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Das kirchliche und religiös-sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Giehen im Jahre l9s5.

(Fortsetzung.)

8. Innere Mission.

wie überall, so ist auch in unserem Dekanate die Tätig­keit der Inneren Mission trotz des fortdauernden Krieges all­mählich wieder in Fluß gekommen. Der Dberhessische Ver­ein für Innere Mission hielt am 24. November 1915 seine Jahresversammlung ab, die erste in der Kriegszeit und die erste unter seinem neuen Vorsitzenden, Professor D. Schian. Allerdings fand die Versammlung gegen sonst in sehr ge­kürzter Form statt, von der gewohnten öffentlichen Ver­sammlung am Abend hatte der Vorstand ganz abgesehen. Die Tagung bestand in der Hauptsache aus einem Neferat des Pfarrers Bechtolsheimer-Gießen über die Frage:hat die evangelische Kirche im Kriege versagt?" Die Frage läuft im letzten Grunde auf die andere hinaus:hat das Christentum sich im Kriege als wertvoll erwiesen, sind Krieg und Thristen­tum miteinander zu vereinbaren?" Allen Angriffen und ein­seitigen Darstellungen gegenüber kam der Neferent zum Schlüsse, daß die evangelische Kirche in der Kriegszeit alle Kräfte entfaltet hat, und daß die Gaben und Kräfte des Evangeliums, die Schätze ihrer Lieder, von vielen Kämpfern als wertvoll, ja als unentbehrlich, empfunden worden sind. Der von dem Unterzeichneten im Abendgottesdienste gehalte­nen predigt lag Offenbarung Johannis 3 Vers 7 und 8 zugrunde.

Ein Dekanatsfest für Innere Mission, wie es vor Jahren auf Anregung des vereinsgeistlichen Bräß von der Dekanats- spnode beschlossen worden war, fand allerdings auch im zwei- tcTt Kriegsjahre nicht statt. Es war schon vor dem Kriege schwierig, für jedes der drei Dekanatsfeste eine geeignete und willige Festgemeinde zu finden. Und die meisten Schwie­rigkeiten stellten sich stets dem Feste für Innere Mission entgegen. Doch ist geplant, noch im Laufe dieses winters eine Ueihe von Vorträgen über die Innere Mission, besonders aber über das Zeitgemäße und interessante Thema der Für­sorge für verkrüppelte und arbeitsunfähige Kriegsteilnehmer, durch den jetzigen vereinsgeistlichen in den Dekanatsgemein­den halten zu lassen. Die Verhandlungen sind eingeleitet und hoffentlich finden sich genügend Gemeinden, in denen der Uedner sprechen kann. Gewiß finden derartige Ausführungen aufmerksame Zuhörer, sei es nun in gottesdienstlicher Ver­sammlung in der Kirche, sei es in irgend einem Verein, Frauenoerein oder dergl.

Es soll hier noch nachträglich erwähnt werden, daß be­reits 1914 im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Krieges Ueiskirchen eine Kleinkinderschule neu entstanden ist und sich bis heute als lebensfähig und als ein Bedürfnis für die Gemeinde erwiesen hat. Im vorigen Bericht konnte hier­von noch keine Mitteilung gemacht werden, weil die Berichte der Kirchenvorstände über derartige Vorgänge in den Ge­meinden dem Unterzeichneten nicht zugänglich waren.

In der Erziehungs- und Fürsorgearbeit hat die lange Kriegsdauer mehr und erschwerte Hrbeit gebracht. Mehr: denn in nicht wenigen Fällen zeigte es sich, wie die lange Ab­wesenheit des Hausvaters und die mancherorts sich mehr und mehr hervorwagende Verwilderung der Jugend gar manchen Jungen sich von der Zucht der Mutter losreißen ließ.

Pfarrer G r o t h - Uödgen.

9. Der Dustav-Adolf-Verein.

Trotz der hervorragend friedlichen Tätigkeit, der er wie alle Vereinigungen, die der christlichen Liebesarbeit dienen, obliegt, umgibt den Gustao-Adolf-Verein wenigstens in seinem Namen ein gewisser kriegerischer Glanz. Unser Volk hat ihn sich um der alten ehrwürdigen Erinnerung willen, die sich an diesen Namen knüpft, gern gefallen lassen. Gott weiß es aber, wie diese in seinem Kerzen unter dem Einflüsse dieses Krieges ein besonders hell loderndes Feuer der Ehristenliebe hat ent­brennen lassen. Das diesjährige Ergebnis der Leistungen straft das vorjährige, das schon ein so hervorragendes war, nicht nur nicht Lügen, sondern überbietet es sogar noch. Das sehen wir schon an dem Schoßkinde des Vereins, der Gustav-Adolf-Haus- kollekte. Mit 35 358,20 Mk. überbietet sie die vorhergegan­gene Kriegsgenossin und hält ihr einen lOprozentigen Ueber- schuß vor Augen, während diese schon mit ihren l3 <y 0 geglaubt hatte wunder was geleistet zu haben. Dafür darf die 1914er Neformationskollekte das frohe Bewußtsein haben, ihrer Nachfolgerinüber" zu sein, die mit 6974,95 Mk. um etwa 7000 Mk. hinter jener zurückbleibt. So etwas soll uns aber nicht verdrießen. Dafür schnellt die Konfirmandengabe, deren glückliche Besitzerin die Gemeinde Großsteinheim geworden ist, und an der sich 342 hessische und zwei nichthessische Konfir­mandenvereinigungen beteiligt haben, wieder auf 3643,66 Mk. in die hohe, so daß Großsteinheim an das im Vorjahre kärglicher bedachte Viernheim sogar noch etwas abzugeben sich entschloß.

Durch diese günstigen Umstände wurde der Hauptvor­stand in die glückliche Lage versetzt, 2200 Mk. mehr als im Vorjahre zu verteilen, ohne den eisernen Bestand angreifen zu müssen. Ja, er konnte sogar demAusgleichsfonds" weitere 5000 Mk. zuführen, der dazu dienen soll, etwaige Nückschläge in späteren Jahren zu mildern. Alle begonnenen Neubauten von Kirchen und Pfarrhäusern wurden trotz des Krieges voll­endet, und auch die mit Schulden belasteten Pfleglinge dürsten ihre Bürde wieder etwas erleichtern. Wir haben alle Ursache, mit reinster Freude dieseKriegswirkung" festzustellen.

Pfarrer Lic. G o m b e l - Ueiskirchen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Zugendzeit eines deutschen Mannes.

(Fortsetzung.)

Meine Mutter kam ihm natürlich nicht wieder. Wer hätte nach solchen Proben glauben sollen, daß Friedland von Berlin nur 40 Meilen entfernt war? Es lag von ihm sehr weit, vom Mittelalter sehr wenig entfernt in der Barbarei. Ohne Zweifel aber ist es seitdem eine ganz andere Stadt geworden,' denn einige Generationen helfen vorwärts.

Um meine Lust zum Malen zu befriedigen, machte ich den versuch, mir Pinsel aus meinen haaren zu verfertigen,' der Vater half mir dabei, und wir leimten sehr emsig,' aber die Pinsel wurden herzlich schlecht und erwiesen sich selbst für meine Malereien kaum brauchbar, was viel sagen will. Ich suchte mir Gkererden auf den Feldern, welche im Sande als kleine Knollen teils von gelber, teils von roter und brauner Farbe häufig zu finden waren,' ich lag halbe Tage lang auf dem Bauche am Boden und suchte so eifrig, als ob ich Diaman­ten zu finden hoffte, hier erwachte meine Sammellust. Ich brachte einen guten Vorrat von Stücken zusammen, die ich nach den verschiedenen Nuancen ordnete. Da ich die Farben jedoch nicht zuzubereiten verstand, war damit nicht viel ge­holfen. Ich machte mich sogar daran, den Marktplatz mit allen