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ein heimlich Grüßen von Herz zu Herz. Man hätte meinen können, wir seien daheim im Dorfkirchlein, so still, so weihevoll war uns zu Mut. Ls war wohl nur e i n Gefühl, das uns alle beherrschte: in dieser Stunde schlingt sich ein unsichtbares Land von denen daheim zu uns herüber. Und wir spürten es, als ob es ein Schauer sei, der durch die Leihen der bärtigen Landstürmer aus Hessen und Thüringen ging: wir stehen für euch daheim ein mit unserem Herzblut.
Lewegt, aber getrost verließen wir die Kirche: die schwere Zehnsucht, die auf uns gelastet hatte, war nun von uns genommen. Mir hatten unser Weihnachten gehabt. Rlles Schwache war abgeschüttelt: nur durch Ztarksein konnten wir siegen. Unser Leben, unsere Gedanken gehörten wieder der Pflicht, dem Vaterland. Ztbg.
^-Erinnerungen eines alten Mannes.
von Generalarzt a. D. Dr. Otto Kappesser in varmstadt.
28. B u be n u n v e r st a n d.
Lls ich daheim noch in die Dorfschule ging das sind jetzt auch schon achtzig Jahre her da galt noch als Ehrung der Toten ein altfränkischer Lrauch. Gb das heute noch so ist, weiß ich nicht mehr, wenn ein erwachsenes Gemeindeglied das Zeitliche gesegnet hatte, so erfuhr die Gemeinde das alsbald durch das sogenannte ,,Schabgeläut"*), ein kurzes Zusammenklingen aller Glocken. Die Leerdigung war Zache der ganzen Gemeinde, weshalb man auch solche in der Mittagsstunde vornahm, wo jeder Zeit hatte. Für das wichtigste, die Verbringung der Leiche nach dem hoch neben der Kirche gelegenen Begräbnisplatze, hatten nach altem Herkommen die Mannsleute der Nachbarhäuser zu sorgen, denen auch die Herrichtung des Grabes und die Beschaffung des Zeils oblag, mit dessen Hilfe der Zarg in die Grube hinabgelassen wurde.
vor Leginn der Feier wurde der Tote noch einmal in seinem Hofe im offenen Zarg und, bekleidet mit dem weißen Totenhemd, zur Schau ausgestellt, dann erst wurde der Deckel aufgeschraubt und von den Trägern auf die Lahre genommen, was mitunter bei gewichtigen Personen keine Kleinigkeit war. Gleich dahinter ging mit den Unverwandten der Herr Pfarrer, eine Zitrone, einen Rosmarinzweig und ein weißes Schnupftuch in den Händen, was alles ihm nach altem Lrauch als Lkzidenz verehrt worden war. Lei meiner früh erwachten Lust zum Gärtnern habe ich öfters solche Zweige, die mein Vater in der Lusübung seines Pfarramtes erhalten hatte, nach Unräten mit einem in einen Spalt des Stieles geklemmten Gerstenkorn in Blumentöpfe gepflanzt und einige stattliche Zträucher erzielt, vor dem Zarge gingen die Männer und an der Spitze des Zuges wir Luben, zusammen sangen wir die alten Zterbechoräle, die durch die Hellen Knabenstimmen belebt wurden.
Wir keiner von uns wäre ohne Not zurückgeblieben
versammelten uns vorher im Schulhaus und wurden von dem alten Lehrer Zebrich zum Sterbehause geführt, wo derselbe den Gemeindegesang anstimmte und leitete. Einmal aber war er krank oder sonstwie verhindert und wurde von dem pensionierten Lehrer N., der als wohlhabender Lauer im benachbarten E. lebte, vertreten, wie nun der Trauerzug sich die steile, stark gekrümmte Kirchgasse hinauf wand, da
*) Durch anonyme Zuschrift eines Lesers meines Beitrags in Nr. 48, Jahrgang 1914 d. Bl., wofür ich ihm hiermit Dank sage, wurde ich belehrt, daß der Nusdruck „aufs Schab legen" auf das hier und da gebräuchliche wort „Sckaub" oder „Schab" zurückzuführen ist, was ein loses Bündel Stroh bezeichnet und auf den hygienisch löblichen Brauch hinweist, die verstorbenen alsbald aus den Zamilienbetten heraus und auf loses Stroh zu legen.. v. verf.
war die ungestüme Jugend etwas vorausgeeilt und drohte der Zug wie der Feiergesang auseinanderzugeraten. Da hörte man plötzlich die laute Stimme des R.: ,,Gewitterkeil, rangeh ale, ihr Männer, hie geht's um’s Eck herum!"
Nachdem das Grab zugescharrt, der Hügel geformt und nach uraltem Lrauch der bereitgehaltene, ausgestochene Lasenfleck am Kopfende darauf gepflanzt worden war, wurde in der danebenstehenden Kirche regelmäßiger Gottesdienst mit predigt gehalten, dem wir, der Lot gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, bis zu Ende beiwohnen mußten. Dann ging es wieder zurück in die Zchulstube, wo wir erwartungsvoll auf den Länken saßen, bis der Läcker kam mit seinem Korb voll frischer Wasserwecke. Davon bekam dann jeder beim hinausgehen den seinen zum Lohn, und der schmeckte damals besser als heute die feinste Nußtorte.
Ich hatte damals drei gleichaltrige Spielkameraden, Louis Wallich, Louis Maul und Iörnerich Diehl, die'ersten beiden zarte Bürschchen im vergleich zu ihrer Umgebung, der dritte aber versprach ein richtiger Lauernbursche zu werden. Sie wurden alle drei von der mörderischen Typhusepidemie des Jahres 1843 hinweggerafft und ich allein blieb verschont. Man hat mir gesagt, daß, als zehn Jahre vorher das gleiche Unheil über das Dorf gekommen war, da hätte ich als Dreijähriger die Krankheit leicht überstanden. Dieser Iörnerich nun hatte uns ein Geheimnis vertraut: Wenn es beim Zuscharren des Grabes von den auf den Sarg fallenden Schollen arg rumpele, dann gäbe es gewiß bald wieder eine Leiche, von da an drückten wir uns immer dicht heran und horchten, ob es rumpele, und freuten uns auf den nächsten Wasserweck.
Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant. Zu deutsch: Buben sind Buben und machen es wie Buben.
Weihnachten drautzen und daheim.
Wiederum läuten die Weihnachtsglocken über eine Welt, die den Frieden nicht kennt. Zum dritten Male in harter Zeit werden die kleinen Wachskerzen angezündet, zu Hause, im geschützten heim, und draußen im Unterstand, nicht weit vom Feind. Zn vielen Häusern ist die grüne Tanne in bunt- glihernder Pracht wohl ganz verschwunden, in Häusern, in denen das Leid im vergangenen Jahr Einzug gehalten hat. In anderen wieder ist sie kleiner und schlichter geworden als in früheren Jahren, wie ja auch unsere Weihnachtswünsche immer bescheidener werden. Nur geben, geben möchte man denen, die fern von der Heimat und ihren Lieben ihr Weihnachtsfest verbringen. Gar oft ist es ja auch im Kreise mitfühlender, wehmütig-froh gestimmter Menschen, im Kreise liebgewordener Kameraden im gemütlichen Unterstand, hell flammen die Kerzchen auf, die eine sorgende Hand aus der Heimat geschickt hat. Ls glitzert und blitzt in ihrem Schein der silberne Schmuck der schlanken Tanne, die man sich im nahen Walde geholt hat. Es duftet der Weihnachtsstollen durch den niederen, engen Kaum, der Kuchen, nach einem, von der Mutter erbetenen Rezept in der Feldküche gebacken. Die Rosinen kamen aus Brüssel und einige der anderen Zutaten ebenfalls. Und die Wochen vor dem Fest, wie waren sie angefüllt mit eifrigster Tätigkeit und geheimnisvollen Vorbereitungen, die Mußestunden der Offiziere und Mannschaften in Unspruch nehmend.
Da gibt es Bestellungen zu machen hinter der Front, mancher Wunschzettel wandert nach Hause, mit geheimnisvollem Eifer werden die nach und nach emtreffenden Paket-


