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reich empfehlenswertesten Gasthäuser in den Listen, die der englischeTooring-Club" herausgibt, genannt seien und daß man sich einem Hause, das die AufschriftTooring- Club" unter dem Firmenschild trage, ruhig anvertrauen könne. Kaum war ich! durch die Sperre getreten, sv gewahrte ich schon einen Hotelwagen mit dieser Aufschrift. Also ge­trosten Mutes hinein in das Dunkel des weit- schichtig gebauten Fahrzeuges, das bald über das holprige Straßenpflaster der alten Stadt dahinpolterte und schließlich vor demHotel Central" hielt. Der Hauptbahnhof von Ami­ens liegt merkwürdig tief, die Steigung nach der Stadt zu ist noch beträchtlicher als die vom Selterstorhäuschen hinauf nach der Liebigstraße. Der Bahnhof liegt wie der Gießener Bahnhof außerhalb der ehemali­gen Stadtumwallung. Wie bei uns sind die früheren Wälle in freundliche Anlagen ver­wandelt. Auch darin kann man eine Aehn- lichkeit finden, daß die Sonime an der Stadt vorüberfließt und wie die Lahn von Fremden, die unsere Stadt durchwandern, kaum wahr­genommen wird.

Zunächst ein Wort über die uordfranzösi- schen Gasthäuser. Wenn man mit Gedanken an deutsche Gasthäuser dorthin kommt, so fin­det man sich bach enttäuscht. Die Zimmer sind recht primitiv ausgestattet, das Mobi­liar ist alt und dürftig, Reinlichkeit ist nicht die.Haupttugend der Franzosen. Die Raume, die dem gemeinsamen Aufenthalte der Gäste gewidmet sind, kommen über Wirtsstuben in einer deutschen Kleinstadt nicht hinaus. Nur der Speisesaal mach!t eine Ausnahme, selten fehlt in ihm der große französische Kamin. Der Speisesaal des Hotels Central war merk­würdigerweise nicht gedielt, sondern mit weißen und schwarzen Steinplatten belegt, wie man das bei uns oft in Küchen findet. Die Hauptmahlzeit fand abends um 6 Uhr statt. DerPatron", so heißt in Frankreich der Besitzer des Hotels, half beim Bedienen der Gäste mit, feine Frau aber, diePatro- uesse", thronte irr erhabener Würde hinter dem großen Büfett. Sie tat eigentlich! gar nichts, ordnete scheinbar auch! nichts an und saß wohl nur zur Dekoration da. Was wa­ren das im Jahre 1912 nvlch für billige, Preise! Für 3 Franken konnte man ein voll­ständiges, recht reichhaltiges Mittagessen, dessen einzelne Gerichte man sich auswählen konnte, bekommen. In dem Preise war der Wein noch einbegriffen. Auf >edem Tische war Weiß- und Rotwein zu finden, von km man sich nach Belieben, nehmen konnte. In Frankreich, dem Lande der Gemüsekultur, gibt es in besseren Gasthäusern stets einen Gang, der nur aus Gemüse besteht, entweder Spi­nat oder Artischocken oder Spargel oder sonst ein fein zubereitetes Gemüse. Obst, nament­lich Trauben und! Mirabellen, gibt es ich Menge. Man muß leg dem Franzosen lassen: kulinarisch ist er den übrigen Nationen über. Auffallend und dem Deutschen die großen

Kaffeetassen, die man auf dem Frühstücks­tische findet, sie haben den Umfang von klei­nen Suppennäpfen, auch die Dimensionen der Löffel, die neben der Kaffeetasse liegen« Igehen in das Große, diese Kaffeelöffel ha­ben die Größe unserer Eßlöffel.

Am nächsten Morgen war mein erster Gang der nach der berühmten.Kathedrale. Sie ist ein Meisterwerk der Gothik aus dem späten Mittelalter. Die beiden Türme über der Hauptfassade sind, wie der eine Turm des Straßburger Münsters, unvollendet, nur über der Kreuzung das ist der Punkt, wo Hauptschiffe, Querschiffe und Chor zusam­menstoßen erhebt sich bis zur Höhe von 110 Meter ein Turm. Diese Riesenkirchen entsprechen nicht dem evangelischen Kircheu- ideale. Unsere Kirchen sind im wesentlichen Predigtkirchen, sie sind so angelegt oder sol­len so angelegt sein, daß man den Prediger von allen Plätzen aus sehen und hören kann. In den ganz modernen Kirchen, wie in der Darmstädter Paulskirche, find die Plätze so angeordnet, daß sie sich im Halbkreise um die Kanzel, die hier mehr ein Rednerpult ist, gruppieren. Die Kathedralen des Mittelal­ters sind keine Predigtkirchen, sie sind Tem­pel, bei denen der salomonische Tempel zu Jerusalem immer das Urbild ist, sie sind heilige Stätten der Anbetung. Alles, ivas man in der Kathedrale zu Amiens findet, stimmt zur Anbetung, die schlanken Pfeiler, die Galerien, die gemalten Fenster, vor al­lem die beinahe unzähligen Figuren, Reliefs und Bildwerke. Die ganze heilige Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Aus­gießung des heiligen Geistes ist hier im Steine dargestellt. Die klugen und törichten Jungfrauen aus dem bekannten Gleichnisse, die Apostel, die Tugenden und Laster, das jüngste Gericht, sind über der Hauptfassade, zu sehen, im Innern ist das Leben des heili­gen Firmin dargestellt, überall künstlerisch vollendete Figuren. Berühmt ist der wei­nende Engel, ein pausbäckiger Knabe, der Tränen vergießt. Eine schier unerschöpfliche Fülle von Gedanken ist in Stein' gefaßt. Man kann Tage damit zubringen, diese Ge­dankenfülle aus sich wirken zu lassen. Die Frömmigkeit des Mittelalters hat hier eine wunderbare Ausprägung gefunden. Alles weist aufwärts von der Erde nach dem Him­mel, die Türme, die Pfeiler, die Fenster­rosen. Am wunderbarsten erschien mir diese Kirche, als ich sie in der Abenddämmerung betrat. Da verschwanden dem Auge die Ein­zelheiten, um so mächtiger wirkte das Ganze: die riesigen, hohen Räume, die Pfeiler, die wie gewaltige Waldbäume auswärts streben, die drei Hauptschiffe, die sich als mächtig weite Hallen darstellen. Beter, die überall still vor den Altären knieten, der Orgelton» der aus der Höhe kam, verstärkten diesen Eindruck. Es wäre ein Jammer, morn das herrliche Bauwerk, das Jahrhunderten, das seither dem Kriege und der Revolution ge-