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Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Nr. 26 Gießen, 5. Sonntag n. Trinitatis, den Z0. Juni 1918 7. Iahrg-

Art gegen Art.

1. Brief des Johannes 4, 4. Kindlein, ihr seid von Gott, nnd habt jene über­wunden ; denn der in euch ist, ist grö­ßer denn der in der Welt ist.

Aus unserer Heimat empfingen wir un­sere Art. Um unsere deutsche Art kämpfen wir auch im Weltkrieg. Sie nennen es De­spotismus und Militarismus, wir aber sind stolz auf deutsche Zucht, deutsches Gewissen, deutschen Fleiß, deutsche Treue und Fröm­migkeit. Dieser Weltkrieg ist ein unheimlicher Mampf der Weltanschauungen und Geister. Er ist zutiefst der Kampf der deutschen Art gegen die englische Art. Darum hängt zu­letzt der Sieg im Weltkriege ab von der Art, die die edelste, stärkste, darum srömmste ist: Kindlein, ihr seid von Gott!" Eine fremde Art drohte vor dem Kriege bei uns sich ein­zuschleichen, eine fremde, undeutsche Art hat im Laufe des Krieges sich bisher vielfach durchzusetzen versucht: Nörgelsinn, Verzagt­heit, Gewinnsucht, Wucher und Hamsterfinn, Geldgier, Eigennutz, Gleichgültigkeit! Auf welcher Seite stehen wir?

Es muß zur Unterscheidung, zur Schei­dung, zur bewußten Entscheidung kommen: ihr seid von Gott!

Eine wunderbare Botschaft: ihr habt schon überwunden. Der letzte Sieg ist schon ge­wonnen; wann er in die Erscheinung tritt, ist !nur eine Frage der Zeit. Ihr habt jene überwunden:. die wirtschaftliche Not mit Kraft geduldigen Aushaltens, die Not der Einsamkeit mit der Kraft gläubiger Gemein­schaft, die Not der Sorge und Bangigkeit um die fernen Kämpfer mit dem herrlichen Trost: Ein Gott und- Vater über uns allen, die Not der Versuchung und Erschütterung, mit dem Aufsehen auf Jcsum, die Not der Heimsuchung und Trauer mit der tröstlichen Erfahrung von dem Herrn:da ward es ganz stille". Laßt uns allezeit ringen um den Adelvon Gott!"

August Wilhelm von hofmann.

In diesen Tagen wurde am Hettler'scheN Hause in der Frankfurter Straße eine Ge- denktafel angebracht, die demnächst feierlich! enthüllt werden soll und dem Andenken an einen der bedeutendsten Söhne unserer Vaterstadt, den großen Chemiker August Wilhelm von Hofmann, gewidmet ist. Lei­der war das Haus, in dem er vor nunmehr

hundert Jahren, am 8. April 1818, geboren wurde, nicht mehr festzustellen. In dem letzt zum Kaffeehaus Hettler gehörenden Häus- ichen, das sein Vater, der Hofkammerrat und Provinzialbaumeister I. P. Hofmann, kurz danach gebaut hat und das seiner eigentüm­lichen Gestalt wegen im Volksmunde die Be­zeichnungTintenfaß" erhielt, hat er seine Jugendzeit verlebt und noch bis in die fünf­ziger Jahre hinein öfter bei seiner Muttev geweilt.

August Wilhelm Hofmann besuchte mit einer kurzen Unterbrechung, die er bei einem Pfarrer in Melbach in der Wetterau ver­brachte, das hiesige Gymnasium und kam 1836 zur Universität. Er studierte zunächst Jura, hörte aber daneben, seinen Neigungen entsprechend, naturwissenschaftliche Vorle­sungen, darunter auch Chemie bei Liebig. Liebig stand damals auf der Höhe seines Ruhmes, und sein Gießener Laboratorium bildete den Mittelpunkt des chemischen Stu­diums der ganzen Welt. Aus aller Herren Ländern strömten ihm Schüler zu, begeistert für seine Lehre und seine neue Art chemi­scher Arbeit und Forschung. Auch der junge Hofmann erlag diesem Einfluß und wurde Chemiker. Dazu mag beigetragen haben, daß fein Vater durch den Umbau des von Liebig für sein Laboratorium erworbenen Wacht- gebäudes der ehemaligen Kaserne letzt Alte Klinik zu dem großen Chemiker in nähere und freundschaftliche Beziehungen ge­treten war. Bald ist der lunge Hofmann einer der eifrigsten Schüler Liebigs und wird dessen Privatassistent, als solcher mit wich­tigen und lehrreichen chemischen Arbeiten und Untersuchungen betraut. Inzwischen verlobte er sich mit einer Nichte Liebigs, und da für ihn hier in Gießen zunächst keine Aussicht auf eine selbständige und sichere Lebens­stellung war, entschloß er sich, nach! Bonn zu gehen, wo er sich im Jahre 1845 als Privatdozent der Chemie habilitierte. Ein! Zufall wurde hier von großer Bedeutung für sein späteres Leben. Hofmann bezog die­selbe Wohnung, die Prinz Albert von Co­burg, der spätere Gemahl der Königin Vik­toria von England, während seiner Studien­zeit innegehabt hatte, und gelegentlich der Einweihung des Beethovendenkmals in Bonn 1845 wurde er dem englischen Königs­paar vorgestellt. Im Herbste desselben Jah­res sehen wir ihn schön in London. Tort hatte man den Wunsch, eine Chemieschule nach dem Muster des berühmten Gießener