Sonntaysyruß
( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Nx. §6 Gießen, 25. Gonnrag n. Tinnicacis, den I7. V7ot>embei* 1918 7.Iahrg.
In unruhiger Zeit.
Brief an die Hebräer 11, 1. Es ist aber der Glaube eine giNvisse Zuversicht des, das man hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht sixhet.
Nun schweigt auch an der Westfront der Wafsenlärm. Am Montag, dem 11/November, mittags 12 Uhr, siel dort der letzte Schuß. Gott sei Lob und Dank, dem furchtbaren Blutvergießen ist ein Ende gemacht Dennoch können wir nicht froh werden; denn die Bedingungen, unter denen der Feind mit uns Waffenstillstand geschlossen hat, sind unsagbar schwer. Was soll aus!unserem armen, schwer gebeugten Volke werden? Wir wissen jetzt manchmal nicht, wo aus und ein. Wie eine Springflut stürzen die Ereignisse über Uns her und wollen uns in ihre Strudel reißen. Von Körper, Geist und Nerven wird das Aeußerste verlangt, den Sturm zu bestehen, Jetzt, wo alles, was nicht niet- und nagelfest, erbarmungslos fortgeschwemmt zu werden droht, offenbart sich, was der einzelne für seine gesamte Umgebung bedeutet, wenn er das Höchste an Menschenkraft,besitzt: inneren Halt! Es ist unsagbar, was jetzt ein innerlich gefesteter Mann, eine im starken Seelengrund verankerte Frau für das Ganze bedeuten kann, Führer, unerschütterlich in ihrer Gesinnung, brauchen wir im kleinen und kleinsten Kreise, überall zur Stelle, wo die Dämme zu brechen drohen, Willensstärke Persönlichkeiten, die wissen, was sie wollen, und durch ihr Beispiel die Haltlosen mit sich sortreißen zu rettender Tat, Charaktere, die durch ihr ganzes Verhalten beeisen, daß sie Boden unter den Füßen haben. Jetzt vor allem ist auch die Stunde da, wo sich offenbaren muß, was „Glauben" ist: „eine gewisse Zuversicht dessen, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht," Gilt dies zuvörderst vom religiösen Glauben, so auch schlechtweg von jedem Glauben'an das Recht, an die Wahrheit, an den letzten Sieg des Guten, Nur nicht sich fortschwemmen lassen, wenn der Zusammenbruch drohtl „Niemand soll lassen dm Glauben daran fahren, daß Gott durch ihn nne Tat will," Diese Tat heißt jetzt: Fest stehen, bis die Brandung sich verläuft, um durch sein Feststehen dem Ganzen Halt zu geben!
Das kirchliche und religios-sittiiche Leben in den evangl. Gemeinden des Dekanates Eichen während des Jahres 191?.
(Fortsetzung,)
Es ist kein Wunder, wenn auch die eheliche Treue bei so langer und weiter Trennung der Ehegatten manche Verletzung answxist. Tie Uebernahme der Frauen und Mädchen in männliche Berufe, die Nachtarbeit in Eifenbahndienst und Geschoßh.rstellnng, vielfach verbunden mit männlicher Kleidung, bieten für beide Geschlechter Versuchungen dar, die von geistlich oder auch leiblich Schwachen nicht immer überwunden werden. Nicht immer weiß die deutsche Frau als Pflegerin der Verwundeten und Kranken, als Wirtschafterin in den llnterknnstsränmen der Krieger, als Helferin in den Schreibstuben und gewerblichen Betrieben ihre stark bedrohte Ehre in heldenhaft christlichem Mut zu bewahren, zu schweigen von jenen Unglücklichen, die mit Kriegsgefangenen zuschanden geworden sind. Was durch L-chunderzeugnisse in Schrift und Bild, auch in öffentlichen Vorführungen, schon in Friedenszeiten so fleißig für Jung und Alt als eine Saat des Glücks ange- priesen ward und zum Teil noch immer angepriesen wird, das pflegt in der schwülen! Luft eines längeren Krieges schnell und leicht zu reifen. Möchte ein erfrischender Hauch des Geistes von oben uns erfassen, erwecken und die gesunden Antriebe des Volkslebens stärken! Hierbei im Dienste ihres Herrn mit- zuwirken, ist die hohe Aufgabe der Kirche, wie auch das Ziel, das
6, Kirchliche Vereine und evan ge- lis ch- christliche L iebes t ä ti g f eit sich gesteckt haben, lieber die kirchlichen Vereine der äußeren oder inneren Mission, den Gustav-Adolf-Berein Und fee« Evangelischen Bund werden ihre Synodalvertreier, im folgenden genauer berichten. In Daubringen hielt ein Fräulein Götte einen Bortrag über die Sndcm-Pioniermission. Tie Missionarin Toni Steiner sprach in der Kirche zu Lang- Göns vom Altar aus von ihrer Arbeit in Indien im Dienste der Gvßnermission. Pfarrer Memmert als Vereinsgeistlicher für innere Mission predigte wieder in einigen Gemeinden über Ktüppelfürsorge, Ein Sekretär Brune aus Tarmstadt predigte in Lang- Göns über Soldatenheime und Soldatenmission in Kurland und Polen,
Tie Kirchengesangvereine scheinen nur in Gießen, in Großen-Linden, Klein-Linden


