Sonntaysgruß
I Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Vlr. 17 Gießen, Sonntag Lanrate, den 28. April 1918 7. Iahrg
Line Todesanzeige aus alter Zeit.
Hiob 1, 21. Ter Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!
Am 22. November 1794 war im „Gieße- ner Jntelligenzblatte" folgende Todesanzeige zu lesen:
„Ich habe hiermit bekannt machen wollen, daß es dem Allmächtigen gefallen, nreinen einzigen, vielgeliebten Sohn von dieser Lebensbahn abzurufen. Er war bei dem Hoch- fürstlich Hessen - Darmstädtischen Jäger- Corps als Oberlieutenant und starb in Tuysburg im 17ten Jahr seines Alters an einer Schußwunde durch die Wade, nachdem er ein halbes Jahr an dieser Wunde sehr viel gelitten. Der Verlust für mich ist sehr groß, da er nunmehro die Stütze in meinem Alter war: inzwischen müssen wir die Vorsehung nicht tadeln, sondern dein Allerhöchsten alles anheim stellen. Ich wünsche von Herzen, daß Gott sämtliche für dergleichen harte Trauerfälle bis in die spateste Zeit bewahren möge und empfehle mich und meine vier Kinder zur ferneren Freundschaft und Gewogenheit.
Luise Verdrieß, Wittib."
Daß zwischen heute :totö« dem Tage, da diese Todesanzeige von einer tiefgebeugten Mütter nieder geschrieben wurde, ein Zeitraum von 123 Jahren liegt und daß in dieser Zeit in Gießen fünf Geircratiouen von Menschen einander > ab gelöst haben, merkt man deutlich an der Ausdrucksweise. Tie Todesanzeigen, die heute zu Tansenlden in den deutschen Zeitungen stehen, weisen eine andere Fassung auf. Sie 'sind etwas knapper gehalten. Ob sie in allen Fällen edlere und würdigere Wortformen aufweisen, mag dahingestellt sein. Tie banalen, nach Form ünd Inhalt unsagbar dürftigen Verse, die namentlich unsere Landlente bei solchen traurigen Anlässen den Todesanzeigen vorausstellen, der Ausdruck „in stolzer Trauer", den die anwenden, die nie empfunden haben, wie bitter das Todesleid ist, stellen das in Zweifel. Mächtig bricht durch die Todesanzeige, die sch in dem alten vergilbten Blatte gefunden habe, das Gefühl hindurch. Tiefe Mutter hatte dasselbe erlebt, was jetzt viele Tausende von Müttern erleben. Sie hatte den einzigen Sohn, ihr ältestes Kind, mit Liebe und Treue erzogen, hatte, als der Ehemann gestorben war, auf ihn
alle ihre Hoffnung . gesetzt, in ihm die Stütze ihres Alters gesehen. Sie dachte, daß sie dem Sohn ball» die Verwaltung ihrer irdischen Angelegenheiten üblergeben könne, daß er sie, die Mutter, in ihrem Alter Wegen, ihr, wenn sie verschieden sei, die Augen zudrücken und sie dann zur letzten Ruhestätte auf deni Friedhof vor dem Neuenweger Tor geleiten werde. Es war alles ganz anders gekommen. Ter Jüngling war aus Begeisterung für den Soldatenstand Offizier geworden, hatte wahrscheinlich in Holland die tödliche Wunde erhalten und war nachl halbjährigem Siechtum in Duisburg gestorben. Tie Verkehrsgelegenheiteu waren damals noch nicht so, daß die Mutter seine sterblichen lleberreste nach der Heimat bringen lassen konnte. Da, wo die Ruhr in den Rhein einfließt, wird ihm das Grab bereitet worden sein. Frohen Mutes toar er ausgezogen, aber er sah die Lahn und die Berge und Burgen seiner Heini-at nicht mehr, er schritt nicht mehr durch die engen Straßen seiner Vaterstadt, er hörte nicht mehr die Glocken der Pankratiuskirche kling en.
Mächtig bricht durchs diese, uns heute fremdartig und altmodisch anmutenden Worte der fromme Glaube dieser Mutter durch. Die Form, in der dieses Glaube sich äußerte, trägt ganz das Gepräge der Zeit. Wre sollte es auch «anders fein? Diese Zeit, vre Zeit des «ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, war dre Zeit des Vernunftglau-- bens. M>an sprach damals mehr von der Vorsehung als von der Erlösung, mehr von dem Allmächtigen, -als dem Heilaüd, dew Sündentilger und Todes Üb erwinder. Menschen, die unter den wechselnden Formen das Unwandelbare nicht zu sehen vermögen, sind leicht geneigt, diese Frömmigkeit nicht als die rechte Frömmigkeit anzusehen. Dennoch war sie lauterer und echter Christenglaube; denn in vielerlei Formen schwingt sich das Leben in Gott «aufwärts, drängt sich die Sehnsucht nach« Gemeinschaft mit Gott zum Lichte. Dumpfe Verzweiflung lag dieser schwergeprüften Mutter ganz fern, sie murrte nicht gegen den Willen Gottes. „Inzwischen müssen wir die Vorsehung nicht tadeln, sondern dem Höchsten «alles anheim- stellen." T«as heißt nichts «and«eres als: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt, das heißt nichts «anderes «als: Nicht mein, sondern dein Wille gescheht!
Weil sie im rechten Glauben stand, darum sah« diese Frau auch ihren Lebensweg


