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das Anerbieten an. Laon ist eine sehr alte und äußerst interessante Stadt. Sie liegt in der Picardie, in dem jetzt von uns besetzten Gebiete und zwar inmitten einer meilen­weiten Ebene lauf einem sichelförmigen Berg­rücken, der sich weit über hundert Meter über das flache Land erhebt. Tie Stadt war in früherer Zeit befestigt, davon zeugen noch die alten Umwallungsmauern, die sie umschlie­ßen und in welche die alten, schönen Stadt­tore mit ihren feingeglieoerten Erkern nnd Türmen eingebaut sino. Tie über die Stadt ragende Zitadelle wurde bekanntlich in, Jahre 1870 von -einem fanatischen Mobil- gardistm, als deutsche Truppen einziehen sollten, in die Lust gesprengt. Laon war auch einstmals Bischofssitz: das bischöfliche Palais wurde dann später als Gerichtsge­bäude benutzt. Tie berühmte Kathedrale, eine der schönsten Kirchen Frankreichs, sowie die alte Klosterkirche St. Martin bilden jetzt noch die größte Zierde der Stadt. Vom Bahnhof rn der Ebene bis oben zur Stadt führt eine mächtige Serpentine, so daß selbst für schwere Lastfuhren der Weg nicht allzu beschwerlich ist. Außerhalb der Umwallnngsmaner und dieser entlang ist eine Promenade mit schö­nen alten Bäuinen, angelegt. Von da aus genießt inan einen wundervollen Blick in. die endlosen Flächen des gesegneten Landes. Tie Gegend ist sehr fruchtbar und besonders für den Anbau von Artischocken sehr geeignet, so daß mit dem Ertrag dieser wohlschmecken­den Frucht fast ganz Frankreich versorgt wer­den kann. Eine besondere Merkwürdigkeit ist nämlich noch das in einer Mulde des Ber- iges gelegene Höhlenviertel. In diesen ur- menschlichen Wohnstätten hausen allerdings nur die ärmsten Leute, die sonst keine Unter­kunft finden konnten. Nlur zwei Deutsche habe ich in _ Laon getroffen; eine alte Württem- b-ergerin, die an einen Franzosen, einen! Schmied, verheiratet war, und den Haus­verwalter des Lyzeums. Dieser war in sei­ner Jugend als Schneider nach Frankreich gewandert, hatte sich mit einer Französin verheiratet und dann später diesen Posten erhalten. Durch einen Kameraden im Ge­schäft hatte ich einige junge Leute kennen ge­lernt, mit dienen ich -abends und Sonntags! verkehrte. _ Wir machten zuweilen kleinere Ausflüge in die Umgegend und auch einen größeren nach Notredame de Liesse, einem sehr besuchten Wallfahrtsort mit Wund-er- guelle. Sogar von weither kamen viele Ge­brechliche dorthin, die von dem Wund-er- wasser geheilt sein wollten, und in einem Nebenraum der Kirche sah man Krücken fast lns zur T'ecke aufgestapelt, die von denen ab­gelegt waren, die ihre Heilung dem Wasser zu verdanken glaubten. Mit der Zeit wurde mir das Leben in der kleinen Stadt doch et­was zu eintönig, und wenn ich auch viel neue und schöne Eindrücke .aufgenommen hatte, beschlich mich zuweilen eine leise Sehn­sucht nach- Paris. Mit Anfang Oktober war

die bedungene Zeit abgelau'en, und ich- fühlte mich glücklich-, als ich meinen Fuß wieder auf die Boulevards setzen konnte.

Als ich wieder nach Paris zurückkam, war in unserem Gewerbe außerordentlich viel zu tun. Tie große Welt kehrte allmählich von Reisen, Bädern und Sommerfrischen wieder zurück, und die Wohnungen sollten instand gesetzt werden; fast in allen Geschäften wurde mit lieber stunden gearbeitet, lind die Arbei­ten würben gut bezahlt.

Im allgemeinen kann ich mich über die Behandlung, die mir von seiten der Fran­zosen zuteil wurde, durchaus nicht beklagen. Ich bin immer gut mit ihnen ausgekommen und konnte im Geschäft stets gute Kamerad­schaft halten. Der Haß gegen alles Deutsch-e kam auch erst nach 1870 zuin Ausbruch. Ihre Leidenschaften, ihre Eitelkeit, ihre Ruhmsucht und ihr nationaler Dünkel haben mich- sehr wenig geniert; wenn sie darauf verfielen, habe ich sic ruhig reden lassen. Doch waren sie immer höflich und anständig. Dagegen habe ich unter denen, die aus den Grenz­ländern, Belgien, Luxemburg, Elsaß und aus der westlichen Schweiz kamen, nicht einen ein­zigeil gefunden, dem ich mich hätte.anschlie­ßen oder vertrauensvoll nähern mögen. Sie zeigten -alle eine gewisse Gehässigkeit gegen uns Deutsche. Neid, Mißgunst, Hinterlist und Unaufrichtigkeit waren in der Regel die Grundzüge ihres Charakters.

Obwohl mein Verbleiben in Paris noch bis zun: Frühjahr vorgesehen war, erhielt ich gegen Ende November die unerwartete und erschütternde Nachricht von dem Tode meines Vaters. Nach, kurzem Krankenlager war er einem ihn schon länger quälenden Leiden er­legen. Mein Entschluß war sofort und ohne jedes Besinnen gefaßt. Als ältester von mei­nen Geschwistern mußte ich meiner Mutter zur Seite treten und sie in der Fortführung des Geschäftes unterstützen. Zur Heimfahrt wurde die Linie Metz ForbachMannheim benutzt, die inzwischen eine bessere Verbin­dung geworden war, -aber immerhin noch, et­wa dreißig Stunden Fahrzeit erforderte. Ms ich nach H-ause kam, war mir meine Mutter für mein rasches Kommen sehr dankbar, und meine Geschwister w-aren sehr erfreut. Ob­gleich ich Paris verlassen habe zu einer Zeit, wo -es mir dort nach Ueb-erwindung aller An­sangsschwierigkeiten gerade am besten gefiel, habe ich diesen Entschluß doch nie bereut. Mein Vetter, dessen Wohlwollen ich viele Er­leichterungen zu verdanken hatte, erlag bald darauf -einer Typhusepidemie, die in seinem Stadtteil ausgebrochen war. Immerhin ist die Zeit meines Aufenthaltes in Paris einer der schönsten und eindrucksvollsten Abschnitte meines Lebens gewesen, und die Erinnerung an alle Begebenheiten steht heute noch so klar und so lebhaft in meinem Gedächtnis, als wenn ich das alles erst vor kurzem erlebt hätte. H. Hr.