Gottes Finger.
2. Buch Mose 8, 15. Da sprachen die Zauberer zu Pharao: Das ist Gottes Finger!
Die heidnischen Zauberer erkannten das Wirken des großen Gottes Mosis und sprachen: Das ist Gottes Finger! Und wir, die wir das Walten Gottes in der Geschichte, das Wirken Gottes in der Gegenwart, den Willen Gottes in unserem eigenen Leben so klar erkennen könnten, wie wenig kommt es uns in heiliger Scheu und stiller Anbetung zum Bewußtsein: Das ist Gottes Finger! Wir sind so oft blind für die Schrift, die Gottes Finger in unserem Leben schreibt, und wollen lieber unser Dasein an eines Schicksals Zufallsspiel ketten «der von unserem eigenen Willen abhängig machen. Sind wir dann wirklich frei? Goethe hat einmal geäußert: „Nicht das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, das über uns ist." Wir werden erst freie Menschen — und freie Menschen sind immer zugleich starke, feste, siegesgewisse Menschen — , wenn wir wissen: es waltet eine Vaterhand über uns, die uns nichts geschehen läßt, als was uns heilsam ist. Dann erkennen wir Gottes Finger in jeder Freude und jedem Leid, das uns das Leben bringt, und wissen wir auch nicht, weshalb er uns gerade einen Weg führt, der vielleicht gar nicht nach unserem Wünschen und Wollen ist, wir sind getrost und sicher in Gottes Hand, weil wir die unerschütterliche Gewißheit in uns tragen:
„Nein, in jenen düstern Fernen waltet keine blinde Macht,
Ueber Sonnen, über Sternen ist ein Vateraug', das wacht!
Keine finstern Mächte raten blutig über unsere Taten.
Sie sind keines Zufalls Spiel, nein, ein Gott, ob wir's auch leugnen,
Führt sie, wenn auch nicht zum eignen, immer doch zum guten Ziel!"
Geschichten und Bilder aus Alt-Giehen.
10. Erinnerungen an den Geheime n K i r ch e n r a t P f a r r e r vr. E n g e l.
Unter den evangelischen Pfarrern, die im vorigen Jahrhundert in Gießen gewirkt haben, ist keiner so bekannt und angesehen, gewesen, als der Geheime Kirchenrat, Dekan und Pfarrer Di', phil. Philipp Christian 'Jakob Engel. Der „Sonntagsgruß" hat schon vor secH Jahren (Jahrgang 1912, Nr. 14)
eine ausführliche Biographie und das Bild dieses Mannes gebracht. Wir wiederholen hier zunächst die Daten aus seinem Leben. Engel war am 27. Februar 1790 in Gießen geboren, besuchte das Pädagogium (Gymnasium) und wurde an dieser Anstalt nach erfolgreich zurückgelegtem Universitätsstudium schon im Alter von 20 Jahren als fünfter Lehrer angestellt. Im Jahre 1816 wurde er vierter, im Jahre 1820 dritter Pädagoglehrer. Am 22. November 1823 wurde er zum zweiten Stadtpfarrer ernannt, 1826 wurde er erster Stadtpfarrer. Diese Stelle behielt er bis zu seinem am 24. März 1864 erfolgten Tode.
Engel entstammte einer Gießener Bürgerfamilie. Sein Vater Wllhelm Magnus Engel war Schneidermeister, er war getauft worden am 25. Mai 1758. Der Großvater Magnus Wilhelm Johann Jakob Engel war Musketter bei der Gießener Garnison, gehörte also einer Schicht des deutschen Volkes an, die in schwerem Ringen um die Existenz ihrer Tage verbrachte und damals nicht viel Geltung hatte. Die Mutter hieß Johannetta Katharina Dorothea Gotthardt, Tochter des Bürgers und Schneiders Hermann Jakob Gotthardt, sie war geboren 1747 und starb 1888.
Ueber diesen Geistlichen kursieren heute noch eine Menge von humoristischen Geschichten, die mehr oder weniger erfunden sind. Engel hatte nämlich gewisse Eigentümlichkeiten. Offenbar war er sehr witzig ünd besaß nicht die Gabe, einen Witz zu unterdrücken, was zweifellos öfters heilsam gewesen wäre. Im vertrauten Kreise gab er sich, wie das ehrliche Menschen tun. gern so, wie er war. Da er sein Leben lang nicht aus Gießen herauskam, so machte er es, mie es ich der alten Zeit alle Gießener, auch die Bürgermeister und Gcmeinderäte, gemacht halben, er sprach seinen Gießener Dialekt. Ein alter Lehrer bekundet, daß im Anfang seiner Dienstzeit, so um das Jahr 1860, Engel hier die Schulprüfungen abgehalten habe. Wenn er eine Stunde lang geprüft habe, so habe er gesagt: „Ach, dä oarme Kearnercher, dä dauern mich, dä möge e wink springe, mir ivolle e Paus' mache." Daraus geht sein menschenfreundliches Herz hervor. Soll man es dem Manne zum Verbrechen machen, daß er die heimische Mundart redete? Das war doch besser, als wenn man heute bei uns den Berliner Dialekt nachahmt und von den „Jungens" und von „slaumachen" und „mießmachen" redet. Wenn jemand platt-


