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Sonntaysgruß

/ lZemerndeblatt für die evangelische Airchengemeinde (Ließen

Nr. - Gießen, Sonntaa Z. nach Epiphanias, den 27. Januar 1918 7- Iahrg.

Jesus und die Neuerungsbeftrebungen der Gegenwart.

Evangelium des Matthäus 23, 4. Sic bin­den aber ichwere und nniräglichc Bür­den und legen sie den Menschen aus den Hals; aber sie wallen dieselben nicht mit einem Finger regen.

Es gab eine Zeit, da hat man in Jesus nur denholdseligen" Heiland gesehen, den Seelenbräutigam", wie er iin Ziuzendors- schen Kreise genannt wurde, den milden, sanftmütigen König. Ein Christentum, das im wesentlichen gefühlsmäßig geartet war, den rauhen Alltag scheute, dem Kampf des Lebens aus dem Wege ging und sich in stiller Anbetung betätigte, hat diese Aus­drücke geprägt. Längst hat man erkannt, daß mit diesen Worten nur eine Seite an dem Wesen des Heilandes, und wahrlich nicht die hervorstechendste, bezeichnet wird. Jesus war ohne Zwei,el mehr als der sanfte Freund der Seele, er war ein Kämpfer ohnegleichen, ein zornglühender Prophet, der den Gegner auf­suchte und Auseinandersetzungen nicht aus dem. Wege ging. Ter, -der einst im Tempel die Geißel über -die Taubenhändler und Wechsler schwang, der das Kreuz erwählte, war anders als sein Lieblingsjünger Jo­hannes, den die Künst zu allen Zeiten mit sanften Gesichtszügen dargestellt hat. Man lese nur -einmal das 23. Kapitel des Evan­geliums des Matthäus, in dem Jesus scharfe Abrechnung mit den Pharisäern hält und ihre Art schonungslos kennzeichnet. Hier gebraucht er Worte, die an Luthers Streitschriften -erinnern, er nennt die Phari­säer Heuchler, Schlangen, Otterngezüchte, Narren, Blinde, vergleicht sie mit über­tünchten Gräbern, tadelt ihre Ehrsucht und Werkgerechtigkeit. Das Schwerwiegendste aber bringt er gegen sie vor, indem er sagt, daß sie den anderen Menschen untrügliche Bürden auf den Hals legen, selber aber sich den eigenen Gesetzen nicht unterwerfen. Diese angeblichen Hüter des Heiligen haben, indem sie 1000 Fast- und Tempelgebote aufstellten und das fromme Leben mit unzähligen Fuß­angeln umgaben, sich selbst, nm ein Fremd­wort zu gebrauchen, von dieser Verpflichtung dispensiert".

Sind nicht ähnliche Kräfte in der Gegen­wart bei uns am Werke? Regieren soll im Grunde nur die Obrigkeit: denn sie hat auch hmsichtlich dessen, das sie -anordnet, die Ver­

antwortung zu tragen. Jede Obrigkeit, die sich dieser Verpflichtung bewußt ist, überlegt mit der größten Sorgfalt jeden Schritt, den sie tun will, sie geht, wenn sie Gesetze und Verordnungen erläßt, mit der größten Um­sicht zu Werk, berücksichtigt alle Interessen, dre in Frage kommen; denn sie will vor dem Urteil der Geschichte bestehen. Nun regiert die Obrigkeit, an deren Spitze der Fürst des Landes steht, heute nicht mehr allein, neben ihr steht die Volksvertretung und hat einen großen Anteil an der Gesetzgebung. Aber auch die Volksvertretung muß verantworten, was sie tut: wenn sie den Interessen des Landes zuwiderhandelt, so setzt sie sich den schwersten Angriffen aus. Tie steigende Volksbildung, die vielen in.d-er Gegenwart Anteil an der Kultur, der Zeit gibt, hat es mit sich, gebracht, daß neben -der verantwort­lichen Regierung und neben der gleichfalls verantwortlichen Volksvertretung- eine große Zahl von unverantwortlichen Ratgebern steht. Fast sind derer, die mitregieren wollen, mehr -als derer, die regiert werden. In Ver- samM-lungen, in der Presse und in den Hun­derttausenden von Petitionen, mit denen un­sere Regierungen überschüttet werden, wird g-es-agt, wie das Volk zu lenken sei. Diese Petitionen sind recht ein Nebel unserer Zeit: denn -die verschiedensten Interessengruppen wollen durch sie die allerverschiedensten Ziele erreichen. Es gibt Verbände, die -wollen Frauen ,nnd Mädchen von kaufmännischen Geschäfte!: ferngehalten wissen, andere wün­schen das gerade Gegenteil. T-er eine will Höchstpreise, der andere entscheidet sich- mit aller Energie dagegen. Leute, die in be- auemer Ruhe zu Hanse geblieben sind und beträchtliche Gewinne einstecken. sagen den Heerführern, was sie machen sollen, maßen sich- an. den Kämpfenden gute Lehren zu ge­ben. Ter Krieg-, der über viele Familien so schweres Leid gebracht hat, gibt vielen, die die Härte der Zeit nich-t enipfinden, will­kommene Gelegenheit, eine Rolle zu spielen. Mehrere Millionen deutscher Männer stehen im Felde und schützen das Vaterland, sie müssen infolgedessen -auf jede Betätigung im politischen Leben verzichten, derweilen strebt man in der Heim-at Neuerungen an, -die für das Wohl und Wehe des Volkes ans Jahr­zehnte hinaus wichtig sind. Hunderttausende deutscher Väter können setzt für ihre her- anw-achsenden Töchter nicht -eintreten, der­weilen reden unreife Männer und Frauen, die selbst keine Kinder haben, von der Ein-

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