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Privatkirchenkasse errichtet, 1885 ein Frauen-, 1888 ein Männeroerein gegrün­det. Endlich konnte auch der Bnnsensche Plan der Erfüllung näher gebracht werden: 1911 fand in der Via Toscana die Grundstein­legung der neuen Kirche statt, deren Ban. vom deutsch-evangelischen Kirchenausschnß und damit vom gesamten evangelischen Tcntschland übernommen wurde. Als der Krieg ansbrach, war der Bau bis ans die Ausstellung der Orgel beendet. Tie Zukunst der deutsch-evangelischen Gemeinde in Rom liegt im Tunket, aber ihre Ausgaben werden auch künftig darin bestehen, in der H.mv: stadt des Papstes Zeugnis abznlegen von der Innerlichkeit und der Kvaft des evangelischen Glaubens.

Geschichten und Silber ans Alt-Gietzen.

4. Einige Anmerkungen zum e r st c n G i e ß e n e r A d r e ß b u ch e.

(Fortsetzung.)

Aber die Studenten waren auf der Lut und hatten Posten ausgestellt, zu welchen sich mitunter auch Schüler des Gymnasiums und der Realschule zur Verfü­gung stellten. Tiefe fühlten sich bei Annahme ihres Anerbietens zeitlebens geehrt. Ich würde bei einer solchen Gefälligkeit einmal erwischt und erhielt zur Sühne und freund­lichen Erinnerung einen Tag Karzer, den ich an einem sonnigen Ludwigstag hinter ge­rippten Scheiben verbüßen mußte. Kam der Wächter der akademischen Ordnung in Sicht, dann erklang der RufSchnurr" die Posten­kette entlang, und im Handumdrehen wurden die Paukanten irgendwohin verstaut: das Pjaukzeug schaffte man schnell beiseite und nahm mit der unschuldigsten Miene von der Welt an den Wirtschaststischen Platz. Beim Eintritt der in der Regel durch ihr sprung- weises Vorstürmen über die letzten 1Ö0 Meter sehr erhitzten und durstigen Gestren­gen tat man ob ihres Erscheinens sehr ver­wundert, hieß sie aber willkommen und lud sie zu einem Glase Bier an, was sie so wenig ausschlugen wie eine Gehaltserhöhung. Man sprach natürlich von den gleichgültigsten Sachen, von dem letzten Hochwasser und der Heuernte ü. dgl., trank dem Besuch tüchtig zu, so daß man bald in der Lage war, die >auf dem Programm stehenden Partien im Garten oder sonstwo in der Nähe auszu­tragen. Manche lustige Episode zwischen den Studenten luinib denSchnurren" machte unter den Gießenern die Runde. In der Regel waren es die im Grunde genommen doch gutmütigen Universitätspolizisten, welche bei dem gegenseitigen Wettkamps uni die Ueberlistnng hereinfielen. Aber das er­zeugte nur vorübergehenden Groll, denn der Gelegenheiten, bei einem Trünke Versöhnüng zu feiern, gab es viele. Natürlich mußte auch einmal ein Exempel statuiert werden und dann setzte es Karzer ab. Ter Gießener Uni­

versitätskarzer befano sich im alten Schloß neben der Zeughauskaserne, oben im Tach- raum. Im allgemeinen war das ein fideles Gefängnis. Tie Inschriften und Handskizzcn an den Wänden bezeugen es, keiner, der hier verweilen mußte, versäumte es, wenigstens seinen Namen irgendwo einzuschneiden. Tas üppige" Mobiliar, welches als Ueberbleibsel einer guten, alten Zeit int Museum des Obcrhessischen Geschichtsvereins Aufnahme gefunden hat, wird manchem Besucher in Amt und Würden nicht unbekannt Vorkom­men und wehmüsige Gedanken hervor­zaubern. Da saßen sie hochdroben, die Ucbel- täter, machten an den Gitterstäben des Fensters Klimmzüge und beschossen das vorübergehende Publikum mit Erbsen, die sie durch eine Glasröhre hinauspusteten. So- !gar die Lehrer in dem gegenüber gelegenen Gymnasium waren während des Unterrichts bei offenen Fenstern vor ihren Geschossen nicht sicher. Neben der regulären Beköstigung fand noch eine heimliche in der Weise statt, das; für das in einem Bestellzettel' einge­wickelte, an einem Bindfaden herunterge­lassene Geld Bier, Wurst und Zigarren ge­holt uttbSmif gleichem Wege wieder hochgezo­gen wurden. An Jungen, die die Besorgung Vornahmen, mangelte es nicht: denn die Ein­gesperrten vergnügten sich mitunter damit, Kleingeldin die Rabsch" zu werfen, was der Gießener Jugend bekannt war und diZe anzog. Ein Hindernis bei der Beförderung der Flaschen bildete der Dachkandel, über welchen diese hinweg gezogen werden muß­ten. Manche derselben erlitt dabei Schiff­bruch und fiel herunter. Es verursachte dies bei den erwartungsvoll unten stehenden Jun­gen ebenso viel Freude, wie wenn der Auf­zug gelang.

Neben der Universitätspolizei waltete da­mals noch die deni Provinzialkommissariat unterstellte Kommnnalpolizei ihres Amtes, als deren Vorstand im 1840er Adreßbüchlein der Polizeirat Zulehner benamst ist. Beide Institute, wenigstens was die ausführenden Organe anbetraf, waren sich nicht besonders zugetan und hielten sich einander fern. Tie

Geringschätzung auf die Polizeidicner herab, die sich ihrerseits wieder über ihre Kollegen von der Universität erhaben dünkten. Viele Maßnahmen der Stadtpolizei den Studenten gegenüber wurden von diesen als Eingriffe in die akademische Freiheit aufgefaßt, und es bestand daher ein fortgesetzter gegenseitiger Groll, der sich studentischerfeits in Spott­gedichten, Spottliedern und gelegentlich auch durch Einwerfen der Fensterscheiben Luft machte. Polizeirat Zulehner war keine zur Nachsicht geneigte Persönlichkeit und kam durch seinen chronischen Mangel an Ver­ständnis dafür, daß ein Student eben kein Spitzbube ist, bei der gesamten akademischen Jugend in der Reihe der notwendigen Ucbel