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Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Hr. 22 Gießen, I. Sonntag n. Trinitatis, den 2. Juni 1918 7. Jahrg.

Stille Stunden.

Psalm 62, 2. Meine Seele ist stille zu Gott.

Wir haben in unseren Tagen die stillen Stunden der Sammlung urrd der Besinnung so nötig, sonst gehen wir auf und unter in dem Treiben und der Unruhe des Lebens. Wir dürfen es nicht vergessen, daß es uns nichts hülfe, wenn wir die ganze Welt ge­wönnen und Schaden nähmen an unserer Seele. Aus dem Kampfe des Lebens müssen wir immer wieder hinein in die Einsamkeit, um neue Kraft zu gewinnen, wie Parsifal, der von kühnen Welttaten zum Gratstempel zurückkehrt, uni hier neue Stärke, neue Hilfe zu holen. In den stillen Stunden, da wol­len wir einmal alles, was unserer Seele vom Alltag anklebt, hinwegnehmen, da wollen wir auf ihren Grund schauen, wie in einen Ka­ten Bergsee, der frei geworden ist von Schlamm und Geröll. Eine sinnige Sage er­zählt von zwei Kindern, die an einem Karen See spielen. Plötzlich entdeckten sie in der Tiefe ein Kruzifix, das 5SiXb des Erlösers leuchtet ihnen durch die klaren Fluten ent­gegen. Ein Kloster hatte am Ufer wohl vor Zeiten gestanden, und bei seiner Zerstörung war das Kruzifix in den See versenkt wor­den. In den stillen Stunden, da leuchtet uns aus der Tiefe unserer Seele das Kreuz ent­gegen, das in der Taufe schon in uns hinein­gesenkt wurde. Weil die Fluten über unsere Seele gingen, darum sah man es wohl oft nicht, und Schutt und Schlamm hatten sich sangesetzt und verdeckten es. Aber es ist da >und in stillen Stunden da strahlt es hell und will unsere Seele mit seinem Licht füllen. Tas ist der Segen der Einsamkeit, die Klopstock mit dem Becher der Freude in der Hand sah und Raabe sich als Madonna vorstellte.

rf~ von der Reise zweier hessischer Hiirsten- söhne und ihrem traurigen Ausgange.

. Es ist in früheren Zeiten namentlich tm 17. und 18. Jahrhundert Sitte gewe­sen, daß die Söhne von Fürsten und adligen Herren, wenn sie erwachsen waren und einen gewissen Abschluß ihrer Schulbildung erreicht hatten, unter der Begleitung eines akade- mrsch gebildeten Mannes auf Reisen geschickt wurden. Die Begleiter waren in der Regel Theologen, die ihr Universitätsstudium hin­ter sich hatten und die Fähigkeit besaßen, auf die jungen Herren erzieherisch einzu­

wirken sowie sie von unbedachten Handlun­gen abzuhalten. Der fromme Dichter Jo­hann Heermann uird in gleicher Weise Jo­hann Gottfried Herder haben sich, bevor sie ein Amt übernahmen, in dieser Weise be­tätigt. Tas Ziel dieser Prinzenveisen waren durchweg Frankreich und Italien, daneben wurde auch noch Holland berührt. Im Spät­sommer 1628 sandte auch Landgraf Georg von Hessen, damals noch ein junger. 23jähri- ger Mann, seine beiden jüngeren Brüder Heinrich und Friedrich auf Reisen. Eine Reise in das Ausland war damals keine Kleinigkeit. Roch ein Jahrhundert später be­fahl man sich dem Schutze Gottes, wenn man von Gießen nach Hamburg reiste, utti> nahm vor dem Antritt der Reise von allen Freun­den und Verwandten Abschied. So erließ denn auch Landgraf Georg am 10. Septem­ber 1628 an die Superintendenten des Lan­des eine Verordnung, wonach alle Pfarrer angewiesen werden sollten, jeden Sonntag im Gebete der jungen Reisenden zu gedenken. Die Deutschen, die im Zeitalter des Dreißig­jährigen Krieges über eine gute Schulbil­dung verfügten, haben ihre schriftlichen Aus­lassungen zwar mit vielen lateinischen Wor­ten dnrchwirkt, ihre Redeweise war aber un- gemein anschaulich, bilderreich, treuherzig und gab von dein frommen Sinne Kunde, der damals, ehe der Krieg eine allgemeine Verwilderung herbeigeführt hatte, Gemein­gut des deutschen Volkes war.

Das tritt auch in der Verordnung des Landgrafen zutage, sie hatte folgenden Wort­laut: ,.Nachdem wir bedächtlich erwogen, wie hochirotwendig den Hochgebornen Fürsten, Herrn Heinrichen imfr Herrn Friedrichen, Lanografen zu Hessen, Unseren freundlichen geliebten Brüdern sehe, die edle Zeit Ihrer Jugend in gute obacht zu nehmen, frembde Lande uird Leuthe zu besehen uird beneben dem strräio kistatis auch in Unguis und morivus täglich je länger zu praliÄsrsn, so haben wir nach vorgegangener reiffer be- rathschlagung Uns entschlossen, Hochgedach­ter Unserer freundlicher geliebter Brüder L. Ld. (soll wohl heißen: Landgräfliche Hohei­ten) in fremde Länder zu verschicken, gestalt dan dieselbe nunmehr solche Rays und Pe- regrination würcklich angetretten. Damit dann Ihre L. Ld. solche wohlangefangne Raise vermittelst Göttlicher Hülsf und Bey- stands glücklich und wolfährig anfangen, ver­richten und vollbringen mögen, so befehlen wir euch hiermit gnädig, daß ihr nicht allein