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Sonntagsgruß

(Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Nr. 47 Gießen, 26. Sonntag n. Trinitatis, den 24. November 1918 7-Iahrg.

Zwischen den Gräbern.

Evangelium des Lukas 10, 42. Eins aber ist not.

Ein stiller Nachmittag im August. Tie Leute im Dorfe fittb auf ihren Feldern oder sie sind in den Wald gefahren, um Holz nach Hause zu bringen. Es ist ganz ruhig in den Dorfgassen, nur spielende Kinder und Hühner, die nach Futter suchen, geben KUnde davon, daß noch Leben in der Ansiedlung zu firtbett ist. Ich habe mir vom Toten­gräber den großen, schweren Schlüssel geben lassen und schließe die eiserne Friedhofs- pforte auf. Sie kreischt in den Angeln, wie ich sie öffne; man melkt, daß sie sich nur selten, etwa an Sonntagnachmittagcn, wenn! vie Leute Zeit haben, an die Gräber ihrer Toten zu gehen, und selbstverständlich dann, wenn ein müder Pilger zum Acker Gottes! gebracht wird, auftut. Ein gerader, rein­licher, mit Kies bestreuter Weg führt mitten durch den Friedhof hindurch, den man vor dem Torfe auf einer Anhöhe angelegt.hat, nachdem der Begräbnisplatz rings uni dre Kirche zu klein geworden war. Toch das ist schon lange vor der heute lebenden Men­schen Gedenken geschehen, und niemand weiß mehr, wann man aufgehört hijst, die Toten in der Nähe des Gotteshauses beizusetzen.

War es schon stille im Dorfe, so ist es aus dem Gottesacker noch viel stiller. Leise rauschen die Bäume im Winde, im hohen Grase zirpen die Grillen, weither von den Feldern höre ich Kinderstimmen. Die Grä­ber haben ein eigenartiges Gepräge. Unter vielen der hier in der letzten Zeit aufge- schichteten Hügel hat man Leisten ange­bracht, an denen Perlenkränze und Kvänze aus grünem, meist natürlich verwelktem Laubgewinde befestigt sind. Die Schleifen an den Kvänzen sind von Wind und Regen mitgenommen. Hier und da liest man noch die Inschriften:Gewidmet vom,Männer­gesangverein" oderSeinem Vorstandsmit­glied« der Kviegerverein". Einige der Kränze sind unter Glas und Rahmen gebracht. Die Grabsteine sind von einfacher Art, durch­stieg aus Sandstein, der in dieser Gegend gefunden wird.

Ich gehe zunächst nach dem Teile des Friedhofes, auf dem schon vor langer Zeit die Dahingeschiedenen if)re_ Ruhe gefunden haben. Nur wenige Grabsteine sind hier noch erhalten, und die Inschriften firtb so ver­wittert, daß ich sie nicht mehr lesen kann. Auch sind die Gräber so mit Pflanzen über­

wuchert, daß mein Fuß. in ihrem Geschlinge hängen bleibt. Niemandl sieht offenbar mehr nach diesen Gräbern, und mir fällt das Wort des Psalmisten ein: Meiner ist im Herzen vergessen als eines Toten. Auf einem 'Kindergrabe finde ich die rührende, kleine Figur eines betenden Engels; der Engel ist als kleines Kindl dargestellt. Auf einem an­deren Kindergrabe finb zwei Tauben zu sehen, wahrscheinlich als Sinnbild der kind­lichen Unschuld. Eine merkwürdige Inschrift entdecke ich auf einem säulenartigen Grab­steine:Heil seiner Asche!" heißt es hier, ein Wort ebenso unsinnig wie glaubenslos. Auch ein Soldatengrab finde ich unter den vergessenen Hügeln. Der darunter ruht, ist im Juli 1870 auf dem Marsche nach Frank­reich den Anstrengungen des Marsches' er­legen, lange bevor er den feindlichen Boden I betreten hatte. Er war der erste Tote eines tapferen brandenburgischcn Regimentes, das wenige Tage später den Spicherer Berg stür­men half.

Wie ich weiter vordringe, finde ich auf dem Verwahrlosten und vergessenen Teile des Friedhofes die Gräber solcher, die ich im Leben noch gekannt habe, und ich entsinne mich noch des Tages ihres Begräbnisses. So weiß ich noch, wie an zwei dicht aufeinander­folgenden, milden Septembertagen zwei kleine Mädchen bestattet wurden, die der Diphtherie zum Opfer gefallen waren. Schattenhaft taucht ihr Bild aus der fernen Vergangen­heit wieder vor mir auf. Es waren stille, sanfte Kinder von sieben und acht Jahren, die mit mir zur Schule gingen. Auch des Jünglings, der eben die Universität besuchen sollte und in der Heimat einem langen Lei­den erlegen ist, kann ich mich noch entsinnen. Als ob sie am fernen Horizont gingen, so sehe ich wieder im Geiste die Menschen zu seinem Begräbnisse schreiten.

Tann in dem neueren Teile, da liegen sie dicht nebeneinander, die ich im Leben gut gekannt, mit denen ich manche Stunde ,zu- sammengesessen, deren ganze Lebensgeschichte ich gekannt habe und noch kenne. Nach Lust pnd Leid, nach löblichem Dun und sünd­haftem Treiben, nach heiterer Jugendzeit und schweren Krankheitstagen sind sie eingegan­gen in den Frieden Gottes. Einst hatten sie Streit miteinander und machten sich das Leben sauer und schwer, nun ruhen sie fried­lich, nachbarlich nebeneinander. Oder sie haben im Leben treue Freundschaft gehalten, haben oft im Sommer abends nebeneinander aus der Bank vor dem Hause gesessen, nun