Sonntagsyruß
( Gemcindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Nr. l 5 Gießen, Sonntag Misericord. Dom., den 14. April 1918 7. Iahrg.
Neues Leben.
Oiib. Joh. 21, 5. Siehe, ich mache alles neu.
Was ist das für ein Gefühl, ivenn ein Mensch, vom langen Krankenlager aufgestanden, zum ersten Male wieder hinaustritt in | die klingende, farbenprächtige Welt! Wer unter uns wird die Zeit vergessen, wo wir im deutschen Vaterlande fast gänzlich umringt und abgeschlossen waren durch Weltmächte, die uns nicht Leben noch Zukunft gönnten? Und nun: der eiserne Ring ist zersprengt, die verrammelten Tore sind ausgestoßen, die grob- und feinmaschigen Netze sind zerrissen.. Sieg, Freiheit, Frieden, neue deutsche Zu-! kauft, neue deutsche Herrlichkeit. Wer will es erfassen, was Gott der Herr so wunderbar ! an uns getan!
Tic Auferstehung Jesu Christi von den Toten war für die alte Welt etwas so Unerhörtes und Gewaltiges, daß sie einen: Strom der Freude aufbrach, der jeden Schnurz und jede Mühe hoch überflutete! Tic Christen waren ganz neue Menschen ge- « worden an Leib und Seele. Ihr Seelen- 1 leben war mit einem neuen wertvollen Inhalt erfüllt, ihr Leibesleben mit einem un- | vergänglichen Glanz verklärt. Aus der Welt, der Ewigkeit, deren Tore der Auferstandene ihnen «anfgetau, kam ein Licht, das alle Ver-! hältnisse und Umstände, alle Erdensrcuden ; und Erdenleiden so kräftig durchstrahlte, daß alles mn sie herum ihnen wunderbar neu erstand.
Uns Menschen von heute will manchmal tiefe Wehmut überkommen, wenn wir den Gegensatz fühlen zwijchen der auferstandenen Natur da draußen und dem alten Menschen da drinnen, zwischen augenblicklicher ausflammender Bcgcisterting und der dann oft so schmählich versiegendeir Kraft _ unseres Willens zu dent, was gottgefällig ist. Willst du dich nicht unter seine Macht stellen, die das Neue schafft in Natur uird Völkerleben, und in der Welt des Todes eine Welt unzerstörbaren Lebens ans Licht gebracht? Siehe, dann bist du eine neue Kreatur; das Alte, was schlecht war, ist dann wirklich vergangen; es ist alles neu gelvvrden.
hundert Iahre deutsch-evangelische Gemeinde in Rom.
Cs hat lange gedauert, nämlich genau dreihundert Jahre, bis in der ewigen Stadt, der Residenz der Päpste, die immer sehr
leicht gezählten Protestanten das Recht erhielten, den Gottesdienst nach evangelischer Weise auszuüben. In der Zeitschrift „Unsere Kirche" spricht darüber der ehemalige Botschaftsprediger in Rom, Dr. Ernst Schubert. In den Oktobertagen 1817 wurde zum ersten Male in deutscher Sprache in Rom evangelisch gepredigt, und kein Geringerer als der damalige preußische Gesandte am päpstlichen Hofe, Nicbuhr, der berühmte Gelehrte, gab die Veranlassung dazu, daß der Gedenktag der Reformation in Rom gefeiert werden konnte. Wir haben darüber noch briefliche Berichte, nach denen diese Feier vor 40 evangelischen Deutschen sehr innig und weihevoll gewesen sein muß, doch ist die Hoffnung Bnn- sens, der einer der Teilnehmer war, daß „unsere Enkel die Reformation 1917 in einer Kirche feiern sollen", durch den Weltkrieg zunichte geworden. Aber damals wurde der Grundstein zu einer Gemeinde gelegt. Das Verlangen nach einem regelmäßigen Gottesdienst und einem dauernden Zusammenschluß der Evangelischen war um so berechtigter, als ein nicht kleiner Teil der damals in Rom lebenden Künstler, Overbeck an ihrer Spitze, zum Katholizismus übergetreten war und unter ihren Berussgeuossen eine eifrige Werbung für ihren neuen Glauben betrieb. In tatkräfllger Weise nahm sich Niebuhr der evangelischen Sache an, er beantragte in einem Bericht an König Friedrich« Wilhelm III. die Anstellung eines Gesandt- schaftspredigers, mit dem Erfolge, daß der Kandidat Schneider aus dem Seminar der alten Lutherstadt Wittenberg zum Geistlichen nach Rom berufen wurde. So hat sich die evangelische Gemeinde langsam gebildet, auch die deutsche Schule verdankt ihr ihre Entstehung. Erst 1868 konnte infolge eines Vermächtnisses eine deutsche Schule tu den Räumen der Gesandtschaft eröffnet werden, die 1899 vom neubegründeten Gemeindevorstand übernommen wurde, 1904 aber der paritätischen Schule weichen mußte. Tie Eroberung Roms im Jahre 1870 durch die Piemontesen und das Ende des Kirchenstaates und die dadurch erlangte Rellgwnsfretheit waren von entscheidender Bedeutung für das Gemeindeleben. Ein großer Teil der Gemeinde, di« französischen Schweizer, ging zur Waldenser Kirche über, aber die andern Ausländer, die deutschen Schweizer, die Oestcrreicher und Ungarn, Holländer, die Skandinaven und Balten, hielten der Gemeinde die Treue. Das Pfarramt wurde der deutschen Botschaft beim Qnirinal unterstellt. 1879 wurde eine


