einem langen gestrickten Schal, mit welchem er wohl verwickelt, im Winter seine Gänge machte: der Junggeselle Tr. Seitz, mit dem glattrasierten Moltkegesicht, der nur im Zylinderhut ansging und dem die Gießener den zwar unschönen, aber nichtsdestoweniger ehrenvollen Namen „Totenvogel" beigelegt: hatten, weil man in Krankheitsfällen, die in ein kritisches Stadium getreten waren^ die letzte Hoffnung aut die Kunst dieses tüchtigen Mediziners setzte. Wo ihn die Leut« in ein Haus treten sahen, in welchem an Kranker rang, steckten sie scheu die Köpfe zusammen; denn da stand es in der Regel nicht gut mit diesem. Ferner Hugo von Ritzen, ider Wiederhersteller der Wartburg, dem jauch ein großer Anteil an der Wiedererste- hung der damals gänzlich verwahrlosten Burg aus dem Gleiberg zusällt. Ter Verfasser hatte das Glück, von seinem Lehrer und väterlichen Freund Pros. Tr. Otto Büchner anfangs der 70er Jahre des öfteren als Junge zu den Vortragsabenden des Oberhessischen Geschichtsvereins mitgenommen zu werden und da u. a. auch den berühmten Architekten zu hören. Hugo von Ritgen war eine elegante, iedem Gießener bekannte, Erscheinung. Aus der Straße sah man den (alten Herrn nie anders, als mit dem abgestumpften, hohen, steifen Filzhut, dem kurzen modischen lleberzieher, in Lackschuhen und mit dem Nadelschirm unter dem Arm.
Ferner der Medizinalrat vr. Stammler, ein tüchtiger und beliebter Hausarzt, der in seinem Wesen etwas Beschauliches und Gemütliches hatte, so, wie die Gießener den Arzt gerne sahen, und der sich daher einer ausgedehnten Praxis erfreute. Er legte, da er die venia IsAsncki hatte, Wert daraus,,
,ahrein, jahraus in dem Vorlesungsverzeichi- nis der Universität zu figurieren, ohne aber temlals einen Gebrauch von seiner Berechtigung z,u machen. Darüber befragt, antwortete er, er habe keine Zeit.
Bei dieser Gelegenheit sei auch des glach- namigen, der jüngeren Generation noch bekannten Kreisarztes gedacht, des weißhaari- gen, 02 Jahre alt gewordenen, weiland se- sniors der Teutonen, mit seiner jugendlich, frischen Gesichtsfarbe, der 1840 zwar kyn Lehrer der Universität, wohl aber ein flotter Student war und bei dem allgemeinen Wirrwarr in dem Revolütionsjahre wie viele andere „auf Reisen" gehen mußte. Durch seine Schwerhörigkeit, die er in den letzten Jahren als lästige Erscheinung seines hohen Alters mit in den Kauf nehmen m'nfete,_üe& er sich nichtsdestoweniger seinen urwüchsigen Humor nicht trüben. Tie Tafelrunde in der „Schäferei" in der Kaiserallee, in welcher bei anem Glase Wein oder Bier die „Nachsitzungen' der Stadtverordneten stattzusinden pflegten, hat manche Probe davon zu hören bekommen. Stammler wird 'wohl derjenige gewesen sein, welcher die 1840er Professoren und Studenten, vielleicht auch alle, die sonst noch im
Adreßbüchlein verzeichnet stehen, überlebt hat.
Auch der alte Kirchenrat Engel war eine allbekannte Persönlichkeit, dessen Andenken' noch unter den Kindern derjenigen f-ortlebt, die ihn gekannt und durch sein Amt mit rhm im persönlichen Verkehr gestanden haben. Er war ein eigenartiger Herr mit unverfälschtem Gießener Dialekt, den zu unterdrücken ihm sogar auf der Kanzel nicht einsicl. Manchen ungewollten Witz soll er sich geleistet haben. Ter bekannteste ist wohl der mit seinen baden Beerdigungspredigten. Früher wurden die Amtshandlungen der Pfarrer, Taufe, Trauung, Begräbnis, besonders bezahlt. Eure Frau, deren Mann gestorben war, meldete dies dem „Kirchenrätchen", wie ihn die Gre- zener nannten, und fragte ihn, was dre Predigt koste. Ta antwortete er: „Ich Hab' er sür'n preußischen Tahler nn ei' sür'n Golle (Gulden), awwer die.sür'n Gölte kann rch nett empfehle." Diese Schnurren haben fern Andenken Wach gehalten bis auf den heutr- gen Tag. .
Und Wem von den Gießenern aus dein letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts ist nicht der greise, lebhafte und stets freundlrche Kanzleirat Clemm bekannt! Man sah rhu meist. Arm in Arm mit seinem Sohne, dem Professor Wilhelm Clenrm, und sich lebhaft mit diesem unterhaltend, um die Schwor spa- zierengehen. Uns Nachbarsjungen, die wir in den Gärten mit Bogen und Pfeil den Spatzen nachstellten, sah er schmunzelnd und bewturdernd zu; denn wir konnten schießen, „wie die Wilden". Auch der alte Universitätsdiener Zimmermann, den man mit der Mappe unterm Arm nach vorn vorgebengt seine Gänge besorgen sah und den die Studenten, weil dies stets im Sturmtempo ge- schab, den „Windhund" nannten, war eine Mannte Straßenfigur. Bei festlichen Gelegenheiten siel der große, hagere Mann m der hellblau besetzten Uniform der hessischen Staatsdiener mit dem „Schockelgaul" aus dem Haupte besonders aus; denn da flog er nur so durch die Straßen. Uebrigens muß sich der pflichteifrige und brave Mann einer hohen Wertschätzung bei seinen Vorgesetzten ^erfreut haben, denn ich erinnere mich, daß diese bei einem Familienfeste vor seinem Wohnhäuschen in der Hintersasse (jetzt Wetzsteinstraße) vollzählig vorfuhren, um ihm persönlich ihre Glückwünsche zu überbringen.
An akademischen Instituten und Anstal- ten waren vorhanden: das phrlologrsche Se- minar, die Bibliothek, das anatomische Thea- ter, das akademische Hospital, welches in an medizinisches, ophtalmologisches unu ui an chirurgisches Klinikum zerfiel,, ferner das Entbindungsinstitut, das chemische Laboratorium, der botanische Garten, die Sternwarte und das meteorologische Kabinett, das physikalische, mathematische, technologische, architektonische, zoologische, mineralogische und pathologische Kabinett, die Sammlung


