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unterhalten. Wir lauschten dann im dunklen Stübchen den schönen Märchen, die uns die Großmutter erzählte, während sie strickte oder spann, oder wir hörten andächtig zu, wenn der Großvater von seinen Erlebnissen sprach, wie Gießen einst von den Franzosen belagert (und beschossen wurde, wie alle wehrhaften! Männer, unter die Waffen gerufen, an der Verteidigung der Stadt aus den Wällen und an den Toren teilnehmen mußten, während die Frauen und Kinder in den Schanzen! nntergebracht waren. Wie dann Preußen, aus den: Haardtberg erschienen, die aber wieder abrückten, nachdem sie von den Franzosen, welche ihre Artillerie am Rande des Philosophenwaldes in einer aufgeworfenen Schanze *) ausgestellt hatten, beschossen worden waren. Wie Gießen später von den Franzosen besetzt wurde und wie bei einem Turchzug französischer Artillerie einige Kanonen aus dem Wege durch das Sumpf- jgelände am Rodberg, die Schwarzlach genannt, versanken und nicht wieder hervorgeholt werden konnten. Nach der Schlacht bei Leipzig sei dann ein Teil der geschlagenen französischen Armee hier durchgekom- men. Viele öffentliche Gebäude seien als Lazarette eingerichtet und mit Verwundeten und Kranken belegt gewesen. Es sei aber noch Krankheit (Spitalpest) in der Stadt ausgebrochen, unter der die Bevölkerung schrecklich zu leiden gehabt habe. Er erzählte uns yon oem Einzug der Preußen unter dem Feldmarschall Blücher, der sein Hauptquartier mehrere Tage in unserer Stadt auf- geschlagen und mit einem preußischen Prinzen im Einhorn gewohnt habe. Taß nachher die Russen cingerückt seien, und welches Entsetzen die Leute ergriffen habe, als die Kosaken die ganze Umgegend verwüsteten, die Häuser und Keller nach Schnaps durchsuchten und alles Genießbare und auch für uns Ungenießbare, wie Talglichter und rohes Sauerkraut, mit Gier verzehrten. Auch von der großen Kanone, die im alten Zeughanse gestanden hatte und die Aufschrift'trug: „Wer mir gibt Pulver und Blei satt, dem schieß ich bis Butzbach in die Stadt."
, Tann kannte der Großvater so mancherlei Schnurren, er wußte so viele schöne Kin- dersprüchlcin und Verslein, die sich zum Teil noch von den ältesten Zeiten her im Volke erhalten hatten. Oder er suchte uns die Zeit zu vertreiben, indem er hübsche Liedchen mit tins lang oder sie uns auf seiner geliebten jVlöte vorspielte. An diesen gemütvollen Stunden fanden >vir immer großen Gefallen, und sie bereiteten uns viel Freude.
Mit dem Beginn des Früh,ahrs 1847 während der großen Teuerung brach in unserem Stadtteil eine jener gefürchteten Epi-
r i Dre logenannte Franzosenschanze am oberen Wirtschaftsgebäude ist heute noch deut- nch sichtbar.
demien aus. Unsere ganze Familie lag am Nervenfieber, wie der Typhus damals genannt wurde, darnieder. Nur unser kaum vierjähriges Schwesterchen war noch verschont geblieben und wurde, da sich niemand um das Kind kümmern konnte, in das Haus der Großeltern verbracht. Doch schon nach kurzer Zeit zeigten sich bin ihm ebenfalls alle Merkmale dieser Krankheit. Ter Großvater, dem das Betreten von Krankenzimmern stets eine große Ueberwindung kostete, weil er dabei eine angeborene Scheu zu überwindei» hatte, wich nicht mehr vom Bette des Kindes, bis auch ihn die tückische Krankheit erfaßte. Er selbst erlag dieser Krankheit am ersten Ostertage 1847 im Alter von nahezu 68 Jahren, während das Kind wieder gesund wurde.
Damit war das Leben dieses, wenn auch schon bejahrten, aber noch rüsfigen Mannes, der als edler Menschenfreund in sfillem Wirken so unendlich viel Gutes getan hatte, zweifellos seiner Nächstenliebe zum Opfer gefallen. Obwohl er jetzt schon vor siebzig Jah- lren das Zeitliche gesegnet hat, gereicht es mir doch zur freudigen Genugtuung, ihm Noch einen ehrenden Nachruf widmen zu können.
Alan mag vielleicht heutzutage über die Lebensanschauung unserer Voreltern und über manche ihrer Handlungen mitleidig lächeln, wenn man aber bedenkt, daß die Zeit eine andere war, und daß ihre Ideale ganz andere lvarcn, dann lvird man sic besser verstehen und wird das Gute an ihr leichter erkennen und zu würdigen wissen. H. H—r.
vom vergessen
Als ich kürzlich, den 103. Psalm lesend, an die Stelle kam: find vergiß nicht, >vas er dir Gutes getan hat, da wurde mir recht klar, wie schnell wir vergessen, auch alles, lvas wir in unserem Leben Gutes und Barmherziges von Gott und Menschen erfahren haben.
Wir brauchen nur Halt zu machen und der vergangenen Zeit und der vorigen Jahre zu denken, um uns zu sagen, daß lvir das angeführte schöne Wort oftmals nicht befolgt haben. Wären wir nicht viel glücklicher, viel lgetroster und freudiger, wenn wir z. B. nur den Tag damit beschließen wollten, uns all des Guten dankbar zu erinnern, das er uns gebracht, und wenn lvir jeden neuen Tag beginnen wollten mit dem Beivußtsein, daß Gottes Güte alle Tage neu ist, und wir oftmals nur darum so wenig davon spüren, weil wir vergessen, dafür zu danken?
Schon im täglichen Leben macht sich alles Vergessen so fühlbar, weil es meist die weit- tragendsten Folgen im häuslichen, wie im Familienleben mit sich bringt. Wie viel mehr iaber ist das der Fall in allen den Dingen, lbci denen es sich um unser Seelenleben und


