Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Vlr. 23 Gießen, 2. Sonntag n. Trinitatis, den 9 . Juni 191 $ 1 . Iahrg.
fjat das Weltgeschehen einen 5inn?
Offenbarung Johannis 22, 13. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Ente und der Letzte.
Wir stehen im Strome eines weltgeschichtlichen Geschehens. Schwere, rätselhafte Fragen Umtauschen uns. Hat dieses furchtbare Vernichten einen Sinn? Gibt es eine höhere Vernünftigkeit über solchem Weltkriegscreig- nis? Rollt fidj alles nach einem unabänderlichen Schicksalswillen ab, wie ein bunter, grausiger Kinofilm? Die kleine, winzige Erde! Was will sie besagen im ungeheueren Weltenraume! Dennoch, für uns ist sie ein recht bedeutsames Stück des Weltganzen. Hier wachsen unsere Freuden, unsere Schmerzen. Es ist schon begreiflich, wenn wir beim Weltgeschehen mit in erster Linie an die menschlich-geschichtliche Entwicklung denken.
Wie steht's mit dem geschichtlichen Fortschritt? Es gibt auch rückläufige Bewegungen.^ Nach 1813 und 1870 ging es mit dem deutschen Volksgeiste nicht immer gradlinig weiter uni> höher. Aber auch in irrendes Zeiten können neue Wahrheitskeime entstehen. Auch das Schlimme und Minderwertige kann mittelbar beitragen, einem Besseren und Schöneren näher zu kommen. Sollte da nicht ein erhabenster Sinn wunderbar walten? Lessing muß doch ein starkes Ahnen dieses höchsten weisen Wollens gehabt haben, wenn er's wie einen Gebetsklang aus- rief: „Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Un- merklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln! Laß mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten, zurückzugchen! Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist." Kommt es einem tieferen Schauen nicht immer wieder zum Bewußtsein, daß es ein ehernes Ge- >etz des Weltgeschehens ist, dieses „Stirb und werde!' Opfergedanken gehen durch das geschichtliche Auf Und Nieder. Opferstarke Hingabe war und ist einer der edelsten Grundtöne, im Kriege der Gegenwart. Leuchtet nicht trotz aller Rätsel und Dunkelheiten in diesem Weltwirrwesen eine bestimmte göttliche Erziehungsweisheit? Es ist mn gewaltiger Trostglaubc, daß Christus der Schlüssel der Weltgeschichte sei, das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte; ein wirklicher, wohlbegrüu- deter Glaube ist es, keine bloße dichterische
Schönheitsrede, denn es ist ein lauscndsältig bestätigter Erfahrungsglaube. Ob das Weltgeschehen einen Sinn hat? Wer sich in einer ewigen Gottesliebe verankert weiß, der ist um eine klare Antwort nicht verlegen: Verinnerlichung und stete Erneuerung im Geiste Christi, das ist der tiefste Sinn eines Weltgeschehens, das der ewige Gott in seinen Händen hält!
Geschichten und Bilder aus Alt-Gießen, -s
5. Gießener Zeitungsinserate aus drei Menschen altern.
Wir haben schon oft in unserem Gemeindeblatte iauf die früheren Jahrgänge des „Gießener Anzeigers" als Fundgrube für lokalgeschichtliche Notizen hingewiesen. Das Blatt blickt jetzt auf ein 168jährigcs Bestehen zurück, ist also schon im Jahre 1750 in das Leben getreten. Mehrereniale hat es seinen Namen geändert. Im 18. Jahrhundert nannte es sich „Gießener Jntelligenzblatt", im Anfang des 19. Jahrhunderts hieß es bescheiden „Gieser Anzeigungs-Blättchen", um die Mitte des 19. Jahrhunderts „An- zeigeblatt der Stadt Gießen". Sehr dürftig war der Inhalt jetzt vor 100 Jahren und auch noch in späterer Zeit, außer dem Marktzettel waren damals nur die Bekanntmachungen der Behörden und einige Inserate der Geschäftsleute zu. finden. Entschieden reicher war der Inhalt im 18. Jahrhundert. Wir dürfen allerdings nicht mit modernen Maßstäben an diese alten Jahrgänge herantreten, Mitteilungen politischer Art und lokalgeschichtliche Notizen wurden damals noch nrchr oder nur selten in die öffentlichen Blätter gebracht, dagegen war ein großer Teil des Inhaltes der Belehrung gewidmet. Der damalige landwirtschaftliche Charakter der Stadt geht daraus hervor, daß das Blatt seinen Lesern Artikel bot über das „Husten der Schafe", über den „Anbau der Erdäpfel", über „Brand im Getreide", über Würmer und Schnecken, über die Behandlung der Obstbäuwe. Ein Artikel, ist überschrieben „Den Hühnern den Piep zu vertreiben". Ter Ausdruck „Kartoffeln" scheint damals noch nicht gebräuchlich gewesen zu sein, entweder heißt es „Erdäpfel" oder „Grundbirnen", der letztere Ausdruck wird heute nochi vielfach in Rheinhessen gebraucht. Auch Fabeln, Anekdoten, moralische Abhandlungen und leider auch Gedichte, die


