Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Nr. 19 _Gießen, Sonntag Exaudi, den 12 . tlTai 1918 7. Iahrg.
Krühlingsseier.
Psalm 23, 1 u. 2. Ter Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich aus einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Von der Höhe schreite ich ins Tal hernieder, in die in tausend Farben prangende Gotteswelt hinein. Tie Ohren nehmen gleichmütig den altvertranten, aber doch wieder neuen Jubelruf des Lenzes in sich auf. Der Rasenweg, den ich heruntersteige, mündet in eine Landstraße, deren graues Band sich wie eine Alltagserinncrung in das umgebende festliche Bild einschiebt. Mir entgegen kommt ein kräftiger, dem Anschein nach vielleicht jetzt in die Schule gekommener Knabe. Unternehmungslustig schreitet er aus, indem er ein Handwägelchen hinter sich herzieht, auf dem ein etwa vierjähriger Knabe sitzt. Beide sind von den frohen Eindrücken der gemeinschaftlichen Reife voll eingenommen und geben sich ihnen aus ganzer Seele hin. Schon von weitem zieht der altere Knabe vor mir den Hut. Bald ist jedoch das sreudeatmende Bild meinem Blick entschwunden. Doch bei einer günstigen Wendung des Weges schlagen Töne an mein Ohr, abgerissene Laute eines Kindergesangs, die das Wehen des Windes an mein Ohr hinflattern latzt. Dieses studiert und buchstabiert die Klangsetzen zusamnren und glaubt bald die Werse des -alten Frühlingsliedes „Schönster «err Jesu" herausgesunden zu haben. Ter Sänger ist der kleine Reisende von vorhin.
An diesem Gesang -erscheint mir ein Trei- Mches, merkwürdig. Einmal dies, daß ein Ksnb rn solch zartenr Alter bereits eine persönliche Stellung zu diesen: Liede gefunden hat, rn dem Natur- und Glanbensmystik in ernzrger Weise ineinander gewoben sind. Sodann das Weitere, daß der Gesang dieses Liedes offenbar der Niederschlag der Emp- srndungen ist, die den Drang zu einer Früh- singsfeier schlichtester Art iir dieser zarten Kindesseele hervorgerufen haben. Endlich das Bedeutsamste ist, daß gerade dre Gedanken eines Liedes diese Frühlings- serer beherrschen, das bewußtermaßen iricht der der Bewunderung der irdischen Herrlichkeit stehenblerben will, sond-ern ihre Erschei- nung als Hinweis auf oie himmlische Herrlichkeit -ansieht und barin ihre Hauptaufgabe Tmbet. Das macht gerade die Stellung dieses einer so einzigartigen, daß es das Höchste,, was das Menschenherz zu empfinden tahrg ist, das Einssein von Ewigem und
Zeitlichem, von Vergänglichem und Unvergänglichem niit einem Schleier von Duft und Zartheit umhüllt, der, wie wir setzen, auch auf das zarte Kindesgemüt seine Wirkung nicht verleugnet. Ich suche nach einem Wort, das dem ähnlich ist und eine ähnliche Wirkung auf die Seele auszuüben o-ermag und gelange zu dem Anfang des 23. Psalmes. Dem, der dieses Lied gedichtet hat, hat sich auch, als er von der grünen Aue und dem frischen Wasser redete, das, was der Durchschnittsmensch nur getrennt sieht, in einem Blickfeld vereinigt. Ihm durchdrang sich Himmlisches und Irdisches und verwob sich zu erner untrennbaren Einheit. Selig, wer berufen ist, ein Pfadfinder auf biefem Wege Zu sein. Er darf sich rühmen, ein Führer und Wegweiser für viele Tausende zu sein, die das gleiche Verlangen haben, denen aber die Kraft fehlt, ihm Ausdruck zu geben. Dieser Tatbestand lehrt aber noch etwas Weiteres, nämlich dies, daß die Menschenseele mit unzerbrechbaren Banden an die ewige Welt gekettet ift. Die Bemühungen der feindlichen Mächte, sie von jener zu trennen und rn die Bande der Sinnlichkeit zu schlagen, können Teilerfolge aufweisen. Wer sie können doch nicht den Trieb der Seele nach- der oberen Welt ausr-ottcn. Immer wieder ringt er sich durch -als das Unveräußerliche und Unverlierbare, als das Dauernde und Herrschende. K. G.
Geschichten und Bilder aus Alt-Gietzen.
4. Einige Anmerkungen zum
ersten Gieß euer Adreß buche.
(Fortsetzung.)
Welch ein Umschwung sich in Gießen inzwischen vollzogen hat, erkennt man an den Schulen. Im Jahre 1840 hatte die Stadt deren sieben: das Pädagogium (Gymnasium), welches als alleinige Vorbildungsanstalt für das Studium unter den „Akademischen Instituten und sonstigen Anstalten" in der Unrversitätsabteilung .unseres Adreßbüch- leins aufgeführt ist, ferner oie Realschule und die Stadtschulen, bestehend aus der Knaben-, der Mädchen-, der Elementar-, der Frei- und der israelitischen Elementarschule. In dem Pädagogium wirkten neben dem Direktor 9, in der Realschule außer diesem 7 und in den Stadtschulen 7 Lehrer, und zwar in der Küaben- und Mädchenschule je 2, in den drei anderen je einer. Heute entfalten ohne die Fachschulen acht umfangreiche Lehranstalten rhre segensreiche Wirksamkeit in unserer Stadt, von welchen das Gymnasium über 23,


