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onntagsgruß

Gemerndeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

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Gießen, Sonntag Trinitatis, den 26. Mai 1918

7. Iahrg.

Vas Geheimnis der ttraft.

2. Sam. 10, 12. Sei getrost, und laß Uns stark sein für unser Volk and für die Städte unseres Gottes: der Herr aber tue, was ihm gefällt.

Ter Krieg, in dem wir stehen, hat uns das Verständnis für die Heldenlieder und Kampfgesänge des Volkes Israel, wie sie uns das Alte Testament wiedergibt, neu er­schlossen. Wir erleben die großen Zeiten in der 'alten Geschichte des Volkes Gottes mit, wir stärken uns an den aufmunternden Wor­ten und zuversichtlichen Gebeten seiner Hel­den. Auch das Wort des Joab, der in Davids Auftrag gegen die Uebermacht der Syrer und Ammoniter auszog, hat uns heute noch etwas zu sagen. Es ruft uns in dem letzten schweren Ringen um unseres Volkes Zukunft zu: Seid- getrost, und laßt uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes: der Herr aber tue, was ihin gefällt. So ziehen Helden von Gottes Gnaden in den Kampf, so halten Kämpfer in der schwersten Not aus, selbst getrost und stark im Streite für das Volk, aber den Sieg in Gottes Hand stellend. An Josua, den Streiter Gottes, erging der Be­fehl aus des Herrn Mund: Ich halie dir ge­boten, daß du getrost und freudig seiest, laß dir nicht grauen und entsetze dich' nicht, denn der Herr, dein Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst. Tas ist das Geheimnis der Kraft, das Mittel zum Sieg. Wir müssen es auch lernen, 'wenn wir in Gottes Kraft siegen wollen. Getrost und stark wollen wir für unser Volk im Kampfe stehen draußen und drinnen und in unerschütterlichem Vertrauen die Hände zu Gott erheben: der Herr tue, was ihm gefällt. Eine solche Gesinnung schafft Sieger, weil der oberste Kriegsherr, unser Gott, mit denen ist, die sich auf ihn verlassen. Getreu und getrost, still und stark, das ist das Geheimnis der Ktast auch für das deutsche Volk.

vor sechzig Jahren nach Paris.

Erinnerungen eines Gießener Bürgers.

(Fortsetzung.)

In der Sprache machte ich ebenfalls gute Fortschritte. Mein Ohr hatte sich sehr bald an dre französischen Laute gewöhnt; ich verstand _ alles, was die Leute sagten, ich konnte richtige Antworten geben und meine Anliegen in verständlicher Weife Vorbringen.

Nun kamen inir auch meine erworbenen Schulkenntuisse gut zustatten, sie ermög- Berstänonis zu lesen und so immer tiefer in lichten es mir, Zeitungen und Bücher mit den Geist und das Wesen der Sprache ein­zudringen.

Bei uns wohnte ein Student, ein braver und wohlerzogener junger Manu aus guter Familie in der Provinz, der die Rechte stu­dierte.^ Auf Wunsch seiner Eltern war er nicht in das Studentenviertel gezogen, auch weil ihm selbst die dort herrschenden Sitten nicht gefielen. Mit diesem unterhielt ich niich sehr gern, denn ich. fühlte, daß meine Unter­haltung mit gebildeten Menschen zum Er­lernen einer fremden Sprache von Wert, ja selbst von grundlegender Bedeutung sein könne. Wie alle Franzosen, hatte er über Deutschland eine sehr unklare Vorstellung. So glaubte er, wir lebten in einem rauhen und unwirtlichen Lande ohne Kultur und hätten schlechte Lebensgewohnheiten. Doch zeigte er Interesse und hörte meinen Schil­derungen unserer Sitten, unseres Familien­lebens und unserer Gebräuche aufmerksam zu. Als ich ihm einmal sagte, daß wir in der Schule den Ovid, den Virgil und den Homer gelesen hätten, wollte er es nicht glauben, bis ich ihm einige mir noch er­innerliche Verse aus diesen Schriftstellern re­petierte, die er dann in der den Franzosen eigentümlichen Aussprache wiederholte. Da­mit waren wir uns etwas nähergerückt, und ich konnte die Beobachtung machen, daß mein Ansehen sehr gestiegen war und daß vor allem seine Begriffe über Deutschland sich wesentlich geändert hatten.

Durch die gründlichen Unterweisungen meines Vetters war ich bald so weit vorbe­reitet, daß ich mir eine meinem Selbstgefühl mehr zusagende Stelle suchen konnte. Mein neuer Patron, ein noch ziemlich' jünger Mann, war sehr geschäftstüchtig. Er behan­delte seine Leute freundlich und mit Wohl­wollen, so daß ich es als ein Glück betrach­tete, bei ihm Beschäftigung gefunden zu ha­ben. Während ich vordem nur auf eine an­gemessene Vergütung Anspruch erheben konnte, verdiente ich jetzt so viel, daß ich bei der nnr von Hause aus anerzogenen Sparsamkeit aus eigenem Verdienst meine Lebensbedürfnisse bestreiten konnte. In die­ser sehr angenehmen Stellung bin ich lange geblieben. Wir hatten zumeist feinere Kund­schaft, darunter auch solche, die den Sommer über in Maisons Lafitte wohnten.