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Wohnung, die ihm in der sogenannten Kaplanei zugewiesen war, konnte er nicht viel Staat machen, denn zeitgemäßen Anforderungen entsprach sie durchaus nicht. In dem (alten Hause zeigten sich sogar bedenkliche Bauschäden, die einer gründlichen Aufbesserung bedurften. Kurz bevor Engel sein 50- jähriges Amtsjubiläum feierte, mußte er ausziehen mrd in dem damals Schlosser Burkhardschen Hause, Ecke der Sonnenstraße und der Neuen Baue, jetzt dem Gesellschaftsverein gehörig, eine Mietwohnung nehmen. In diesem Hanse befand sich früher das Pädagogium. Tie alte Kaplanei (Kaplaneigasse 7) konnte wieder bewohnbar hergestellt werden und befindet sich jetzt im Besitz des Herrn Hoflieferanten Brück.
Engel war verheiratet gewesen, seine Frau war eine Tochter des Präzeptors Hosf- mann in tzeuchelheim, starb aber frühzeitig, 15 Jahre vor ihrem Manne. Tic Ehe blieb kinderlos, doch nahmen die Eheleute das Töchterchen des Bruders der Frau/ des Kaufmanns Karl Hoffmann am Seltersweg, zu sich, das jedoch, kaum der Schule entwachsen, einer tödlichen Krankheit erlag.
Die Frau Kirchenrat war schwer zufriedenzustellen, ihre Ansprüche, die sie bei Handwerker:: und Kanfleutcn mitunter geltend zu machen suchte, waren sehr weitgehend, so daß die Geschäftsleute durchaus nicht entzückt waren, wenn sie von ihr einen Auftrag erhielten. Dagegen scheint sie auf ihren Ehemann nicht den geringsten Einfluß gehabt zu haben; es ist wenigstens niemals etwas darüber in die Oeffentlichkeit gedrungen, und es ist (auch nicht gut anzunehmen, da Engel all sein Tun und Lassen nur nach eigenem Gutdünken richtete, sich von anderen nicht gern hineinsprechen ließ und! sehr selbständig war.
Engel besaß neben einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl viel Freimut, und wenn er etwas sah oder hörte, was ihm nicht gefiel, so sprach er seine Meinung aus, selbst auf die Gefahr hin, damit Anstoß zu erregen. Seine Meinung wahrte er nicht nur nach unten, sondern auch nach oben.
Ter Tag, an dem Engel sein 50jähriges Amtsjubiläum feiern konnte, hatte fast das Gepräge eines kleinen Feiertages. Auf den Straßen zeigte sich mehr Bewegung als sonst, sie waren belebt durch Neugierige und die vielen Wagen mit festlich gekleideten Herren und Damen, die zur Gratulation fuhren. Es bestand ein Komitee, welches die Feier nach einem festen Programm leitete, so daß alles in größter Ordnung verlies. Des Morgens wurde zuerst eine kirchliche Andacht abgehal- jtm, an der vorzugsweise die Pfarrer aus dem Dekanat, der Kirchenvorstand, die Vorsteher der weltlichen Behörden und die näheren Freunde des Jubilars teilnahmcn. Gegen 10 Uhr begann die Ausfahrt der Gratulanten. Es waren so viele, daß jedem der Beauftragten nur eine beschränkte Zeit zugemessen werden konnte, und doch dauerte der
Empfang bis in die Nachmittagsstunden. Mit einem früheren Realschüler und einem Stadtschüler war auch« ich beauftragt, dem Jubilar die Glückwünsche seiner Konfirmanden aus (unserem Jahrgang des Gymnasiums zu überbringen und ihm ein Album zu überreichen mit den gesammelten Photographien seiner ehemaligen Schüler. Am Abend hat noch eine zwanglose allgemeine Feier statt- gesunden, an der sich seine Freunde und Verehrer in großer Zahl beteiligten.
Es entsprach ganz dem hohen Ansehen, das Engel genoß, und ebenso dem Sinne der Bevölkerung, daß der Gemeinderat nach seinem Tode die Beisetzung in einer fast fürstlichen Weise angeordnet hatte. Die Trauerandacht wurde in der Stadtkirch!c abgehaltcn. Dort, an der Stätte seines Wirkens, war der mit Blumen reich geschmückte Sarg feierlich 'aufgebahrt. Von da bewegte sich' der endlose Leichenzug unter Vorantritt einer größeren Zahl von Geistlichen in vollem Ornate und unter Nachfolge sämtlicher Behörden und Körperschaften, vielen Vereinen und Gesellschaften, sowie einer Beteiligung von Leidtragenden aus allen Kreisen durch eine dichtgedrängte Menge unter dem Geläute sämtlicher Kirchenglocken nach dem Friedhofe. Die Mitglieder des Stadtvorstandes trugen den Sarg an weißen Servietten, die durch die Sarggriffe geschlungen waren, aus der Kirche zum Grabe.
Engel wurde zwar von gewisser Seite für hartherzig gehalten, weil Gewohnheitsbettler nichts von ihm zu -erwarten hatten, doch war es manchem Eingeweihten bekannt, daß er Wohltaten im stillen übte und- unbemittelte Eltern von begabten Schülern unterstützte. Auch wurde es ihm später von manchen verübelt, daß er sein nachgelassenes Vermögen nur an auswärts wohnende Verwandte seines Stammes und- nichts an die hier lebenden Verwandten seiner ihm vorangegangenen Ehefrau testamentarisch vermacht hatte."
Daheim.
Nur wer in der Fremde gewesen ist, weiß, was es heißt: Daheim! Wir denken an die alten Tage. Weihnachten kam — wie haben sich die Schüler gefreut, wieder heim zu kommen. Wie hat sich der Soldat gefreut, der Reservist, in Friedenszeiten: die Uebung war vorüber, und er durfte heim.
Heute sind wir draußen, das ganze Volk -ein Heer, und die Uebung will nicht aufhören. Alle sind wir Schüler und müssen lernen, was es heißt, eine Heimat zu haben.
Es hat viele gegeben, die ihre Heimat nicht mehr geschätzt haben. Manche haben ihr gegrollt. Vielleicht mit Recht. Ich kenne -einen Mann, eine Zierde der deutschen! Wissenschaft; er hätte auch gerne seinen Lehrstuhl in der Heimat aufgeschlagen; man hat ihn nicht gewollt. Später wollte man ihn, er lehnte mit bitterem Herzen ab.


