Sonntagsgruß
( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Nr- H Gießen, 2Z. Sonntag n.Trinitatis, den Z. November I9J8 7-^ahrg.
Reformationssest.
1. Brief des Johannes 5, 4. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Wir stehen, wenn uns nicht alles täuscht, am Ende des Krieges, der seit Jahr und Tag allcrwärts in der Welt so furchtbare Wunden geschlagen, so namenloses Leid über die Menschheit gebracht und so viele Kulturwerte zerstört hat, Wohl wird jetzt im Westen noch mit aller Zähigkeit und Erbitterung gekämpft, aber der Donnerton dieser Kämpfe klingt doch schon wie abziehendes Gewitter, und über kurz oder lang wird, so Gott will, Friede werden. Dieser Friede wird hinter den Erwartungen zurückbleiben, die wir in der ersten Zeit des Krieges gehegt haben, die kommenden Jahre werden nicht leicht sein, es gilt auszubauen. Verlorenes wieder zu ersetzen, Zertrümmertes wieder neu erstehen zu lassen.
Es liegt auf der Hand, daß wir diese Aufgabe nicht mit den seitherigen Mitteln lösen werden. Damit, daß man sich- in Vereinen zusammenschließt, daß man Versammlungen abhält und, wie das in Deutschland gang und gäbe ist, Resolutionen hinaus in dre Welt gehen läßt, wird nichts getan sein. Daß man Gesetze für andere macht, ohne sich ihnen selbst zu unterwerfen, wird erst recht nicht zum Ziele führen. Wir brauchen, soll Deutschland wieder neu erstehen, ein frommes, opferwilliges, demütiges und mutiges Volk, Ein solches Volk können wir nur werden, wenn unser evangelischer Glaube uns tief durchdringt. Diese Urberzeugung schöp- pfen wir aus der Geschichte, Als der Dreißigjährige Krieg zu Ende war, blutete unser Volk aus tausend Wunden, es schien dem völligen Untergänge nahe zu sein. Dennoch kam es, wenn auch langsam, wieder in dir Höhe, Tie Glaubcnskraft des Reformationszeitalters führte es wieder aufwärts. Das starke Gottvertrauen Martin Luthers, seine auf Christi Erlöscrtod gegründete Gewißheit der Sündenvergebung, das hierauf sich gründende Gefühl des Friedens und der Freude, das Bewußtsein, dem heiligen Gott verantwortlich zu sein, der hieraus entspringende innere Zwang, Gottes Geboten zu gehorchen, und die innere Nötigung zu treuer Pflichterfüllung, das waren in jener schweren Zeit dem deutschen Volke die Elemente seiner Kraft und seiner Erhebung, Tie Lieder, die Paul Gerhard im 17, Jahrhundert sang, erfüllten die Traurigere wieder mit Zuversicht. Ter Pietismus, wie -er sich- vor altem an die Namen Zinzendorf und Sperrer' knüpft, mil
derte die Verwilderung der Sitten. Gellert erzog das Bürgertum zur Tugend und Pflichttreue, Im Hintergrund aber stand immer Luthers wuchtige Gestalt, und in die Nöte der Zeit, in die bis hinein in das 19. Jahrhundert andauernde Dürftigkeit und Armut der Verhältnisse drang immer sein glaubensstarkes Wort: Ein feste Burg ist unser Gott,
Tie Gedanken und Stimmungen des Reformationszeitalters sind gerade in dieser Zeit rcch-t rege in uns; denn erst vor einem Jahre haben wir das Jubelfest dieser großen Glaubens beweg uug gefeiert. Mögen diese Gedanken in uns Weiterarbeiten, diese Stimmungen in uns weiter klingen, dann braucht es uns vor der deutschen Zukunft nicht bange zu sein. Immer noch- ist wahr, was Johannes schreibt und was über dem Hauptportal der Johanneskirche zu Gießen steht: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, H. B.
Die Ztadt Gietzen in den Jahren 1861 bis |869.
(Schluß.)
1869.
In diesem Jahre wurde der Friedhof erweitert, Das Gelände, das hinzukam, war seither als Anlage zu Spaziergängen benutzt worden. Noch in den beiden ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatte zur Aufnahme der Toten der Raum zwischen der alten Umfassungsmauer nach- der Stadt hin, in der sich das zugemauerte Fahrtor befindet, und den Erbbegräbnissen mehrerer adligen Familien genügt. Hinter diesem war der Friedhof durch eine Mauer von einem mit Ulmen und Linden bepflanzten Platz geschieden, der gewöhnlich- der „preußische' Kirchhof" genannt wurde, weil auf diesem Platze in den napoleonischen Kriegen die in den hiesigen Lazaretten verstorbenen Soldaten beerdigt worden waren. In den 30er Jahren wurde dieser Platz mit dem Friedhofe verbunden und die Scheidemauer weggenommen, wobei leider viele an ihr auf- gerichtete Epitaphien hiesiger Bürgerfamilien zugrunde gingen. Nun reichte aber auch dieser Platz nicht mehr aus, und es mußte abermals Gelände hinzugenommen werden.
Schon seit zwei Jahren waren über den auf den Straßen des Seltersberges durch das freguente Fuhrwesen verursachten Staub Beschwerden erhoben worden. Nun entschloß sich der Stadtvorstand zur Anschaffung eines Gießapparates für die Summe von 400 Gulden. Seitdem wurden nicht nur die dem


