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lich über den Marktzettel hinauskameu, haben chronikartige Aufzeichnungen bedeutend mehr Wert gehabt als in der Gegenwart, in der die Zeitungen gewissenhaft alles Wissens- werte registrieren. Leider hat man in Hessen erst im Jahre.1858 von seiten der Kirchenbehörde verordnet, daß jeder Pfarrer eine Kirchenchronik führen und darin die wichtigsten Ereignisse eines jeden Jahres verzeichnen solle. In der Gegenwart tun auch die an Dielen Orten entstandenen Gemeindeblätter diesen Dienst, vor der Mitte des 19. Jahrhunderts dagegen sind selten von Amts- Wegen Tatsacheen gebucht worden, die für die Nachwelt Interesse haben. Einen gewesen Ersatz hierfür bieten uns die Einträge, die wir in den Kirchenbüchern, namentliche in den Sterbeprotokollen, finden. Aus dem Sterbeprotokolle der Gießener Stadtkirche aus dem 18. Jahrhundert sei hier einiges mitgcteilt.
Am 3. Psingsttage 1732 wurde hier der Hof- und Rcgierungsrat Immanuel Weber zu Grabe getragen. Bon diesem heißt es: „Ist von der Römisch-Catholischen wiedcr- uiub zu unserer Evangelisch-lutherischeu Religion getretten. Hat am Himmelfahrtstage ein bußfertiges Bekänntniß i>^ meiner des Burgpsarrers M. Eberwein, emes Kirchen- icniors und anderer Zeugen Gegenwart unter vielen Thränen abgelegt." Hiernach empfing er die Absolution!nnd das heilige Abend- niahl. Offenbar war dieser Manu früher so schwach gewesen, seinen evangelischen Glauben im Stiche zu lassen und hat das aus dein Sterbebette wieder gut gemacht.
Im Februar 1739 mußte eine Beerdigung zwei Tage später, als ursprünglich vorgesehen war, stattfinden, da „das Gewässer so stark angelausen war, daß man nicht über den Steinweg konnte." Das stark angelau- sene Gewässer war jedenfalls die Wieleck.
1743 heißt es von dem Bürger und Krä- nier Friedrich Melchior, daß er am Tiebs- wegc durch einen Fehltritt in das Wasser gefallen und ertrunken sei.
Etwas über die alten Gießener Gasthäuser erfährt man aus der Notiz, daß 1758 ein Fuhrmann aus dem Amt Bilstein „im Chur-Köllnischen Land" iin Gasthause zu den drei Schwertern gestorben sei.
Am 13. August 1761 wurde hier zu Grabe getragen „Anna Barbara Oelsin, in Erfurt wohnend, Witwe eines vornehmen Handelsmannes in der Pollnischen Stadt Thvrn, Tochter des vornehmen Handelsmannes Johann Peter Wunsch in Thvrn." Diese Frau war 73 Jahre alt und starb aus der Reise von Erfurt nach Frankfurt in der Wirtschaft zum grünen Baum. Zu diesem Eintrag hat der Stadtpfarrer Johann Christian Tietz folgende Bemerkung hinzugefügt: „Es ist wahrscheinlich, daß dieser Ärnsich, Patter der Verstorbenen derjenige gewesen muß sehn, welcher nebst anderen Bürgern zu Thorn in der blutigen Tragödie 1724, in
der grausamen Verfolgung der Protestanten! unschuldigerweise ist enthauptet worden. So viel erzählte mir die Seelige, daß ihr seeli- ger Vatter mit unter denen gewesen, die in die Inquisition gekommen. Sie habe sich aber mit ihrem Manne unter Gottes Beh- stand glücklich salviert und in Erfurth niedergelassen." Wer sich über diese Thornec Tragödie näher unterrichten will,, dem empfehlen wir die in Gustav Freytags „Ahnen" enthaltene Erzählung „Ter Freikorporal von Markgraf Albrccht".
Wie ein Jahrhundert zuvor, so trugen auch zur Zeit, da Goethe in Leipzig Student war, die Gießener Studenten noch Degen und sie scheinen oft mit diesen unnützer Weise gefuchtelt zu haben; denn 1765 wird in das Sterbebuch eingetragen, daß begraben worden sei „Gottfried Christoph Volck, Student der Theologie, bekam einen Stich ins Bein mit dem Degen und starb nach neun Tagen."
Auf ähnliche Weise mußte auch der Gießewer Zimmermeister Johann Ludwig Herbert im Jahre 1768 sein junges Leben — er war erst 31 Jahre alt — verlieren. Im Kirchenbuche heißt es: „Mit diesem Manne ereignete sich folgende Fatalität. Er zog am letztverwichenen dritten Pfingstseyertag Rach^ mittags nebst seinen Mitbürgern auf den Schießplatz ohnweit dem Kirchhof aus, und als sie des Abends wieder zurückkamen, ge- ricth er unschuldiger Weise in einen Tumult, als die Studiosi mit anderen Bürgern Streithändel hatten und wurde in die linke Seite unter die kurtze Rippe mit einem Stoßdegen hart verwundet. Weil die Wunde quer lief und die inneren Teile nicht verletzt waren, so wurde dieselbige glücklich curiert. Es äußerten sich aber andere Zufälle, weil der Patient ohnedem ein Hecticus w!ar, als nähmlich die Gelbsucht, das weiße Fricsel und endlich eine tätliche Brustkrankheit, welche sein Ableben beförderten." _ ■
Im Alter von 67 Fahren starb im Jahre 1768 „Catharina Eckhardin, aus dem Erzbistum Salzburg um ihres Glaubens willen vertrieben, auhero gekommen, alhier mit ihrem Mann und Kindern versorget." Diese Nachricht ist sehr interessant, sie besagt, daß von den Evangelischen, die der Erzbischof von Salzburg im Jahre 1730 aus feinem Gebiete vertrieben hat, eine Familie in Gießen Unterkunft gefunden hat. Das ist ein Beitrag zum Slaliitel „Glaube und Heimat".
Ein Jahr später starb hier der Amtschuttheiß Andreas Kerbb, dessen Wohnort nicht angegeben wird. „Hat sich hier," so heißt es, „in dem Hirsch aufgehalten, war reformiert, verlangte aber von dem Stadt- und Burgpfarrer Schwarz das heilige Abendmahl." Gott sei Dank, daß die beiden evangelischen Konfessionen, die lutherische und die reformierte, sich heutzutage besser verstehen als in alter Zeit, in der man es als etwas Außergewöhnliches angesehen hat, wenn ein


