GemcLndeblatt für die evangelische Birchengemeinde Gießen
yitr.6 Siechen, Sonntag Estomihi, den 10 . Februar 1918 V-Iaheg.
Der Segen der Gebetsversagung.
2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther 12, 7—9. Auf daß ich mich nicht der hohen Offenbarung überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe. Dafür ich dreimal zum Herrn gefleht habe, daß er von mir wiche. Und er hat zu mir gesagi: „Laß dir an meiner Gnade genügen; denn m.ine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
Ist das nicht eine merkwürdige Uebcr- schrift: Der Segen der Gebetsversagung? Von der Gebetscrhörung und ihrem Segen hören wir oft, dagegen wenig von der Gebetsversagung. Und doch können wir den Worten des Apostels keine andere Ueber- schrift geben. Denken wir uns in seine Lage. Nachdem er von Christus ergriffen ist, verkündigt er das Evangelium der ganzen Welt. Und nun hat ihm Gott eine tückische Krankheit gesandt, einen Pfahl ins Fleisch. Diese lähmt seine Tatkraft. Gottes Werk, für das der Apostel sein Leben einseht, muß ja dadurch notleiden. Und so fleht er dreimal den Herrn an, er möge das Leiden von ihm nehmen. Doch jedes Mal, trotz aller Geduld, trotz allen Wartens ist Gottes Antwort ein hartes Nein. Da hört er auf, in diesem Sinne weiter zu beten. Sein Geist steht vielleicht zuerst sinnend vor dem Rätsel; bale aber beginnt er seinen Gott zu verstehen. „Las; dir an meiner Gnade genügen," ist Gottes Antwort. In diesem Augenblick weiß er, daß die Gebetsversagung eine Gebets- erhörung ist.
Auch wir erkennen heute, daß es eine Gebetsversagung gibt, daß Gott unsere Bitten oft verweigert. Das ist der Stein des Anstoßes für so manchen geworden, der zü Beginn des Krieges betete. Daher die vielen Zweifel, die sich heute regen. Da ist es uns gut, wenn wir erkennen: niemals und nirgends^ verheißt uns Gottes Wort, daß er unbedingt tun will, was wir bitten. Gibt es denn Eltern, die sich verpflichten möchte", ihren Kindern alle Bitzen zu erfüllen? Es ist nicht der rechte Gebetsgeist, Gott etwas abtrotzen zu wollen. Der rechte Gebetsgeist; kann auch zur rechten Zeit schweigen. Gewiß sagt der Herr Jesus: „Alles, was ihr bittet im Glauben, das will ich euch geben." Beachten wir doch den Zusatz: im Glauben.
Das heißt nicht etwa: in der festen Erwartung, daß unsere Bitte unter allen Umständen Erfolg haben wird, sondern vieltz mehr: in der völligen Hingabe an den Herrn, die auch die Weigerung versteht. Genau so steht im ersten Brief des Johannes: „So wir etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns." Beachten wir auch hier den Zusatz: nach seinem Willen. Gott behält sich ausdrücklich die Machtvollkommenheit der Entscheidung vor. Wenn wir freilich nach seinem Willen bitten, dann werden wir unbedingt auch heute erhört. Aber das hat auf Erden nur einer ganz gekonnt: Jesus selbst. Er hat nie vergeblich gebetet und nie die zerrüttende Erfahrung des vergeblichen Betens,, des Irrwerdens an Gottes Verheißung gemacht, selbst nicht im Garten Gethsemane und am Kreuz. Mochten auch die Menschen spotten: „Er hat Gott vertraut, der erlöse; ihn nun; halt, laßt sehen, ob Elias komme und ihm helfe," er war stets der Hiilfe und Erhörung des himmlischen Vaters gewiß.
Möchten wir doch uns den Herrn zum Vorbild nehmen, gerade in dieser Zeit, möchten wir alle es wissen: ein gläubiges Gebet ist nie umsonst. Wir sehen es ja an dem Apostel Paulus. Eine Antwort hat er von Gott empfangen: „Laß dir an meiner Gnade genügen." Wir alle können uns an Gottes Gnade genügen lassen, die uns auch die heutige Last tragen hilft. Gott hat zu Paulus gesprochen: Dein Leiden nehme ich nicht von dir. Doch ich habe eine airdere, köstlichere Gabe für dich. Kraft zum Dulden und Ertragen soll dir geschenkt werden, und du wirst durch die Tiefen der Demut und Geduld und auf die Höhen des Glaubens und der Kraft geführt werden, die du nicht kennen; gelernt hättest, wenn deine Bitte wörtlich erfüllt worden wäre. War das nicht die schönste Gebetserhörung trotz aller Gebetsversagung? Der Apostel hat es auch so aufgefaßt und sagt: „Darum will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheit rühmen, auf daß die Kraft Christi in mir wohne. Wenn ich schwach bin, so hin ich stark."
Paulus hat nicht umsonst gebetet. Haben wir nun umsonst gebetet? Nein, was der Herr zusagt, das hält er gewiß. Wer sucht, der findet oft nicht, was er sucht, sondern Besseres. Maria Magdalena suchte den Leichnam des Herrn und fand den Auferstandenen. Und du suchtest Bewahrung in der Not und fandest, hast hoffentlich gefunden den lebendigen Heiland. Auch heute


