Gemeindeblatt für die evangelische Dirchengemeinde Gießen
Nr. 24 Gießen, 3. Sonntag n. Trinitatis, den 16 . Juni 1918 7. Iahrg.
Lin liebliches Los.
Psalm 16, 6. Das Los ist mir gefallen aufs lieblichste.
Wer kann dieses Wort, das bei Gravelotte auf dem Grabsteine eines mit der Fahne in der Hand gefallenen Unteroffiziers steht, auf sein Leben anwenden, -ehe die letzte Num- iner gezogen ist von seinen Lebenstagen? Es ist damals wie eine Erleuchtung über den Psalmensänger gekommen. Denn er sah sein Leben gesegnet von Gottes Liebe und Freundlichkeit. Wir sagen es zwar an den Gräbern früh geschiedener Kinder: Im Himmel findest du, was dir die Welt versagt — o selig Kind! Aber kann auch ein Herausgerissenwerden aus Lebenskraft und Berus und Familiengemeinschaft so genannt werden, können es die Schwergeprüften, Vereinsamten nun für sich in Anspruch nehmen: ein liebliches Los? Oder die armen Ver- wundeten und Verstümmelten in den Kriegslazaretten, denen Hand und Fuß oder Augen genommen, denen Nerven und Gehirn gelähmt und verletzt sind: ist's nicht ein unsagbar traurig anzusehendes Los?
Es muß erst eine Weile vergehen, ehe ein Trauernder, Leidtragender, Heimgesuchter es sprechen lernt. „Du wirst es aber hernach erfahren." Wenn von den fernen Gräbern die trauten Grüße herüberwehen und die trauernde Liebe gewiß geworden ist: Uebcr- standen, überwunden, bei Jesus im Licht! Ta leuchtet über dem geweihten Hügel, ein seliges Licht von ewigem Leben und Wiedersehen. Und wenn die verwitwete Frau ihre Kinder aufzieht in dieser fortdauernden geistigen Gemeinschaft nach, dem frommen Sinn des Vaters, und wenn die Vereinsamten zu Tröstern werden für Leidbetroffene und Versinkende und Zus ammenbvechende, dann klrngt es wie aus sonniger Himmelsweihe: ern liebliches Los!
„ Jedes Los gewinnt, das wir aus Gottes Händen ziehen. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lasset sich genügen. Euer himmlischer Vater weiß, was ihr bedürfet, spricht der Herr. Das wissen und glauben, dann ist uns geholfen. Darum: ,,Laß fahren deine Sorgen, du änderst nicht dern Los. Doch glaubst c>U an Sein Wollen, so gehst du auch im Licht. Nie wird dein Abend trübe, dein Morgen dunkel sein, denn dernes Gottes Liebe gibt ihren hellen Schein!"
Geschichten und Bilder aus Alt-Gietzen.
5. Gießener Zeitungsinserate aus drei M e n s ch e n a l t e r n. .
(Schluß.)
1842.
Fünfundzwanzig Jahre später scheint sich der Charakter der Stadt noch nicht viel geändert zu haben, sie ist immer noch Kleinstadt mit landwirtschaftlichem Betriebe. Das merkt man aus mancherlei Anzeigen des Blattes. So lesen wir: ,,Stvoh-Kuhdün ger ist zu verkaufen. Bei wem? sagt Ausgeber des Blattes." — „Einen Fruchtboden zu leihen gesucht. Th. Lotz." — „Tie auf meinem Acker am Erdkauter Weg stehenden Kartof- seln bin ich Willens, Montag, den 10. Octbr., Nachinittags 2 Uhr zu versteigern. PH. Lenz." — „Frischer, weißer R übsamen großer, langer Art, ist zu haben bei W-eißgerber Üöbev, wohnhaft bei Hrn. Tabakssabr. G. Ph. Gail auf dem Kreuz'." — „Ein Haufen Pferdedung ist zu verkaufen. Wo? sagt Ausgeber d. Bits."
Aber mehr und mehr macht sich in der Zeitung auch bemerkbar, daß Gießen eine Universitätsstadt ist. Sehr vielsagend ist eine Bekanntmachung des Kreisrates Knorr, die folgenden Wortlaut hat: „Da die dahier aus ledigen, dem Gewerbsstande angehörigen Bürgeissöhnen bestehenden Vereine oder Gesellschaften, welche die Studierenden in Tragung von gleichen Abzeichen, in Commersie- ren und dergleichen nachzuäsfen suchen, häufig Veranlassung zu Excessen, namentlich zu Schlägereien, Ruhestörungen und sonstigen Illegalitäten gegeben haben, so wird das Fortbestehen der gedachten Vereine oder Gesellschaften hierdurch aufs Strengste untersagt."
Ter Student der Theologie M. Wormser aus Michelstaot verkündigt stolz wie ein Spanier : „Ten üblen Nachreden und Aeußerun- gen, welche sich! gewisse Personen aus dem gemeinsten Eigennütze, aus den niedrigsten Motiven gegen mich zu Schulden kommen lassen, sehe ich mich aus bekannten Gründen nur mit der tiefsten Verachtung zu begegnen, aufs Vollkommenste berechtigt."
Daß es damals schon leichtfertige Verleger gab, die sich die Eitelkeit und Unerfahrenheit junger Leute, die in sich den Dichter zu entdecken glaubten, zunutze machten, beweist oie Anzeige einer süddeutschen Verlagsbuchhandlung, die für das Jahr 1844


