onntaysgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Vlv- 20 Gießen, Sonntag Pfingsten, den 19. Mtai 1918 7. Iahrg.
Heuer aus Erden.
Evangelium des Lukas 12, 49. Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden.
Tic Welt steht in Flammen, Feuerschein lagert über dem Horizont uird zeigt, daß das unheilige Feuer der Rachsucht und Habgier noch immer die Völker vernichten will. Und der rote Flammenschein der lodernden Begierden der Völker spiegelt sich in dem blutigen Antlitz der Erde, das gefärbt ist von vergossenem Menschenblut. Mut und Feuer — das sind die Wahrzeichen-, unter denep sich die Menschheitsgeschichte von Anbeginn der Welt an vollzogen hat. Feuer und Blut, das sind auch die heiligen Fußspuren Gottes« in der Heilsgeschichte der Menschheit. Christus kam in die Welt, um ein heiliges Feuer anzuzünden. In diesem Feuer ist seine Gemeinde gewachsen und erstarkt, die Gemeinde, die sich auf das Mut ihres Heilandes gründet.
Tie Sage erzählt von jenem Wohltäter der Menschheit, Prometheus, der das Elend
..„5. ^ <.... .«Y>
lassen, recht bewußt wäre, dann müßte die Nacht and} von unserem Volke weichen; der L'.chtglanz, der von den Christen ausgeht, würde das Kreuz von Golgatha erhellen und tn/unterm öffentlichen Volksleben als ein Zeichen des Lichtes und der Kraft erstehen lassen. Priester des heiligen Feuers vor Gottes Altar, das sei unser aller höchster Beruf, ein Beruf, der uns am Pfingstfeste bas Gebet für unser Volk auf die Lippen legt:
Komm Herr! Wir, deine Leute,
Tie du dir mit Blut erkauft,
Wären alle gerne heute Feuergeistig neu getauft,
Daß ein heilig lodernd Brennen Durch die kalten Herzen glüh!
Und die dich als Meister nennen,
Tief zu deinem Kreuze zieh'!
Laß dein Feuer uns durchlohen.
Das im roten Fackelschein In der Feinde Haß und Drohen Flammenbrände werf hinein,
Daß auf öden, hohen Trümmern,
Wo die morsche Welt zerfällt,
Man dein heil'ges Kreuz seh schimmern. Schaffend eine neue Welt!
und die Not der Menschen nicht mitansehen konnte und ihnen von dem Altar des Himmels einen Feuerbrano holte, um sie die
NÄKK.'MLS'S fKÄä' v«r f-diüa „am.
lund braucht heiliges Feuer aus Gott, um Erinnerungen eines Gießener Bürgers'
des Um Tic wirtschaftliche Notlage, in der sich des Nmdes und des Hasse», der Tcuttchland nach schwerer Kriegszeit und nit N verscheuchen, da- Teuerung noch u'm die Mitte des vorigen'
mit pas Licht aus Gott m den hcrligeii, ^ Jahrhunderts befand, hatte bekanntlich eine ft? ft ftAUgkert und Wahrheit, große Auswanderungslust hervorgerufen.
der Lrebe und des Friedens wieder leuchten kann. Tre Feuerglut der schweren Heimsu- chuiig, die uns durch die Kriegsnot bereitet wurde, hat «ne läuternde Wirkung für unser «olk rm allgemeinen nicht gehabt, das
mutteii wir im Hinblick auf das Leben und Drciben, das sich in der Oeffentlichkcii
Ichon wreoer breit macht, zugestehen. Wir brauchen nur Worte wie Kriegswucher,
Lnegsehctcheidungen, Verwilderung der Jugend, llnsittlichkeit, zu nennen, dann steht ein Heer der Nacht und des Todes vor unseren Augen Tie Finsternis muß Licht werden und üre Chritten sind dazu berufen, Lichtträger zu fern in der Welt, Pfingsten gibt ernem reden, der sich wirklich Christ, d. h. Geittgctalbten, nennen will, Dag heilige
Amer aus Gott. Ein Feuer, das im verborgenen Winkel glimmt, brennt vergeblich. Wenn ,ich leder Christ der heiligen Pflicht, teiiie Leuchtkraft in der Welt wirken zu
Sehr viele waren nach Amerika ausgewandert, um in der neuen Welt besseren Verdienst oder Glück und Reichtum zu suchen, andere hatten Frankreichs Hauptstadt vorge- zogcn, in der Handel und Industrie, Kunst und Gewerbe in voller Blüte standen, mäh- rend bei uns alles darniederlag. Wer noch besonders darnach strebte, sich in seinem Berufe weiterzubilden, seine Fähigkeiten zu vervollkommnen, um sie nachher um so besser verwerten zu können, fand dort die beste Gelegenheit. Zudem übte die Riesenstadt mit dem weltberühmten Verkehr, den imposanten Straßenzügen uicd öffentlichen Plätzen, der Fülle von geschichtlichen Denkmälern und monumentalen Gebäuden, Museen und Kunstsammlungen und mit ihrer herrlichen Umgebung eine ganz besondere Anziehungskraft aus.
Ich stand noch in sehr jugendlichem Al- ter und hatte kann, meine Lehre bestanden,


