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Gemeindeblatt für die evangelis<He Virchengemeinde Eießen

Vit. 7 Gießen, Sonntag Invokavic, Öen 17-Februar 1918 V.Iahrg.

Luthergeist - Lhristentind.

Brief des Apostels Paulus au die Römer 11, 7. Unser keiner lebt ihm selber, unser keiner stirbt ihm selber.

Am Vorabend von Luthers Todestag ver­senken wir uns in den großen LebenSge- danken, der in Luthers Wesen zum vollen Leuchten kam.^ In einer Schrift, die er im Pestjahre 1527 als Antwort herausgab auf die Schrift:Ob man vor dem Sterben fliehen möge" hat er die freimütige Losung des Apostels zu seinem Bekenntnis gemacht. Er hat sein Bekenntnis in die Tat umgesctzt. Unseres Reformators Leben und Sterben, trägt unverkennbar das Siegel des Opfers für seinen Herrn und jür die Christenheit.

Diesen Luthergeist haben ungezählte tap­fere Brüder im Felde bewahrt, ungezählte Familien in der Heimat, die willig und ohne Murren das Liebste auf Erden dahingaben fürs Vaterland. Gott gebe, daß dieser Geist freudiger Hingebung uuserm Volke erhalte^ bliebe. Schon in Friedcnszeiten gab es, von der Welt unbeachtet, Helden und Helden- frauen, die ganz in der Stille ihr Leben, j wert machten durch treueste Hingabe an an­dere, an die Ihrigen und an die Fremden in aufreibender, unermüdlicher Arbeit für! das Wohl der Gesamtheit.

Alle diese umschließt ein geheimes Band der Verwandtschaft mit dem Herrn, der sein Leben in den Dienst gab für seine Brüder und Schwestern, wenn sie im Aufblick zu ihm ihr Leben dahin geben. Denn Kraft und Freudigkeit zum Opfern kommen erst aus der vollbewußten entschlossenen Verbindung! j mit dem Herrn. Er gibt erst Weihe, Schön-! heit und Sinn einem Leben, das für andere! lebt. Er macht auch das Sterben zum Ge-1 winu und zum Segen für die anderen. Aus dem Südfriedhof in Leipzig trägt eine Urne die bedeutsame Aufschrift:Ich bin des Herrn." Ein größeres Glück gibt es nicht, als Ihm anzugehören für Zeit uno Ewigkeit; kein vornehmeres Streben, als aus das; ich sein eigen sei!"

Line deutsche Stadt in der Wassersnot.

(Schluß.)

Was führten die wild durch die Straßen der Stadt schießenden Wo­gen nicht alles mit sich! Hun­derte von gefüllten Flaschen mit Wein und eingemachten Früchten wirbelten vorüber,

manche konnten als willkommenes Strand­gut von der nach! vielen Tausenden zählen­den zuschaueudeu^Menschenmenge aufgesischt werden. Aepfel, Sardinenbüchsen, große ge­füllte Konservengläser alles zog in wil­dem Tanz dahin. Leere und gefüllte Fässer kamen vorbei, haushohe Baumstämme stie­ßen du,nps dröhnend gegen die Häuser. Von der Fußbank und dem Stuhl bis zum großen Schrank waren alle Möbelstücke in dem schwimmenden Chaos vertreten, dazu un­zählige hölzerne Stallbauten, Gartenlauben, losgerissene Kähne, Bretterwände und so­gar ein ganzes Schilderhaus mit weithin leuchtenden schwarz-weiß-voten Farben. Das Musikhaus Bruns suchte beim Nahen des Wassers seine teuren Pianos aus den un­teren Stockwerken des Lagers zu retten, vergebens. Tie W!elleir ergriffen eins der schweren Pianos, rissen es mit in den tollen, Wirbel der Elemente und trugen e? 5 Klm. stromab bis nach Bretzenheim, wo man den Ausreißer noch wohlverpackt nach 2 Stunden in seiner Kiste wiederfand. Tie mrderen In­strumente wurden im Lager von^den ein- dringenden Wässerfluten wie Spielbälle nmhergeworfeu, mehrere Orchestrious konn­ten durch schwere Gewichte festgehalten wer­den. Besonders groß ist der Schaden, der das Musikhaus Wolfs in der Kurhausstraße traf. Zn den, tiefgelegenen Lagerräumen stand das Wässer über IV 2 Meter hoch und verdarb zahlreiche Klaviere und Harmv- nwniums. Ganze Stöße Bücher und Noten gingen zugrunde. In den Kolonnaden am Bäderhaus Und der Luisenpromenade kehrte dos Wasser das Unterste zu oberst. Tie Wo­gen hoben die Lädentische mit den Waren­auslagen auseinander und untereinander, während sich- die überraschten Ladeninhaber oben auf ihre Regale flüchten mußten, an denen das Wasser stundenlang rüttelte, hob und schob. Unzählige Verkaufsartikel schwammen fort, darunter die wertvollen goldenen und jilbernen Erzeugnisse der Ju- welierfirma Gerhard. In den Weinkellern stieß das Wässer die mit dem kostbaren Naß. gefüllten Fässer gegen die Wände, so daß manches zerbarst und den Million enwein des Jahrgangs 1917 in die schmutzige Lehm­brühe fließen ließ. Einen jämmerlichen Tod fanden zahlreiche Kaninchen, die in ihren Ställen ertrinken mußten und in ihrer To­desnot herzbewegend jammerten. Am Hotel Bellevue sah man ein ganzes Hühnervolk mit dein stolzen Hahn dabei dahinschwim-