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onntaysyruß

Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

Uv. 16

Gießen, Sonnrag Jubilate, den 21. April 1918

7. Iahrg.

Nicht umzubringen!

2 . Kor. 4,9. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um!

Die Natur prangt wieder im schönsten Schmuck. Es ist ergreifend, das Lied von der unwandelbaren Treue Gottes zu hören, das jlches Jahr von neuem der wiederkehrende Frühling anstimmt:Es muß doch Früh­ling werden!"Und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach". Aber noch viel er­hebender klingt das Lied von deutscher tapfe­rer Helden-Siegeszuverucht. Wie viele ihrer im Weltkrieg körperlich kampfunfähig gewor­den oder hinabgesunken sind ins kalte Grab: imincr wieder haben sich andere in die Lücken gestellt, immer wieder haben sie freudig die Lasten, Leiden und Opfer des Krieges auf sich genommen. Das Apostelwort ist zur Losung geworden für unser ganzes deutsches Vater­land unter dem Drucke der Feinde: wir kom­men nicht um! Der Weltkrieg wird davon noch den späteren Geschlechtern eine ein­drucksvolle Predigt halten. Wer will all die: Trangiale schildern, die von der Lüge und Niedertracht unserer Feinde ausgcsonnen worden sind über Leer und Heimat? Wer will das Wunder erklären, daß wir vor dieser liebermackst nicht umgekommen, sondern über sie den Sieg behalten haben?

In den Christenverfolgungen der ersten christlichen Jahrhunderte haben die Christen noch viel gewaltiger den Erweis erbracht, daß es ein Leben gibt, das der Tod nicht töten kann. Und zuletzt ist es doch der Herr selbst, av dem für uns alle die wundcrhare Wahrheit erprobt worden ist: unterdrückt, ge­schmäht, getötet, aber nicht umzubringen. Durch Kreuz und Grab hält er immer wieder, wenn Lüge und Haß ihn bezwungen wähnen, siegreiche Auferstehung. Wer zu ihm gehört, kann die Erfahrung noch heute machen, oh diese Unterdrücker nun heißen Krankheit, Ar­mut, Not, Herzeleid, Siechtum oder Tod. Naturgewalten oder böse Menschen, eigen« Herzensschwachheit oder fremde Verständnis­losigkeit: wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um!

Amiens.

Nur noch 15 Kilometer stehen unsere tapferen, an Erfolg so reichen Truppen jetzt vor der nordfranzösischen Festung Amiens, ! dem Schlüssel der englischen Stellung, und es wird nicht mehr lange dauern, daß dieses! Bollwerk, das der Feind begreiflicherweise !

mit allen Mitteln zu halten bestrebt ist,^in die Hände der Unseren fällt. In diesen Ta­gen, da der Name Amiens so oft in den Zei­tungen genannt wird, denke ich oft an eine Reise nach Nordsrankreich, die ich im Angust 1912 gemacht habe und die mich auch nach der Festung au der Somme geführt hat. Vielleicht interessiert es unsere Leser, wenn ich ihnen die Eindrücke mitteile, die ich da­mals-bei meinem Aufenthalte von der Stadt hekömmen habe.

Mancher Leser wird freilich zunächst fra­gen, was ich denn dort eigentlich gesucht habe; denn daß jemand von Gießen nach der Nordsee oder nach der Schweiz reist, das kommt oft vor, daß jemand aber Amiens und Rouen aufsucht, ist etwas Seltenes. Um es kurz zu sagen: mich zogen nur die welt­berühmten Kathedralen der nordfranzösischen Städte an. Nachdem ich die Dome zu Straß­burg, Köln, Ulm, Regensburg, die herrlichen: Kirchen zu München, auch die zu Hamburg und Lübeck, die Kathedrale zu Bern, den! Dom zu Mailand, die Markuskirche zu Ve­nedig und im Jahre 1909 die Kirche Notre > Dame zu Paris gesehen hatte, wollte ich gern einmal die vielgerühmte nordfranzösische Kirchenbaukunst kennen lernen.

Ich kam vom belgischen Seestrande und fuhr durch die Landschaft, in der nun seit 44 Monaten der Kampf wütet, über_ die französische Grenzstadt Tourcoing nach Lille. Lille mit seinem geräumigen Bahnhofe und dem dem Bahnhofe zunächst gelegenen, ganz modernen Stadtteile macht ganz den Ein­druck einer deutschen Großstadt. Allerdings hat das Bahnhofsviertel in diesem Kriege schwer gelitten. Mein Aufenthalt in der französischen, ursprünglich flämischen Stadt war kurz bemessen, er reichte gerade zu einem kurzen Gange durch die Hauptstraßen, vor­über an dem Denkmal der französischen Re­publik, und bald saß ich in dem Zuge, der mich durch fruchtbares Gelände der Stadt an her Somme zuführte. Leider entdeckte ich erst, als der Zug schon im Fahren war, daß es ein Personen- und kein Schnellzug war, und so dunkelte schon die Nacht herein, als viele Lichter auftauchten und, nachdem der : Zug hielt, die Schaffner ausriefen: Amiens!

Es wäre schwer gewesen, mit einem Reise­führer, der schon 12 Jahre cckt und kein Bae- decker war, in der fremden Stadt am späten Abend ein geeignetes Gasthaus zu finden, wenn man mir am belgischen Seestrande nicht einen guten Rat gegchen hätte. Man hatte mir nämlich gesagt, daß die in Frank-