die Sommerblumen alle hießen. Tann blühten die Georginen und Astern, so lange, bis der Winter sich, einstellte. Von allen diesen Blumen bevorzugte der Großvater die Kultur der tveißen Mateuale, wie seine Lieblingsblume damals genannt wurde. Es soll viola matronalis gewesen sein. Sie war von bezauberndem Wohlgeruch und blühte außerordentlich dankbar, säst den ganzen Sommer jüber. Seine Pflanzen brachte er zu einer tadellosen Entwicklung, so daß alle Blumenfreunde sich glücklich schätzten, wenn er ihnen einen Stock abgab.
Jeden Nachmittag begab sich der Großvater in seinen Gärten, und bei schönem Wetter durften wir Kinder ihn begleitend Tort suchte er uns in angemessener Weise zu beschäftigen, in allen nützlichen Dinges uns zu belehren und die Liebe zur Natur in uns zu wecken. Wir kannten keinen größeren Stolz, als wenn wir ihm in etwas helfen konnten, und was er uns auftrug, verrichteten wir unverdrossen und gerne. Am liebsten gingen wir freilich mit zur Zeit der Beerenreise oder der Obsternte, und wenn wir auch beim Pflücken und Auslesen der Früchte eifrig mithalfen, so kamen wir doch, stets aus unsere Rechnung. Ebenso war das Kartoffel-« ausmachen im „hintersten Garten" ein kleines Freudenfest für uns, an denr wir gern teilnahmen. Wir halfen beim Einlesen und schichteten das Kartoffelkraut zu Haufen auf, die alsdann angezündet wurden. Tie Kartoffeln wurden nachher in der gliihenden Asche gebraten und schmeckten uns vortrefflich!.
^ Bei schönem Sommerwetter wurde nach Feierabend der Heimweg zuweilen um die Schoor nach dem Neustädter Tor genommen, an der Lahn der Brückenneubau besichtigt, mit dem leitenden Architekten, der unserem Großvater schon als Student wohl bekannt und sehr zugetan war, ein wenig geplaudert, und alsdann eine kleine Erfrischung ini Pro-! menadenhause eingenommen. Tort fand sich I bereits eine Runde ehrsamer Bürger, die alle! wichtigen und unwichtigen Tagesereignisse! i besprachen und sich über das Wohl und Wehe der Stadt unterhielten. Dieser gesellte sich der Großvater zu und ließ zedem von uns Jungen ein Brötchen verabreichen, das uns aus einem Teller mit etwas Kümmel und Salz vorgesctzt wurde. Nachdem wir uns daran gütlich getan, durften wir uns noch im Hof und den Ställen herumtummeln, bis uns der Großvater zum Abendessen nach Hause führte. Eine große Zeche wurde von den Herren nicht gemacht. Ein Gläschen Branntwein für einen Kreuzer und ein Glas Dünnbier für ztvei Kreuzer durfte sich zeder schvn erlauben, ohne befürchten zu müssen, für einen Vertuer oder Schlemmer angesehen zu werden.
Für alles besaß unser Großvater ein offenes Auge und einen klugen Sinn. Er sah
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sofort alle Schäden auf seinem und auch auf anderer Eigentum, zögerte aber keinen Augenblick, diesen abzuhelfen. Fand er beispielsweise eine Latte an irgendeiner Umzäunung los, so zog er einen Hammer aus der Tasche und nagelte sie wieder fest, be- i merkte er aus den Zufahrtswegen ausgefal,- « rene Geleise, so wurden die Löcher mit Stei- i nen ausgefüllt. Sah er einen Karren, der , aus den sehr schlecht beschaffenen Feldwegen steckengeblieben war, oder ein Fuhrwerk,
: das nicht weiter konnte, so toars er seinen Rock ab und hals, als wenn cs ihm bezahlt würde. Brach ein Brand in der Stadt aus oder drohte ihr Ueberschwemmungsgcfabr, die, solange die alte Lahnbrückc noch stand, zur Zeit der Schneeschmelze und des Gs- i ganges sich bisweilen einstellte, so war unser Großvater stets einer der ersten, die herbei elltcn, um wirksame Hilfe zu leisten. Und er war darin nicht der einzige seiner Art- denn noch gar viele seiner Mitbürger beseelte das gleiche Bestreben, icdem Bedrängten in selbstloser Weise Hilfe zu bringen und opferwillig dem Gemeinwohl zu dienen, so gut sie cs vermochten.
Nur des Borniittags arbeitete der Großvater für sein Geschäft, welches den ganzen Sommer über keine allzu große Mühe und Arbeit in Anspruch nahm, so daß es die Großnrutter in seiner Abivesenhcit allein versehe!: konnte. Im Winter dagegen gab es mehr zu tun. Für Frauen mußten Müsse, Boas und Stolas angefertigt werden, die Männer trugen Pelzkappen und große Fausthandschuhe von Pelz, welche gegen die strengste Kälte einen recht ivirksan:en Schutz boten. Dadurch hatten sic beide ihre Arbeit. Ter Großvater schnitt die Sachen zu, uud die Großmutter stand ihm treulich zur Seite, rüdem sie fleißig an Kappen und Pelzwerk ilähtc.
, . Im großväterlichen Hause herrschte ein sehr trautes und geselliges Familienleben, das ans alle, die daran teilnahmen, einen wohltuenden Einfluß ausübte und ihm viele Freunde zuführte. Tie schönsten Stunden« unserer Kindheit verbrachten wir bei den Großeltern, bei denen ,vir stets eine herzliche und gütige Aufnahme fanden, die mit Liebe unsere kindlichen Wünsche erfüllten/ unser Geplauder mit Wohlwollen anhörteni und unsere vielen Fragen mit einer nie versagenden Geduld liebreich beantivorteten. Eins voll uns mußte seden Mittag bei ihnen zu Tische sein, uird tver an der Reihe war, der war glücklich/ denn die Großmutter verstand vortrefflich zu kochen und die einfachsten Speisen so ivohlschmcckend zuzuberciten, daß wir sie den feinsten Leckerbissen gleichstellten. Wenn an den kurzen Wintertagen! das trüb brennende Unschlittlicht noch ein wenig gespart werden sollte, daun verstanden es die lieben Großeltern vortrefflich, üns in den Dämmerstunden angenehm zu


