Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießer
Nr- 25 Gießen, Sonntag n. Trinitatis, den 2?. Juni 1918 7. Iahrg.
Vas Geheimnis des Gottmenschen.
Brief des Apostels Paulus an die Philippe! 4, 13. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.
Ter letzte Wettlauf ist im Gange. Sieger bleibt, wer die stärksten Nerven behält. Unser deutsches Volk ist im Laufe der vier Kriegsfahre vor immer neue Proben und Enttäuschungen gestellt worden, immer wird es auf das Warten, Verzichten, Durchhalten angewiesen. Manche Familie hat Kriegsopfer um Kriegsopfer gebracht. Es sind Helden und Heldinnen, die Witwen und Mütter und Bräute, die mit dem Einsatz ihrer ganzen sittlichen Kraft das Schwere, Ungewohnte, längst Gefürchtete auf sich nehtnen und mit starkem, treuem Herzen tragen.
Tas Geheimnis des Gottesmenschen heißt: Ich vermag alles. Tas war für den großen Apostel keine Redensart. Tas war vollbegründetes Siegesbewußtsein. Wir müssen lernen, es ihm nachzusprechcn. Aber wenn es keine Prahlerei und Spiegelfechterei sein soll, dann kann es nur ein dankbar de- inlütiges Bekenntnis sein zu dem, der ge- weissagt wurde als der „Kraftheld", Jesus Christus, der auch niächttg macht. Darum ist es keine Selbstvcrgötterung und kein Dünkel, wenn ein Mensch es als seine Erfahrung rühmt: ich vermag alles durch den. der mich mächtig macht, Christus. Er weiß, daß er noch mehr kann, als was Menschen und Gott zur Zeit von uns zu leisten verlangen: auch Vas letzte und schwerste Aufgebot wird mit ruhiger Kraft erfüllt. Ein stilles Leuchten grüßt aus ihren Augen: Größer als der Helfer ist die Not fa nicht. Durch den, der mächtig macht, Christus.
Geschichten und Bilder ans Alt-Gietzen.
6. Ter Herr „Kapperat".*)
Unser Großvater, der Herr „Kapperat", wre er etwas scherzhaft nach hmnorvoller alt-
„ *) Anmerkung der Redaktion. Ter Herr Verfasser gibt uns hier eine Charakteristik feines Großvaters, des Kürschners und Kappenmachers Philipp Ferber lgeb. 19. ZUM 1779, gest. 4, April 1847); F. war der Later des nachmaligen Bürgermeisters Heinrich F. Tie Schilderung dieses einfachen Familienlebens der alten Zeit ist sehr lehr- reich gerade für die Menschen unserer Tage, me sich oft genug von Eigennutz, Hoffart und Genußsucht beherrschen lassen.
gießener Art allgemein genannt mib' tituliert. wurde, war ein Mann von heiterer Sinnesart, dabei voller Milde und Herzens- güte. Er war bekannt und beliebt in allen Kireisen der Bevölkerung; denn für federmann hatte er stets ein freundliches Wort. Seinen Beinamen, auf den er wie auf einen Ehrentitel stolz war, verdankte er seinem Beruf als Kürschner und Kappenmachcr, sowie seiner langjährigen Zugehörigkeit zum Ge- nieinderat. Er entstammte einer alteingesessenen, angesehenen Gießener Bürgersfami- tie ünd war ein echtes Kind- seiner Zeit, einer Zeit, in. der Gemeinsinn und Uneigennützigkeit als bürgerliche Tugenden geschätzt und geübt wurden, und in der auf Gottesfurcht in der Familie und aus strenge Zucht und Sitte im Hause gesehen wurde.
, Tie Lebensführung in bürgerlichen Familien war in fener guten alten Zeit eine äußerst einfache, man war sehr sparsam; denn das Geld war knapp und die Einkünfte waren bescheiden. Tie vornehmste Sorge blieb stets die Beschäffung ausreichender Lebensmittel für den Unterhalt der Familie; denn diese waren, insoweit sie sich auf Feld- und Gartenerzeugnisse erstreckten, kaum zu kaufen, und um nicht in, Not zu geraten, war jede Familie darauf angewiesen, ihren Bedarf selbst zu ziehen. Hierdurch bildete sich mit der Zeit ei:: Kranz blühender Gärten rings um die Stadt.
Außer einigen ererbten Grundstücken, Acker und Wiesen, besaßen unsere Großeltern zwei Gärten, die sie selbst bebauten, während die Grundstücke verpachtet wurden. Ter eine Garten lag etwas entfernt von der Stadt am unteren Riegelpfad und wurde fast nur zum Anbau von Kartoffeln, Rüben und Kraut benützt. Ter andere sehr große und -schön gelegene Garten am oberen Riegelpfad, der später bei Anlage der Wilhelmstraße zu Bauzwecken verkauft wurde, erfreute sich der besonderen Vorliebe unseres Großvaters^ dessen liebste Beschäftigung in der Wartung und Pflege dieses Gartens bestand. Tie Aufzucht aller Art von Gartengewächsen verstand er ebenso meisterhaft wie die Obstkultur, womit er in günstigen Jahren einen reichen! Ertrag der edelsten Sorten als Lohn für! seine Mühe und Arbeit erzielte. Die schönsten Gartenblumen in reichem Flor schmückten die Rabatten vont-Frühling bis in den Herbst. Den Maßliebchen, Aurikeln und Tulpen folgten Nelken und Rosen aller Art, Lilien, Mohn und Glockenblumen und wie


