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I-11 -

Sonntagsgruß

( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen

ZO Gießen, Sonnrag, 8. nach Trinitatis, den 29.Juli 1917 6. Iahrg.

bcheinheiligkeit.

Evangelium des Matthäus 7, 21. Es wer­den nicht alle, me zu nrir Herr, Herr sagen, iit das Himmelreich kommen, sondern, die den Willen, tun meines Vaters im Himmel.

Häufig wird in der Bibel vor religiöser Heuchelei gewarnt, im alten ,vie im neuen Testament. Das Wort des Propheten Je- saias:Dies Volk nahet sich zu mir mit sei­nem Munde und ehret mich, mit seinen Lip­pen, aber ihr Herz ist fern von mir" klingt wunderbar zusammen mit dem Ausspruch Jesu im heutigen Evangelium:Es werden nicht alle, die zu mir Herr, Herr sagen, ln das .Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel." Das ist deutlich genug geredet und von uns lvohl zu beachten. Was nützte es einein Men­schen, wenn er den Namen Gottes häufig im Munde führte und sein Herz trotzdem voll wäre von Bosheit, Rachsucht, .Heuchelei, Geiz ulrd andern schlimmen Dingen? Kann je- inaird, dessen Gesinnung und Taten nicht mit seinen frömmelnden Worten in Einklang ste­hen, andere zu Jesus führen? Gerade wir evangelischen Eliristen müssen uns so klar wie möglich darüber sein, daß nur die Verinner­lichung der Religion wahre Religiosität be­deutet. Dann wird nämlich Gesinnung, Be­kenntnis und Tat wohl zusammen passen. Dieser Dreiklang wird dann schön durchs Le­ben klingen, aus diese Glocken werden dann auch andere hören. Nicht alle, die Herr, Herr sagen, werden in das Himmelreich kommen. Aber deren Herzen erglühen in ungefärbter Liebe zum Heiland, denen Jesus der Mittel- punkt ihres Lebens ist, die haben nicht nur das Recht, sondern namentlich auch heute die ganz besondere Pflicht, mit ihrem Be­kenntnis nicht hinter dem Berg zu halten. Wenn sogar heute schon mitten im Krieg der Unglaube lärmend sich hervorwagt, wenn wir nach dem Frieden uns wieder aus aller- schärfste Angriffe gefaßt machen müssen: dann sollen heute und immerdar fromme "Menschen öffentlich ihren Heiland bekennen. Nicht aufdringlich, zur Unzeit und an fal­scher Stelle, sondern mit dem richtigen Wort am richtigen Matz. Gelegenheit ist reichlich dazu vorhanden. In Schule und Haus, Kirche und Versammlung, Presse und Par­lament. So sehr Scheinheiligkeit und .Heu­chelei durchaus zu verwerfen sind, um so

mehr müssen auch Aengstlichkeit und falsche Scham jedem Christen fremd sein, wenn es gilt, die Sache des Heilands zu vertreten. Ein böser Knecht, der still kann steh'n, Sieht er den Feldherrn vorangeh'n".

Giehen vor 40 Jahren.

(Fortsetzung.)

Dem Lehriörper des Gymnasiums gehörte damals schon oer im Frühjahr im Alter von 80 Jahren aus den: Leben geschiedene Geh. Schulrat 1). Stamm an, sowie der noch in unserer Mitte lebende Geh. Schulrat Tr. Rausch. Außerordentlicher Lehrer war der jetzige Offenbacher Kreisschulinspekror Schul­rat Heinrich Scherer.

Direktor der Realschule war Tr. Georg Ernst Stein. Dem Lehrkörper dieser Anstalt gehörte der vor einigen Jahren verstorbene Reallehrer und Kirchenvorsteher Christian Albach an, der sich im Beginn der 70 er Jahre grosse Verdienste um das Zustande­kommen einer Fortbildungsschule für die schulentlassene männliche Jugend erworben hatte. Mitte der 70 er Jahre ist die Fort­bildungsschule dann von Staats wegen einge­richtet worden.

Leiter der höheren Mädchenschule war Schulinlpektor Karl Vigelius. Außer ihm wirkten an der Anstalt acht Lehrer und acht Lehrerinnen. Zu den Lehrern dieser Anstalt gehörte schon damals der vor kurzem ver­storbene Professor Dr. Buchhold.

Das; Gießen in den letzten 40 Jahren an Bevölkerungszahl sehr zugenommen hat, merkt man, wenn man die damaligen Ver­hältnisse an der Stadtschule mit den gegen­wärtigen vergleicht. Die Stadtknabenschule hatte vier, die Stadtmädchenschule sechs Klassen. Im- Jahre 1914 hatte die Stadt­knabenschule 32, die Stadtmädchenschule 30 Lehrkräfte, das ist eine ganz ungeheure Ver­mehrung, die aber in den meisten deutschen Städten zu konstatieren ist. In den nächsten 40 Jahren wird die Entwicklung zweifellos nicht in demselben Tempo weitergehen. Nichts wirkt so sehr auf das Sinken der Be- völkerungszahl ein, wie ein großer lang an­dauernder Krieg. Zudem ist die gegenwär­tige Weltanschauung derart, das; sie dem Steigen der Beoölkerungszahl nichts weni­ger als günstig ist. Es wird auch den Eltern, die mehrere Kinder haben und diese zu tüch­tigen Menschen erziehen wollen, diese ihre Arbeit durch Anordnungen, die aus moder-