Nr. 14. Bietzen, Sonntag Ostern, den 8. April 1917. 6. Jahrgang.
Gslern.
Evangelium des Lukas 24, 5. was suchet ihr den Lebendigen bei den
Toten?
Die Menschen, die ohne Gsterglauben sind und der Lotschaft, daß es ein ewiges Leben gibt, ein kurzes Nein entgegenstellen, haben es, wie es auf den ersten blick scheint, sehr leicht mit ihrer Beweisführung und brauchen weder viel Zeit noch viele Worte, um ihre Ansicht zu begründen. Erde wird Erde, mit seinem Kbsterben sinkt jedes Wesen zurück in das Nichts, die moderne Astronomie hat keinen Kaum mehr für einen Himmel im Zinne der Gläubigen gelassen, darum ist eine beherzigenswerte Maxime das Wort, das in den 70er Jahren an dem Portale des Friedhofes einer berliner freireligiösen Gemeinde geschrieben stand: „Macht hier das Leben gut und schön, kein Jenseits gibt's, kein Wiedersehen!"
bei näherem Nachdenken findet man jedoch, daß das nicht nur eine sehr trostlose Weisheit ist, sondern auch eine Weisheit, die dem eingehenden Denken nicht standhält. Die Menschen, die nicht den Glauben an eine ewige Welt haben, werden, wenn die Jugendzeit mit ihrer Freude und die Zeit der noch aufstrebenden Kraft vorbei ist, leicht von lähmender Mutlosigkeit befallen. Klles ist eitel, das ist der Inhalt ihrer Lebenserfahrung. Das Leben gleitet an ihnen vorüber wie ein Schattenspiel an der wand. Dor ihnen ist es dunkel und hinter ihnen ist es dunkel. Klle Nrbeit ist ein mühsames Ningen, das für die Dauer keinen bestand hat. Nuch die Völker tauchen auf, streben empor und sinken zurück in die Nacht. Um mit Eduard von Hartmann zu reden, so wäre es das beste, wenn dieser Weltlauf sich wieder in das Nichts zurückbilden würde.
Gegen diese pessimistische Weltanschauung hat sich kein Geringerer als Moltke aufgelehnt. In seinen hinterlassenen Papieren fanden sich die Sätze: „Unmöglich kann dieses Crdenleben ein letzter Zweck sein. Eine höhere Bestimmung müssen wir haben, als etwa den Kreislauf dieses traurigen Daseins immer wieder zu erneuern. Sollen die uns rings umgebenden Nätsel sich niemals klären, an deren Lösung die besten der Menschheit ihr Leben hindurch geforscht haben? wozu die tausend Fäden von Liebe und Freundschaft,
die uns mit Gegenwart und Vergangenheit verbinden, wenn es keine Zukunft gibt, wenn alles mit dem Tode aus ist?" -
Jesu Auferstehung, sein Sieg über Welt und Tod ist die sicherste Garantie für das Vorhandensein einer Welt, die mit irdischen Sinnen nicht zu erfassen ist. Man darf seine Auferstehung freilich nicht isolieren, sondern muß stets sein ganzes Leben zur Beweisführung heranziehen. Jesu ganzes wirken, feine Worte, seine Persönlichkeit verbürgen uns, daß es einen lebendigen, persönlichen Gott gibt, der die Liebe ist und der mit dem Menschen, der seine Hand erfaßt, sich in inniger Gemeinschaft verbinden will. Unfaßbar aber ist, daß dieser Gott die Menschen, denen er so Großes zuwendet, nur zu kurzem Lintagsdasein geschaffen habe, die notwendige Folge dieser Erwägung ist vielmehr, daß die Verbindung, die Gott mit ihnen eingeht, in einem höheren Dasein, über dessen Art wir freilich! nichts genaues wissen, das aber ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt, fortbesteht.
Dieser Gedanke vermag auch Trost an den Gräbern zu geben. Ohne die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit unseren Lieben, die uns der Tod geraubt hat, wären wir die ärmsten Geschöpfe unter dem Himmel. Tausendfach kommt diese Hoffnung auf den Grabinschriften, vor allem der deutschen Friedhöfe, zur Geltung. Auf einem Soldatengrabe, das auf der höhe des Spicherer Berges liegt, steht die Inschrift: „hier ruht bei seinen treuen Kameraden unser vielgeliebter Sohn, bruder und Neffe Johann Peter Pütz von Biebelhausen, Kreis Saarburg, Gefreiter bei der 9. Kompagnie hohenzollernschen Füsilierregiments Nr. 40. Er starb hier den Heldentod am 6. Nuguft 1870. Sanft ruhe seine hülle in der Totenstille und wartend einer fröhlichen Auf- erstehung am jüngsten Tage." Diese schlichte Inschrift gibt davon Kund?, daß eine innere Stimme vielen in unserem Volke sagt, daß es ein ewiges Leben und ein Wiedersehen nach dem Tode gibt. Nicht aber von einem Theologen oder einem strenggläubigen Manne aus dem Volke, sondern von Schiller, der mehr in der Kantischen Philosophie und im klassischen Altertume wurzelte als in der geoffenbarten Ne- ligion, rührt das Wort her: „Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht." h.b.


