die arme, gequälte Mensch- heit erblicken? Schwerlich. Keinesfalls mit uneingeschränkter Zustimmung. In die Massen »hinabsteigen mit Schlagworten, mit. Losungen für morgen und übermorgen? Ganz gewiß nicht. Ter wirkliche König und Führer fühlt in der Masse nur seine Einsam­keit und die Größe seiner Ausgabe. Aber das würde er uns deutschen Christenleuten sagen: Es ist nicht wahr, daß nur Nacht um euch ist. Er würde mit ihnen fühlen, wegen all des, was ihnen genommen, das ihnen lieb und teuer war. Aber er würde fragen, ob sie denn irgendwo Licht sähen, ob sie sich nicht freuen wollten darüber, daß er sie aus aller kirch­lichen Weichlichkeit heraus reißt und sie vor

8. Dezember 191 $ 7. Jahrgang.

große Entscheidungen stellt? Nicht freuen wollten, für ihn und seine Sache zu arbeiten und zu streiten?

Es ist nicht wahr, daß alles, was wir ge­habt haben, gut ivar und festgehalten werden mußte bis in Einigkeit. Es mußte eine Zeit kommen, wo neu gebaut iverden mußte. Ha­ben ivir das nicht selber hundertmal gefast?

Und wenn nun der Zwang zum Neubau uns andere Baupläne ip die Hand gibt, als ivir sie erwarteten, und vieles zu Trümmer ge­worden ist, worauf ivir fest bauten dürfen wir deshalb nicht mit dem Vater im Himmel rechten? Was würde Jesus sagen? Auch jetzt ganz gewiß: das Reich Gottes ist nahe tzerbeigekommen. Entscheidungstage in der Geschichte der Völker sind auch Ent- scheidungstage in der Geschichte des Reiches Gottes. Darum auf, folgen wir unserm Ad­ventskönig in dieser schweren Stunde unseres Vaterlandes. Wachsam und nüchtern wollen ivir allen Täuschungen unseres Volkes be­wußten und unbewußten, Widerstand leisten. Sittliche Schlasfheit, die allen und jeden Ge­nuß und jedes Vergnügen für berechtigt hält, bekämpfen, für unser Urteil und unsere Tat nur den einen Maßstab gelten lassen, den Maßstab unseres Herrn Christus und seines Reiches, und die Kräfte des Guten stärken, wo immer sie sich regen.

Und dann wollen ivir singen >vie Paul Gerhard:

Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los.

Ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß.

Aber so wird nur-gesungen werden kön­nen, wenn die Zahl derer groß und immer größer geworden, wenn sie vor allem reg­samer und tätiger geworden ist, die als Frei- s gewordene helfen "wollen, daß andere frei ! werden. Andere mögen die Morgenröte einer neuen Zeit begrüßen um der äußeren Tinge willen, die jetzt in Erscheinung treten. Wir erwarten noch eine Morgenröte iin anderen Sinn für unser Volk. Um sie wollen wir kämpfen, arbeiten und beten. Und mitten in unsere Arbeit und unseren Kampf soll uns I das Adventswort geleiten:Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgen- wache bis zur anderen."

Geschichten und Bilder aus Alt-Gietzen. -4-

ii.

Aus dem Revolutionsj ahre 1848. s Tie heutigen politischen Vorgänge er- ! iititera an das Jahr 1848, welches, wie man