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Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Nr- 29 Gießen, S. Sonntag n. Trinitatis, den 21 . Juli 1918 7. Iahrg.

Ihr wollt nicht!"Z

Buch des Propheten Fesaia 30, 15. Wenn ihr umkehret und stille bliebt, so würde; euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen würdet ihr,stark sein, aber ihr wollt nicht. ; Wie die Klage eines gequälten Vater- Herzens, das um den verlorenen Sohn trau- i ert, so klingt uns dieses G-otteswort ins Herz:! Es könnte euch geholfen werden aber rhr j wollt nicht! Ihr habt euer Schicksal selbst in der Hand, das ist die königliche Würde des Menschentums, aber zugleich auch die furcht-; bar ernste Verantwortung und oft die ver­hängnisvolle Gefahr für ein Menschenleben, j Wenn uns in jenem berühmten Oratoriumj die Klage:Und ihr habt nicht gewollt" ins! Herz dringt, dann ahnen wir den göttlichen j Schmerz, wenn der Ton, bis zur Höhe ge- sührl, plötzlich abbricht, dann ist es, als wäre ! der Schmerz unr die verlorene Menschheit bis zum äußersten gestiegen und müßte das Herz zerreißen . Wie furchtbar ernst ist die­ses Wort:Ihr habt nicht gewollt!" Es nimmt uns die Kraft stir das Leben und die Zuversicht im Sterben. Es liegt an unserem Willen, daß wir kraftlos und friedlos, trost­los und mutlos unsere Tage dahinschleppen; wir wollen es nicht anders. Wir selbst tra­gen die Schuld, wenn die Lwrge uni das tägliche Leben uns verzehrt und die Schwere des Leides, das uns getroffen, uns fast er­drückt, wir wollen nicht Hilfe suchen, wo sie zu finden ist. Wenn ivir aber' stille sein wol­len und hoffen, dann wird Uns geholfen! Stille sein und Hoffen gitt in der Welt nicht viel, und, wenn es ein Stillesein von täti­gem Handeln und ein müßiges Hoffen aus bessere Zeiten ist, dann hat es, auch von Christen geübt, keinen Wert. Stille vor Gott, hoffend auf Gott, das macht stark und schmiedet Helden. Wir brauchen be­sondere Stärke für unsere besondere Zeit, unser Wille ist der Schlüssel zu der Schatzkammer Gottes, aus der wir Kraft und Mut, Trost und Frieden in reicher Fülle ge­winnen können. Herr, höre uns, wir wollen, hilf du unserem Nichtwollen!

Wie man in Gietzen den 406° Geburts­tag Martin Luthers gefeiert hat.

(Nach dem Kirchenkalender für die evange­lische Gemeinde in Gießen auf das Jahr Christi 1884.)

Die gewaltige Bewegung, die der heran- naheude 400. Geburtstag vr. Marttu Lu­thers im ganzen evangelischen Deutschland

und der ganzen evangelischen Christenheit und über sie hinaus hervorrief, hatte auch unsere Gemeinde ergriffen und das Verlan­gen nach einer würdigen Feier des Luther­festes angeregt. Der Kirchenvorstand nahm die Sache zunächst in die Hand Und berief auf den 17. September 1883 eine Versamm­lung besonders eingeladener Herren aus der Gemeinde. Diese Versammlung stellte unter Leitung des Pfarrers vr. Naumann die Grundzüge unserer Lutherfeier fest und ver- anlaßte zu deren Ausführung und näheren Feststellung die Bildung eines engeren Ko­mitees, das später auch noch eine größere Verfaüimluug als größeres Komitee berufen sollte. Dieses engere Komitee hatte folgende Mitglieder: Pfarrer vr. Naumann, der zum Vorsitzenden, und Bürgermeister Brumm, der zu dessen Stellvertreter ernannt wurde, fer­ner Provinzialdirektor Dir. Boekmann, Pfar­rer Tingeldey, Kaufmann Ferd. Gail, Pro­fessor vr. Gvttschick, Fabrikant I. Haustein,

! Gasanstaltsdirektor Ä. Heß, Landgerichts- j Präsident Knorr, Pfarrer Schlosser, Pro- : fessor I)r. Stade, Schuldirektor Vigelius. In mehreren Sitzungen entwarf das Komitee ein

> genaues Festprogramm, das dem am 8. Ok- I tober zusammenberufenen größeren Komitee j nörgelest und von demselben mit einigen

Aenderungen angenommen wurde. Dieses Festprogramm, niit dem die Gemeinde und j Stadt Gießen zur Teilnahme an dem Luther-

> jubiläum eingeladen würde, war wörtlich sol-

j gendes: _

1. Das Reformationsfest, das ans Sonntag den 4. November ds. Js. fällt, soll mit

! seinen beiden Gottesdiensten die Bedeutung einer Einleitung der ganzen nachfolgenden Festfeier haben.

2. Für Donnerstag den 8. November ift zur Erinnerung an Luthers segensvolles Wir­ken für unser ganzes deutsches Volk ein Vortrag vorgesehen, den Professor Dr. Du­cken über das Thema:Luthers Fortleben in der deutschen Nation" halten wird. Die­ser Vortrag wird abends 614 Uhr in der Stadtkirche gehalten und ist für jeder­mann zugänglich Und frei.

3. Am Samstag den 10. November, dem Ge­burtstag Luthers selbst, wird zunächst vor­mittags in sämtlichen hiesigen Schulan­stalten leine besonders geordnete Schulfeier, desgleichen eine Feier der Landesuniversi­tät stattfinden; dann wollen wir nachmit­tags 21/2 Uhr einen allgemeinen Festzug von Oswalds Garten aus auf den Lud­wigsplatz veranstalten, um hier zum blei-