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als ein naher Verwandter, der früher län­gere Zeit in unserer Familie gelebt hatte! und letzt in Paris in guter Stellung war, meinem Vater schrieb:Schick' mir nur den Zungen, wenn er Lust hat, hierherzukommen. >jch will ihn so lange unter meine Obhut nehmen, bis er der Sprache mächtig ist und auf eigenen Füßen stehen kann." Mein Va- ter, der in seinen Wanderjahren ebenfalls in Paris gewesen war und diese Zeit als die interessanteste und lehrreichste seines Lebens ansah, war damit einverstanden; denn er wußte den Wert zu schätzen, den ein Aufent- halt in dieser Stadt nicht allein auf meine berufliche Erziehung, sondern auch auf meine allgemeine Bildung -ausüben würde. So stand denn meinem Drange, die Welt zu sehen und die Wunder dieser Stadt, von de­nen ich -so viel gehört und gelesen hatte, nnt eigenen Augen sehen zu dürfen, nichts mehr -entgegen, nachdem die Bck-enken meiner Mutter und -einiger Verwandten, die sie wegen meiner Jugeiid hegten, glück­lich beseitigt waren.

An einem Herbsttage des Jahres 1856 , nachdem die notwendigsten Vorbereitungen! getroffen waren, lvurd-e dann die große Relse angetrvten. Sv- rasch und so bequem wie jetzt ging sie freilich nicht vonstatten. Das Eisenbahnwesen stand noch auf seinen iKind-erfüßen. . Bon Schnell- oder D-Zügen hatte man keine Ahnung. Tie Personenzüge führten auch Güter mitund hielten auf allen Stationen an. In Frankfurt mußte ich den französischen Konsul aufsnchen, um mir mei­nen Pag visieren zu lassen, daher kam ich erst gegen Abend in Darmstadt an, wo ich bn Berw>andten übernachtete. Tie mehrstün­dige Fahrt bis dahin ist mir übrigens sehr rasch, vorgekommen; denn als ich zehn Jahre früher gelegentlich der Einweihung der Lud­wigsäule zum -erstenmal mit in Tarmstadt ioar, brauchten wir mit dem Familienwagen einen vollen Tag.

Anderntags in der Frühe wurd-e die Reise Über Heidelberg bis Straßburg fortgesetzt. Aus der badischen Bahn fiel mir die gegen unsere Weserb-ah-n noch rückständige Bauart und Beschaffenheit der Personenwagen auf Namentlich die Wagen dritter Klasse waren klcrn und niedrig, -an den Seiten noch offen und zum Schutze gegen Wind und Wetter nur mit leinenen Vorhängen versehen. Kehl erreichten wir geigen ziv-ei Uhr, wir durch­fuhren die Stadt in einem Omnibus, pas­sierten die Rheinbrücke, an welcher diesseits zwei badische Soldaten und jenseits zwei Franzosen Schildwache standen, und langten dann auf französischen Boden an. Nachdem -die Pässe nachgesehen waren, mußten wir zur Zollrevision -antr-eten. Tie französischen Be­amten sprachen deutsch- !nnd waren recht höf­lich, untersuchten aber jedes Gepäckstück auf das genaueste. Hierauf konnte die Fahrt fortgesetzt werden und gegen vier Uhr kamen wir in-Straßburg an. Einer aus Gießen

stammenden Fainilie hatte ich Briefck und Gruße zu überbringen. Tiefe suchte ich aus, fand freundliche Aufnahme, und da bis zum Abendzug nach Paris noch Zeit war, zeigte man mir die Stadt. Meine besondere Auf­merksamkeit erregte das interessante Leben, und Treiben aus den Straßen. Es war ge­rade Sonntag, die Elsässer Mädchen vom Lande in roten Röcken und mit mächtigem Kopfputz warm scharenweise zur Stadt ge­kommen. Dazwischen bewegten sich die vielen Soldaten in bunten Uniformen, die mit ihnen scherzten und lachten.

Tie paar höchst interessanten Stunden, dre ich m Straßburg genießen durste, mußte ick) dagegen mir einer miserablen Fahrt im Pariser Nachtzug wieder bezahlen. Kaum hatten wir die Straßburger Bahnhofsanla­gen hinter uns, da trat in dem dichtbesetzten Wagen eine unheimliche Dunkelheit ein. Tie Beleuchtung mit trüben Oellämpchen war so nrangelhaft, daß man die Gesichter der übri- gen Mitreismden kaum erkennen konnte.

,Man saß in den ungeheizten Wagen in fürchterlicher Enge auf harten'Gartenholz­banken mit niederen Lehnm äußerst unbe­quem. Nun machte sich nach einiger Zeit ern Verlangen nach Nahrung bei 'mir be­merkbar, und ich bemerkte zu meinem Miß­behagen, daß ich in Straßburg nicht daraw gedacht hatte, meinen Mundvorrat zu er­neuern. Meine Hoffnung, etwas Eßbares -aus einer Station zu bekommen, erwies sich als trügerisch, denn alle Bahnhosswirtschaf- ren Maren nachtsüber geschlossen. So mujzte ich denn, hungernd 'und ohne Schlaf zu fin- -den, die ganze Nacht aushalten, bis ich nach Tagesanbruch eine Tasse Kaffee mit etwas Gebäck bekommen konnte. Endlich gegen elf Uhr vormittags traf der Zug in Paris ein.

B-eini Verlasseii der Bahnhofshalle wurde ich -angehalten und gefragt, ob ich keine ok­troipflichtigen Gegenstände in meiner Reise­tasche habe. Ich verstand nicht, was der Be- -amle von mir wollte, und wußte keine Ant­wort zu geben. Ein Soldat, der im Zuge mitgef-ahren war, kam mir zu Hilfe und be­freite mich -aus meiner Verlegenheit.Er will wisse, was drin isch," -erläuterte er in seiner elsässischen Mundart die an mich ge- ,teilte Frage, und nun konnte ich den Mann zusriedenstellen.

Uebrigens hatte ich schon während der Fahrt die Wahrnehmung gemacht, das; mein Schulsranzösisch mich sehr im Stiche ließ

Wenn ich auch den Sinn vieler Worte verstand-, so war es mir doch nicht möglich, einer Unterhaltung zu folgen oder gar daran tcrlzunehmen. Meinem ungeübten Ohr wa­ren die Laute der Volkssprache noch zu fremd, und zum Uebersetzen blieb keine Zeit

Meinen Vetter aus Tarmstadt, der mich schon etwas früher erwartet hatte, traf ich nicht -an. Er hatte hinterlassen, daß er durch Geschäfte verhindert sei und erst gegen abend nach Hause kommen könne. Dafür nahm sich