onntaysgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Airchengemernde Gießm
Nr. 18
Gießen, Sonnrag Rogare, den 5. Mai 1918
7. Iahrg.
Abwarten!
Buch des Jakobus 5, 7. Siehe ein Ackers- mann wartet auf die köstliche Frucht der Erde.
Ein köstliches Bild draußen, die Ackerfurchen mit dem edlen Samenkorn und dem Ackersmann, der mit erfahrener: Blicken her- unterschant, ob die ersten grünen Keime hervorlugen, und hinauf gen Himmel, ob Sonnenschein, Regen oder Wind kommt zur rechten Zeit. Es ist heute her Sonntag der beginnenden Fürbitte für die Feldfrüchte; iund wir wissen ja, wie not uns noch so manches Jahr eine gute Ernte ist, und der Krieg hat's uns gelehrt, wie wir für unser täglich Brot so ganz auf den Geber aller guten Gaben angewiesen fiitb. Nach der Aussaat kommt für den Bauer eine Wartezeit, eine Zeit der Geduld. Das ist für den Landmann etwas Selbstverständliches. Jedes Jahr hat er warten müssen, und kein Jahr hat er vergeblich gewartet. Er weiß, Gott ist und bleibt getreu. Von dem arbeitenden und betenden Landmaun müssen wir uns Geduld und Zuversicht, Ruhe und Freudigkeit holen.
Haben wir es nicht alle durch den Weltkrieg gelernt: das Warten der Gerechten wird Freude werden. Es muß erbeten sein. Wie wir warten lernen mußten von einen: Jahr zum andern auf' den Frieden, bis die Frucht zur Rei.se kam. Was unsere tapferen Heere geleistet und unsere umsichtigen Heerführer vorberertet, was unser Volk in der Heimat geopfert,' in Ehren! Aber die heimliche Verknüpfung der Ereignisse, die Lenkung der Schicksale, die Sendung der Stunde war doch eines Höheren Hand.
Hast du warten gelernt für dein persön- uches Leben trotz all der Enttäuschungen und Hemmnisse des Lebens? Gott gibt Sonne uno Regen zur rechten Zeit. Er läßt den wag kommen, wo die grüne Saat vor deinen Augen prangt, den Tag, wo die Saat rauscht m vollen Wogen.
Meine Sorgen, Angst und Plagen, Laufen mit der Zeit zu End',
Alles Seufzen, alles Klagen, was der Herr allein nur kennt,
W:rd gottlob nicht ewig sein,
Nach dem Regen wird ein Schein Von viel tausend Sonnenblicken Meinen matten Geist erquicken.
Geschichten und Bilder aus Alt-Gietzen.
4. Einige Anmerkungen zum
ersten Gieß euer Adreß buche.
(Fortsetzung.)
Tie Forstwissenschaft war durch den Forstinspektor und Professor Dr. Hetzer vertreten, dem Gießen in der Schaffung und den: klugen Ausbau des Stadtwaldes einte herrliche und gesunde Umgebung und eine dauernde Einnahmequelle zu verdanken hat. Tie Stadt ließ daher auch dem wcitaus- schauenden Forstmann, in Anerkennung seiner Verdienste, das Denkmal in der Nordanlage errichten. Man vermißt bei demselben die Büste oder das Relief des Geehrten; der Mangel eines Porträts Hetzers machte aber diese Leben verleihende, künstlerische Vervoll- komninung des etwas nüchternen Monumentes unmöglich. Als Revierförster wird in dem Adreßbüchlein Professor Tr. Zimmer genannt, auf dessen Veranlassung die äugen-, blicklich in schimmernder Blütenpracht stehenden Kirschbäume auf dem Trieb gepflanzt wurden. Zimmer war auch 4848 Hauptmann der Bürgerwehr-KöMPagnie „Seltersweg", die meist aus unbemittelten Leuten bestand, die das zur Beschaffung der Uniform erforderliche Geld, wie das in: Gießener Platt so schön lautet, nicht ,cho leie" hatten und infolgedessen auf Kosten der Stadt mit grünen Kitteln equipiert wurden. Tnher der Name „Grünkittclkompagnie". Diese Kompagnie hätte ich für mein Leben gern einmal ausrücken sehen mögen.
Tas Postamt wies einen Postmeister, einen Posthalter, einen Postsekretär, 3 Postassistenten, einen Packer und, sage Und schreibe: zwei ganzeBriefträger, insgesamt 9 Personen, auf. Heute beziffert sich das Personal auf 52 Beamte und 180 Unterbeamte, zusammen 232, also nahezu 26 mal so viel Angestellte, wie damals. Tie beiden Briefträger erhielten für jeden Brief, den sie in das H>aus brachten, einen Kreuzer; das war ihr Gehalt. Tas Briefpostamt befand sich in dem jetzt Oppenheimerschen Hause, Ecke Walltorstraße und Braugasse, und die, einen umfangreichen Fuhrpark umfasse:idc Fahrpost in dem Grundstück Walltorstraße 24, über dessen Portal sich die in St ein aus gehauene Darstellung zweier Männer, nämlich Josuas und Kalebs, die eine große Traube aus dem gelobten Lande mit in ihre. Heimat tragen, befindet. Beide Gebäude werden heute noch von den Gießenern „die alte Post" genannt.


