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Marions Lafitte ist eine Waldstadt, in der weiteren Umgebung von Paris am Walde von _ St. Germain und an der Seine gelegen; die vielen herrschaftlichen Land­häuser stehen mitten im Walde, ziemlich weitab von der Fahrstraße und mitunter so hinter Bäumen versteckt, daß man sie auf- siuchen Nutzte. Tie tiefe Ruhe, die dort herrscht, mag den durch den ohrbetäubenderr Lärm der Großstadt aufgepeitschten Nerven der Pariser eine große Wohltat gewähren., Auf dem am Serneufer gelegenen Pracht- vollen Schlosse La Boudoire, das einst Mar­schall Lannes von Napoleon I. zum Geschmk erhalten hatte und das nachher aus den Ban­kier Lafirte übergegangen war, waren wir ebenfalls beschäftigt. Ganz in der Nähe wer­den auch die weltbekannten Pferderennen ab­gehalten.

Nachdem ich etwa ein Jahr bei meinem Vetter gewohnt hatte, zog dieser aus, wäh­rend ich im Hause weiter wohnen blieb; der Concierge hatte mir nämlich ein anderes Zimmer angeboten, das mir sehr gefiel. Das Haus, im oberen Teil des Fanbourg Poisso- mere gelegen, stand an und für sich schon auf einer Anhöhe, dazu lag das Zimmer im vierten Stock, so das; man vom Fenster aus einen prachtvollen Blick über ganz Paris ge­noß. Namentlich nach Eintritt der Dunkel­heit war er von bezaubernder Wirkung ; bis in die entferntesten Teile der riesigen Stadt sah man die Lichter und über den großen/ Boulevards hier einen hellglänzenden Licht­streifen am Himmel, die Abspiegelung der. intensiven Beleuchtung dieses Straße,izuges. Zudem wohnte ich da sehr billig, indem ich dre seither benutzten Möbel käuflich erworben hatte, während der Mietpreis für möblierte Zimmer schon recht hoch war. Ueberhanpt konnte man damals in Paris recht billig le­ben, wenn man. mit seinen Mitteln richtig hausznhalten verstand. Es gab saubere und gute Speisehäuser, in denen man ein ein­faches, doch schmackhaft zubereitetes Mittag­essen schon für wenig Geld erhielt. Nur mußte man sich auskennen, denn es gab auch Gasthäuser, die wenig empfehlenswert waren.

Tie Angehörigen der Familie W .. z, die mir schon von Gießen aus bekannt waren, besuchte ich sehr oft. Ter eine Sohn war als geschickter Sattler nach Paris gekommen, hatte mehrere Jahve in größeren Werkstätten gearbeitet, sich mit einer Französin, einer- früheren Jnstitutslehrerin, verheiratet und alsdann sein eigenes Geschäft angefangen. Seine beachtenswerten Leistungen und sein gewandtes Auftreten verschafften dem Ge­schäft einen guten Fortgang. Neben feinen Pferdegeschirren fertigte er hauptsächlich ele­gante Stirnbänder für Pferde an, mit denen damals in Paris, besonders bei solennen Auf­fahrten, ein großer Luxus getrieben wurde. Zu seiner Unterstützung ließ er seinen Bru­der, der ebenfalls Sattler war, und seine Schwester Nachkommen; außerdem noch einen Neffen, der etwas jünger war als ich, und

noch einen Gehilfen aus Gießen, der in mei­nem Alter stand, die er lalle für seinen Be­trieb anlernte und darin beschäftigte. I» der fremden Stadt bot mir diese Familie einen angenehmen Zufluchtsort; ich hörte meine Muttersprache und konnte damit das Hcimwehgefühl, das mich besonders in; An­fang meines Tortseins zuweilen beschlich, et­was lindern. Außerdem traf ich in dein gast­uchen Hause öfter Bekannte, namentlich Gre- ßener. Tie Wohltat dieser Stätte empfand rch um so mehr, als ich tagsüber fast nur mit Franzosen in Berührung kam.

. Tie Pariser Bürger und Geschäfts­inhaber, die ich kennen lernte, und, wie man auch im allgemeinen annehmen darf, waren durchaus ehrenwerte und achtbare Leute. Sie waren geschäftstüchtig, arbeitsam und spar­sam. Ihr ganzes Streben war darauf gerich­tet, möglichst bald so viel zu erwerben, um sich vom Geschäfte zurückzuziehen und von dem Erworbenen sorgenfrei leben zu können. Uni dieses Ziel um so eher und sicherer zu erreichen, mußten die Frauen, sofern diese nicht schon einen eigenen Berns ausübten, rm Geschäft des Mannes mithelfen. denn kam es nicht selten vor, daß eine tempera- mcntvolle Französin an Geist, Energie und Befähigung dein Manne überlegen war, daß sie die Leitung in die Hand nahm und so die Seele^des Geschäftes wurde. Immerhin war die Tätigkeit der intelligenten und flei­ßigen Frauen den Geschäften von unschätz­barem Vorteil und -auch von sichtbarem Er­folg.

Daß unter diesen Umständen das Fami­lienleben. besonders aber die Kindererziehung,, sehr notleiden mußte, war erklärlich. Wer nicht in der Lage war, sich besondere Leute für die Pflege und Beaufsichtigung der Kin­der zu halten, gab sie gleich nach der Ge­burt zu einer Nähramme auf das Land. Diese zog das kleine Weseii neben dem ihrigen nach Art der Dorfbewohner auf, so gut sie es vermochte, und wenn es genügend laufen und sprechen konnte, brachte sie es den Eltern zurück, gewöhnlich in einem Zustande, der sich mit Remlichkertsbegrisfen -nicht gut in Einklang bringen ließ. Bis zum Reifealter für die Schule fanden die Kinder Aufnahme in den großen Kinderasylen, die mit unseren Kleinkinderschulen vieles genrein hatten. Ter VolkSunterricht wurde in klosterähnlichen lye- hä,irden nur vmr Schulbrüdern und Schul- schwestern erteilt. Auch die Schulen-für Kin­der besserer Stände waren fast durchweg In­ternate. Für die Knaben die Lyzeen und für die Mädchen Klosterschulen. Nur an Sonn­tagen durften die Kinder ihre Eltern be­suchen. Diese Erziehungsweise hat insofern ihr Gutes, als dadurch die Kinder viel von der Straße abgehalten werden und sogar bei ihren Spielen stets unter Aufsicht stehen. Ter grobe Unfug, wie er hierzulande zuweilen von Kindern auf der Straße getrieben wird, fällt damit fort oder macht sich wenigstens nicht so bemerkbar.