- 6 -
päer, teils Inländer. Punkt 6 Uhr eröff- nete die Musik mit einem Festmarsche die Feier; anschließend spielte sie: Stille Nacht, heilige Nacht, was von allen Anwesenden uiitgesungeu wurde. Darauf begrüßte ich die Leute und hielt eure kurze Weihnachtsansprache. Tie Aufmerksamkeit der Seeleute war groß; mancher» von ihnen hatte sicher feit langem nichts mehr aus Gottes Wort vernommen. Hierauf erlaubte ich den Leuten, die Paketchen zu öffnen, die auf eines jeden Teller lagen. Tie lleberraschung war groß, vor allein, als die Pfeifen zum .Vorschein kainen. Immer wieder hörte man das freudige: „Kiek mol, wat ne seine Mutzpiep!" Es bekam nämlich jeder eine Pfeife, 5 Zigarren und entweder Va Dutzend Taschentücher oder ein Paar Socken. Tie Feier verlief äußerst schön; die Musik spielte prächtig; auch wurden von den Matrosen Gedichte vorgetragen und kurze Ansprachen gehalten. Do- niine Langen (der holländische Geistliche) sprach über das Wort: Verbannt! Seine Worte kamen vom Herzen und gingen auch zu Herzen. Ter deutsche Konsul, Herr Schild, war auch erschienen. Das machte auf die Matrosen einen -guten Eindruck. Unter dein Singen von Weihnachtsliedern und Erzählen flogen die Stunden dahin, und alle bedauerten, als ich um 9 Uhr die Feier schloß, aber ein Versprechen meinerseits zwang mich dazu. Zum Schluß dankte der Arzt von dem Dampfer „Ninive" im. Namen der Matrosen und Offiziere für den herrlichen Abend. Er meinte u. a., daß keiner diesen Abend jemals vergessen würde. Darauf sangen die Anwesenden mit Begleitung der Kapelle: „Nach der Heimat möcht' ich wieder!" In manchem Auge glänzten Tränen. Durch alle Ansprach>en und Gedichte klang die Sehnsucht nach der teuren Heimat, nach dem trauten Vaterland. Möchte diese Sehnsucht bald gestillt werden!"
Gießener Zeitungsinserate vor 80 Jahren.
Zeitungsinserate sind für den, der weder kaufen noch verkaufen will, gerade keine kurzweilige Lektüre, und in Friedenszeiten haben wir, nachdem wir die beiden ersten Seiten unseres Blattes gelesen hatten, die dritte und vierte Seite, die die Anzeigen enthalten, höchstens flüchtig überschaut. Dennoch sind auch Zeitungsinserate als Geschichtsguellen anzusehen. Sie spiegeln die Kultur ihrer Zeit und die Anschauungen der Menschen wieder uno sind mit ihrer Ausdruckweise ein Spiegelbild der Tage, in denen sie aufgegeben worden sind. Turchblättert man alte Jahrgänge deutscher Zeitungen, so findet man, daß die Inserate von einem Menschenalter zum andern eine andere Form annehmen und einen Schluß auf die Lebeweise und Lc- bensanschauung der vergangenen Geschlechter
zulassen. Ter „Gießener Anzeiger", dcr heute ein stattliches Blatt ist uns im politischen, lokalen und feuilletonistischen Teile viel Beachtenswertes bringt, war vor 80 Jahren nichts als ein Anzeigeblatt. Demgemäß trug er auch den beicheidenen Titel „Gießer Anzeigeblatt". Er erschien wöchentlich nur einmal und enthielt weder Polin,che noch lokale Artikel, sondern lediglich die Bekanntmachungen der Behörden und die Anzeigen der Geschäftsleute. Aus den Jahrgängen 1837—1841 geben wir hier einige Jiiserate wieder, die wert sind, der Vergessenheit entrissen zu werden.
In der Nummer vom 3. März 1838 lesen wir: „Auf der Straße von Gießen nach Großenlinden ist ein seidenes Taschentuch, mit gelbem Grund und schwarzem Muster, verloren worden. Der Finder erhält, bei Ablieferung in meiner Wohnung oder auf der Polizey, einen Gulden Belohnung. Professor I. Liebig." Dem großen und damals schon berühmten Gelehrten nmß das verlorene Taschentuch sehr von Wert gewesen sein, weil er eine für die damalige Zeit sehr hohe Belohnung dem Finder aussetzt, Kutturge- schichtlich interessiert es, zu er,ahrepi, welcher Art damals die Taschentücher waren, die die Herren benützten.
Wie billig man in jenen Jahren hier noch lebte, lernen wir aus einer Ankündigung der Witwe des dahier verstorbenen Aiuts,ekre!ärs Staudinger kennen; sie schreibt: „Bisher haben fünf bis sechs Herren den Mittagstisch bei nur gehabt, welche Zahl durch den Weggang einiger von hier bis auf zwei verringert worden ist. Ich sehe mich daher-genöthigt, hierdurch den Wunsch auszudrücken, es möchten einige andere Herren die Stelle der weggegangenen ersetzen. Vergütet wurden mir 11 kr." Also für 11 kr., das waren 33 Pf., konnte man damals in Gießen zu Mittag essen. Wer sehnte sich nicht nach diesen Zeiten? Allerdings gab es danrals in feinen Gasthäusern auch höhere Preise, aber immer noch, erstaunlich gering ist der Preis, den Johann Heinrich Busch „im Garten" verlangte, wenn er kundgibt: „Heute, als Samstag den 12. Mai, nintmt die Table d'hote, das Couvert zu 24 kr., wieder ihren Anfang und besteht den ganzen Sommer über jeden Samstag; an anderen Tagen kann nach der Karte gespeist werden." Das schreckliche Wort „Table d'hote" ist in Deutschland noch lange bis in die z,reite Hälfte des vorigeil Jahrhunderts hinein gebraucht worden. Wie mancher Deutscher tat sich etwas zugut darauf, wenn er sagte, er habe in diesem oder jenem Hotel „diniert" und „soupiert", noch viel feiner war es, wenn er vom „Lunch," und vom „Dinner" sprach. Vielleicht sind wir durch diesen Krieg die Ausländerei ganz losgeworden.
Es ist eine alte Gießener Klage, daß Studenten und Handwerksgesellen oder Schüler und Lehrlinge sich in der Stadtkirche schlecht


