Nr. 26. Metzen, Sonntag 4. nach Trinitatis, den 1. Juli 1917. 6. Jahrgang
Erneuerungsglaube.
Evangelium des Matthäus 9, 12. Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.
Von einer Erneuerung des Dolksgeijtes ist namentlich am Anfang des Krieges viel geredet worden. Wenn man sich die Stimmen von dazumal in die Erinnerung zurückruft, so wundert man sich über den fast kindlichen Glauben, mit dem Unzählige eine durchgreifende Erneuerung der Zinnesweise als das sicherste Ergebnis der augenblicklichen Leidenszeit ansahen. Das optimistische Gerede ist im Laufe der Zeit verstummt, und viele von denen, die sich zu seinem Sprachrohr machten, werden wohl in das gerade Gegenteil verfallen sein. Fast nur noch als schwaches Säuseln macht sich der Lrneue- rungsglaube als Nachhall des ehemaligen gewaltigen Windes in den parteiblättern und -Programmen bemerkbar, indem er hier als Lockruf an die Allgemeinheit gebraucht wird, sich der jeweils vertretenen Ansicht anzuschließen. Die Erneuerung wird nur «als auf dem Boden gerade dieses Programms erreichbar hingestellt, während alle anderen politischen Lehren schnurstracks dem Abgrund entgegenführen.
Bei denen, die also gesinnt sind, muß ein Wort, wie wir es an die Spitze unserer Betrachtung gestellt haben, wie eine kalte Dusche wirken. Denn >alle, die eine in Paragraphen wohlverfaßte Heilmethode für die öffentlichen Schäden auf Lager haben, halten sich für die Gesunden und Starken, während die anderen die bemitleidenswerten Kranken sind.
Der Erneuerungsglaube dessen, der obige Worte geredet hat, war ein anderer, als der im vorstehenden kurz gekennzeichnete. Der war weitherziger, nachsichtiger, duldsamer. Gleichzeitig war er aber auch wärmer und hoffnungssreu- diger. Cr machte aus seinem wollen und Streben keine Parteisache, es war ihm in erster Linie Herzenssache. Auf diejenigen, die „eines guten Willens" sind, richtete er sein Augenmerk.
Auch wir fassen die Erneuerungsfrage als Schicksalsfrage' anders kann sie gar nicht gefaßt werden. Aber eben darum dürfen wir sie auch nicht als Menschensache ansehen, sondern sie muß uns mehr noch, ja am allermeisten als Gottessache erscheinen, weil Gott so wenig zu Bäte gezogen wurde, darum ist der Erneuerungsglaube der ersten Kriegs
begeisterung so schnell verflogen und hat fast nur ein Gefühl der Mißstimmung hinterlassen.
Folgen wir dem Fingerzeig, den die Ziffer des Jahres gibt, das wir gerade schreiben. Die bringt uns eine Erneuerung in die Erinnerung, die schon einmal über Deutschland gekommen ist als das Werk eines demütigen, gottgläubigen Mönches. Der hat dem Schicksal in das Auge gesehen und sich von diesem belehren lassen: so geht es nicht weiter. Dann aber hat er die Hand Gottes gefaßt und gesagt: führe du mich! Und siehe, er hat Deutschland auf den rechten weg verholfen. B. G.
Die Zrau.
wohl noch nie, solange die Erde steht, sind Anforderungen an die Frauenwelt in so dringender und zwingender weise ergangen, wie dies nunmehr seit Beginn dieses Krieges in stets fortsteigendem Maße geschieht, Ansprüche an die Körperkräfte nicht nur, sondern auch hauptsächlich an die Seele fast jeder einzelnen Frau. Dabei müssen wir uns sagen, daß die allerwenigsten der Frauen für die großen Aufgaben, vor die sie sich plötzlich gestellt sahen, vorbereitet waren. Um so ehrenvoller ist es für die einzelne, wenn das Gebot der Zeit, wenn die Bot Gaben und Kräfte bei ihr zur Entfaltung brachte, die sonst wohl für immer nutzlos geschlummert, nie einem Menschen einen Nutzen gebracht hätten. Nun wir aber sehen, wessen eine tüchtige Frauenseele fähig ist, wollen wir da nicht anfangen, uns in ernste Zucht zu nehmen, damit das Große, das diese Zeit in uns geweckt hat, nicht mehr verloren geht, damit wir nicht wieder in Torheit und kleinliche Lebensauffassung zurückfallen, wenn erst der eiserne Zwang schwerer Zeit von uns genommen sein wird?
Eine Dichterin hat es so schön und treffend zum Ausdruck gebracht, wie die Frau von heute beschaffen sein muß, wenn sie in Wahrheit ihre große Mission erfüllen, vorbildlich leben und vorbildlich wirken will, wenn je, so ist jetzt die Zeit, die Augen offen zu halten und sich für ein Leben zu. schulen, dessen Inhalt Ewigkeitswert hat. wie wunderbar herrlich müßte es dann einst sein, wenn wir,'vor den Pforten der Ewigkeit stehend, uns sagen können: wir Haben versucht, den Gottesgedanken in uns auszuleben, und der barm-


