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Cr war ein starker Tabakraucher, dabei hatte er die Schwäche, daß er seine Pfeife gern aus anderer Leute Tabaksbeutel stopfte. Jeden Freitag kam er in mein Elternhaus. Mitten im Gespräch ging er, als ob sich das von selbst verstünde, an den Tisch, wo mein Vater seinen Tabak aufzubewahren pflegte, und stopfte, ohne dazu aufgefordert zu sein, seine Pfeife. Vas dauerte so lange, bis mein kleiner, damals vierjähriger Bruder ihm dies Vergnügen verdarb. Cr fragte jeden Morgen: „was ist heute für ein Tag?" und wenn es hieß: ,,es ist Freitag", so ging er hin und versteckte des Vaters Tabak, und der Itzik mußte seine pfeife kalt rauchen. Itzik war übrigens ein guter Familienvater und Ehemann, wie das die jüdischen Männer meist sind. Man wird selten unter ihnen einen Trinker finden. Die Frau des Handelsmannes war alt und hinfällig, ba tat der Mann allein die Hausarbeit. Tagsüber ging er mit seinem pack, angetan mit dem blauen Kittel, durch die Dörfer, abends besorgte er das Hauswesen, kochte und wusch die Zimmer auf. Gb er gerade diese Arbeit mit besonderer Gründlichkeit ausgeführt hat, wollen wir dahingestellt sein lassen. Cr lebte streng nach dem jüdischen Ritualgesetze, aß also nur, was ,,koscher" war. Nur während seiner Soldatenzeit er hatte als hessischer Soldat 1849 den Feldzug gegen die badische Revolution mitgemacht hat er gegessen, was ,,treife" war, was aber für Kriegszeiten nach dem jüdischen Gesetze erlaubt ist. (Fortsetzung folgt.»
Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
(Fortsetzung.»
Im Sommer war der greise Kantor Schuster gestorben. Zu Michaelis wurde seine Stelle wieder besetzt durch einen Kandidaten der Theologie, namens pax, einen Mann, dem ich viel verdanke und der in meinem Leben eine wichtige Holle spielt. Cs war ein kleiner, korpulenter Mann mit rundem Gesicht und empfehlendem Reußeren. vis dahin hatte er als Hauslehrer auf einem adligen Gute fungiert und sich dort, wie es so oft geschieht, mit der Kammerjungfer in ein Liebesverhältnis eingelassen. Dies hatte sichtbare Folgen gehabt und der Mann war dadurch um jede Aussicht gebracht, eine Pfarre zu erhalten, so daß ihm kaum etwas anderes übrig blieb, als die sehr schlechte Rektorstelle in Märkisch- Friedland, mit der zugleich die Grganistenstelle verbunden war,, zu übernehmen. Sein Kind, ein Mädchen, hatte er bei einem befreundeten Landprediger untergebracht. Die Mutter war im Wochenbette gestorben und wurde von ihm innig betrauert. pax war ein Mann von Kenntnissen, die sich freilich meist nur in den Grenzen des theologischen Wissens hielten; auch spielte er ziemlich gut Klavier.
Das Schulhaus war ein plumper, massiver Steinkasten; unten befand sich die Schulstube, oben im zweiten Geschoß die Wohnung des Vektors. Cs gab nur eine Klasse, in welcher Knaben und Mädchen beisammen saßen, und die Lehrgegenstände waren auch hier die uns schon bekannten: Religion und Katechismus, vibellesen, Schreiben und Rechnen. Ich war dem Rektor durch meinen Vater sogleich zugeführt worden und erhielt außer dem gewöhnlichen Unterrichte nebst einigen anderen Schülern noch Privatunterricht im Lateinischen, der sehr wohlfeil war.
Die Rektorstelle war so überaus dürftig dotiert, daß auch ein einzelner Mann von ihr nicht leben konnte, wie allgemein zugestanden wurde. Deshalb entschlossen sich mehrere Honoratioren der Stadt: Kreisrichter, Bürgermeister, Rkzise-
Cinnehmer und Inspektor, dem Rektor der Reihe nach wöchentlich einen Freitisch zu gewähren; nur so konnte er, ohne zu hungern, existieren. Dies war sehr wohl gemeint, wurde auch von pax recht dankbar angenommen, führte aber doch für beide Teile so viel Unbequemes mit sich, daß es nach einiger Zeit aufgegeben werden mußte. Eine Rufwartefrau kam des Morgens eine Stunde lang, um dem Rektor das Frühstück zu bereiten, das Bett zu machen und die Zimmer zu reinigen. Rlles übrige, was er sonst noch bedurfte, mußte er sich selber besorgen, oder, was am gewöhnlichsten geschah, darauf verzichten.
Gar bald gewann ich das Wohlwollen des Rektors. Schon nach einigen Wochen war ich Primus der Schule und bin es von da ab immer geblieben. Cs war doch ein anderes Lernen bei ihm als bei meinen bisherigen Lehrern. Cr erklärte, verdeutlichte, ließ Rnwendungen machen, wies die Ursachen und Gründe nach, soweit wir sie verstehen konnten, kurz, er weckte das Nachdenken und bildete den verstand, indem er auf Einsicht drang. Davon war bisher nicht die Rede gewesen.
Rektor pax besaß eine kleine Büchersammlung, und gern lieh er mir daraus, was ihm für mich passend schien. Zuerst erhielt ich hoffmanns „Unterricht von natürlichen Dingen". Dies Buch gefiel mir außerordentlich, und ich ruhte nicht eher, als bis ich jeden Satz begriffen zu haben glaubte. Die Leichtigkeit, mit der mir das glückte, freute mich nicht bloß, sondern prickelte auch meine Eitelkeit. Ich schrieb an den Rektor und bat ihn, mir zu erlauben, daß ich mir den Rb- schnitt des Buchs, der von der Bewegung der Crde handelte, abschreiben dürfe. Cs war kindisch; denn es war ja nicht verboten, und hielt ich es dafür, so hätte eine mündliche Frage die Sache auch erledigt. Ich kam mir aber ziemlich bedeutend aor, als ich in einer wissenschaftlichen Rngelegenheit an einen Rektor schrieb. Demnächst kam Rasfs „Naturgeschichte" an die Reihe. Die Methode, von den Tieren selbst ihre Geschichte erzählen zu hören, kam mir zwar seltsam vor, mein großer Respekt vor allem Gedruckten hielt mich jedoch fern von jedem Tadel. Cin Rutor zu sein, schien mir etwas so überaus großes, daß ich mir nichts mehr wünschte, als einen Mann zu sehen, der ein Buch hätte drucken lassen. Cr trat meiner Rnsicht nach damit ganz aus dem Kreise der übrigen Menschheit heraus und gehörte einer höheren Gattung an. Unser geistlicher Inspektor kam mir viel ehrwürdiger vor, seit er durch die Zeitungen einen Rufruf zur Unterstützung für die Rbgebrannten in Friedland hatte ergehen und drucken lassen, und dennoch war dies noch lange kein Buch. Die Kupfer aus Raffs Naturgeschichte zeichnete ich mir möglichst treu ab und malte sie nach den Beschreibungen aus, wodurch sie freilich nichts gewannen, doch haben sie mich lange beschäftigt. hierauf erhielt ich Martinets „Katechismus der Natur", aus dem holländischen übersetzt von Cbert, 4 Bände mit Kupfern. Das Buch enthält Gespräche eines Geistlichen mit seinem Zöglinge auf Spaziergängen über alle diejenigen Naturerscheinungen in Wald und Flur, welche sich den Rügen darbieten, ungefähr in dem Sinne wie herveps „Betrachtungen über die Herrlichkeit der Schöpfung", welche ich später las. Martinet faßt die Natur vom religiösen Standpunkte auf und zitiert eine Menge von Bibelsprüchen, die er oft sehr schön verwendet, und er weiß, trotz einer gewissen Breite und Redseligkeit, zu erwärmen und zu interessieren. Das Buch gewährte meiner Phantasie einen weiten Spielraum, erklärte mir sehr vieles, machte mir anderes deutlicher, lehrte mich noch Unbekanntes und hat viel in mir gewirkt. Ich habe es


